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»Sehr befreiend für uns alle«

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Gießen. Damals, 2013, war Wincent Weiss selbst Teilnehmer eines Gesangwettbewerbs im Fernsehen. Der Jury von »Deutschland sucht den Superstar« um Urgestein Dieter Bohlen erklärte er noch recht schüchtern, gerade erst die Playstation zugunsten einer Gitarre verkauft zu haben. Gewonnen hat Wincent Weiss die Castingshow nicht. Und dennoch ging es für den heute 29-Jährigen karrieretechnisch nur noch bergauf.

Bei »The Voice Kids« saß der Musiker als Coach zuletzt auf der anderen Seite - und hatte für jungen Talente einige Tipps parat. Am 21. August steht Wincent Weiss nach zwei Jahren coronabedingter Zwangspause beim Gießener Kultursommer auf der Bühne. Im Interview spricht der Sänger, der geduzt werden möchte, über den Stillstand während der Pandemie, Herzensangelegenheiten bei seinem Engagement als Juror bei »The Voice Kids« und die Erleichterung, endlich wieder auf Tour gehen zu können.

Vor etwas mehr als zwei Jahren waren wir schon einmal an diesem Punkt: Die Ankündigungen für deine Sommerkonzerte liefen bereits. Auch in Gießen haben sich Fans schon auf den Auftritt beim Kultursommer gefreut. Bekanntlich musste wegen Corona dann alles abgesagt werden. Wie fühlt es sich an, nun wieder auf der Bühne stehen zu können?

Ziemlich unbeschreiblich. Ich schaue mir viele Videos aus den vergangenen Jahren an, auch vom Kultursommer oder der Tour von 2019, und kann es gar nicht so richtig glauben. Es sieht so surreal aus, dass da massenhaft Leute stehen. Ich freue mich natürlich riesig darauf, wieder spielen zu können, wieder auf der Bühne zu stehen, wieder dieses Gefühl zu haben wie vor zwei Jahren, als die Welt zumindest livekonzertmäßig noch in Ordnung war. Ich freue mich sehr auf den 21. August in Gießen.

Was erwartet die Zuschauer denn eigentlich? Dein aktuelles Album ist ja inzwischen ein anderes…

Das ist auch so eine Schande, dass man einfach ein Album rausgebracht hat und damit gar nicht auf Tour gegangen ist. Da kam eben direkt der Stillstand. Jetzt hofft man natürlich, die Songs aus dem alten Album endlich richtig live präsentieren zu können. Also gibt es alte Songs und aus dem aktuellen Album bauen wir selbstverständlich auch welche ein. Wir versuchen einfach, eine freie Show zu machen. Ich habe ja ein paar Corona-Konzerte vor Strandkörben gespielt. Da war alles ein bisschen reduzierter, mit viel Abstand. Jetzt wieder die volle Band, volle Show, volle Action. Ich glaube, das wird ein befreiendes Erlebnis.

»Vielleicht Irgendwann« heißt dein neues Album, das während der Pandemie entstanden ist. Der Titel klingt so, als hättest du auf den plötzlichen Kulturstopp Bezug genommen?

Ich hatte zum ersten Mal viel Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Davon ist schon eine Menge eingeflossen. Die Songs habe ich aber teilweise vor Corona, 2019, geschrieben. Etwa die Hälfte des Albums ist dann während der Pandemie entstanden. Das war meine erste lange Zwangspause - auch zum Revue passieren lassen, was in den vergangenen fünf Jahren geschehen ist. Darüber habe ich viel geschrieben. Aber es gibt keinen Song, der direkt auf die Corona-Pandemie gemünzt ist. Zwar sind ein, zwei Songs vielleicht spiegelbar, sie wurden aber nicht explizit für die Situation geschrieben.

Konntest du in dieser Zeit auch positive Aspekte für dich mitnehmen?

Total. Für mich rückten Familie, Freunde und Privatleben wieder in den Vordergrund. Alles Dinge, die ich in meinem Tourjahr hinten angestellt habe. Wenn man 120 Konzerte im Jahr spielt, bleibt links und rechts nicht mehr so viel Platz. Das habe ich definitiv versucht nachzuholen.

