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Seiltanz zum Erfolg

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Einer der letzten Arbeitstage eines mehr als 150 Jahre alten Unternehmens: Händler der Investmentbank Lehman Brothers im Juni 2008 in der New Yorker Börse. Foto: dpa © dpa

Familiensagas, die vom wirtschaftlichen Auf- und Abstieg erzählen, folgen häufig einem bewährten Schema: die erste Generation sorgt für den Reichtum, die zweite Generation verwaltet ihn, die dritte Generation verspielt ihn wieder. Auch der Italiener Stefano Massini nimmt in seinem opulenten neuen Roman drei Generationen in den Blick. Doch dieser Familie gelingt es sogar, ihren Reichtum über die Jahrzehnte und Epochen immer weiter zu mehren, bis sie irgendwann zu den mächtigsten der USA zählt.

Erst der Epilog markiert nach rund 850 Seiten auch das Ende des Unternehmens - das wir alle kennen: Es geht um »Die Lehman Brothers«.

Massini beginnt da, wo alles angefangen hat. Bei dem jungen Juden Heymar Lehmann aus dem unterfränkischen Dorf Rimpar nahe Würzburg, der von seinem Vater im Jahr 1844 in die USA geschickt wird, um sein Glück zu machen. Und tatsächlich gelingt es diesem klugen, tatkräftigen und ehrgeizigen Immigranten nach seiner Ankunft in New York, sich schnell nach oben zu schuften. Ihm zur Seite stehen bald seine beiden nachgereisten Brüder Emanuel und Meyer, die wie er das zweite »n« im Nachnamen ablegen und als Lehman Brothers von Alabama aus einen erfolgreichen Baumwollhandel aufziehen.

Dann stirbt der Anführer des Trios jung an einer Krankheit, doch die Erfolgsgeschichte geht jetzt erst richtig los. Denn die ungleichen, aber sich perfekt ergänzenden Brüder beweisen ein enormes Gespür für neue Geschäftsideen. Zunächst werden sie zu Großhändlern: Der eine kümmert sich im Süden um die Plantagen, der andere am Finanzplatz New York um die Märkte und Abnehmer. So werden innerhalb weniger Jahrzehnte aus armen Einwanderern mächtige Industrielle, die ihre Gewinne in zahlreiche lohnende Projekte investieren.

Vor allem Emanuels Sohn Philip sorgt dann für den nächsten bedeutenden Schritt, mit dem Lehman Brothers zu einem der wichtigsten US-Unternehmen des 20. Jahrhunderts wurde: Denn Philip versteht, dass auch Geld ein Produkt ist, mit dem sich noch viel größere Profite erzielen lassen, als mit Baumwolle, Tabak, Kohle oder den Eisenbahnen, in die das Unternehmen bis dahin sein Geld gesteckt hat. So werden die Lehman Brothers zu einem Insignium des sich immer schneller drehenden Kapitalismus, der mit dem Finanzcrash 2008 die Welt an den Rand der Katastrophe bringt.

Stefano Massini schuf aus dem opulenten, dicht recherchierten Stoff mit seinem enormen Figurenensemble zunächst eine Theaterfassung, die in zahlreichen Ländern auf die Bühne kam und von namhaften Regisseuren inszeniert wurde. Für den Roman behält er die sprachliche Form bei und erzählt in kunst- und kraftvollen Versen von dieser Familie mit ihren zahlreichen schillernden Charakteren. Das bedarf angesichts der epischen Wucht seiner Sprache beim Lesen zunächst einer gewissen Gewöhnung, doch hat man sich einmal auf den Rhythmus eingelassen, wird dieses Buch gerade deshalb zu einem wahren Leseereignis.

Ein Dutzend Hauptfiguren

Gut ein Dutzend Lehmans werden von dem Schriftsteller ins Scheinwerferlicht gerückt, ihr Leben, Denken, ihre Zweifel, ihr Scheitern ebenso skizziert wie ihre enormen wirtschaftlichen Erfolge. Denn immer wieder gelingt es Familienmitgliedern, auch das zeigt dieser Roman, mit Mut und Cleverness, bisweilen auch mit moralischer Skrupellosigkeit und Profitgier, auf die richtigen Themen, Ideen und Branchen zu setzen. Und so gilt für die Lehman Brothers der Satz der von ihnen finanzierten Walt Disney: »Wir erfüllen Amerikas Träume, noch bevor es am Morgen die Augen aufmacht.«

Auch wenn Massini sein Buch mit dem Verkauf des Unternehmens aus dem Familienbesitz in den 1950ern enden lässt und (bis auf den Epilog) nahezu kein Wort über den von dieser Investmentbank 2008 mitausgelösten Finanzcrash verliert, so ist das Scheitern - der ewige Tanz auf dem Hochseil - in diesem Roman dennoch immer mit angelegt. So faszinierend dicht, spannend und kunstvoll wie hier wurde kaum je ein großer literarischer Bogen Wirtschaftsgeschichte geschlagen. Für Aktienspekulanten wie Sparbuch-Kunden ist »Die Lehman Brothers« daher gleichermaßen eine unbedingte Empfehlung.

Stefano Massini: Die Lehman Brothers - ein Roman. 848 Seiten. 34 Euro. Hanser.

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