Der Lockdown im Kulturbetrieb hielt aber doch sehr lange an. Kam mit der Zeit Verzweiflung dazu oder bist du optimistisch geblieben?

Nein, Verzweiflung war auf jeden Fall dabei. Gerade, als es ständig hieß: »Wir verschieben schon wieder. Wir können den Sommer nicht spielen und auch den Herbst nicht.« Jetzt ist das immer noch so: Ich sollte eigentlich im Mai auf Indoor-Tour gehen, die ist noch einmal auf 2023 verschoben worden. Natürlich ist das auch für die Fans kein schönes Gefühl. Betroffen sind alle Mitwirkenden, die Band und die vielen Gewerke. Da macht sich Verzweiflung breit und vermutlich ist das noch untertrieben. Doch umso euphorischer sind die Leute jetzt, wenn es wieder losgeht: Das erste Konzert, das erste Intro. Wir spielen 30 bis 40 Konzerte diesen Sommer und steigen wieder in den Tourbus. Dieses Losfahren wird, denke ich, sehr befreiend und wichtig für uns alle.

Wirst du auf der Straße hauptsächlich wegen deiner Musik erkannt oder inzwischen mehr wegen deiner Tätigkeit als Coach bei »The Voice Kids«? Da tut sich ja eine neue Zielgruppe auf…

»The Voice Kids« ist natürlich ein super Familienpublikum. Gestern war ich zum Beispiel in München unterwegs und da kam ein Papa auf mich zu und meinte: »Hey, ich hab eine 14-jährige Tochter, die findet dich ganz cool. Ich kenne dich nur von ›Voice Kids‹, das haben wir zusammen geschaut.« Er hat dann noch gesagt, dass er mich auch ganz okay findet (lacht).

Du warst 2013 selbst Teilnehmer bei »Deutschland sucht den Superstar«. Wie fühlt es sich an, nun auf der anderen Seite zu stehen?

Es ist der beste Job, den ich mir vorstellen kann. Früher wollte ich mit Kindern arbeiten oder eben Musik machen, nun kann ich das verbinden. Ich sehe »The Voice Kids« auch gar nicht als Arbeit an, sondern wirklich als Coaching. Es ist gar nicht so lange her, dass ich zum ersten Mal auf einer Bühne stand, und da will ich den Kids etwas mitgeben, ihnen die Angst nehmen. Es geht nicht darum, dass sie gewinnen, Superstars werden und Karriere machen, sondern sie sollen Spaß haben und ein Gefühl für die Musik bekommen. Das ist eine ganz andere Herangehensweise als sonst in Castingshows.

Welchen Tipp möchtest du jungen Talenten geben?

Ich habe von meiner Mom gelernt, dass man das machen sollte, wo man sein Herz reinsteckt. Und wenn man merkt, »das ist nichts für mich«, dann sollte man es beenden. So hat meine Mutter es mir vorgelebt, und genau das will ich den Kids auch mitgeben. Manche Kinder haben zum Beispiel gemerkt, dass große Bühnen nichts für sie sind oder dass sie lieber hinter der Kamera stehen. Ich will ihnen beibringen, auf sich zu hören und ehrlich zu sich zu sein, wenn etwas nichts für sie ist.

Wenn dir jemand damals bei DSDS gesagt hätte, dass du in ein paar Jahren selbst Juror in einer Talentshow bist: Was hättest du geantwortet?

Nichts davon hätte ich geglaubt. Die vergangenen sechs, sieben Jahren waren unvorhersehbar und irgendwie verrückt. Ich habe das alles kommen und passieren lassen. Meinem jüngeren Ich hätte ich wohl gesagt: Sei nicht so verkopft. Nimm mit, was geht. Hab Spaß und genieß es.

Tickets für den Gießener Kultursommer sind im Internet über https://giessenerkultursommer.de erhältlich.

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