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Seit 50 Jahren auf dem Wochenmarkt

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Manfred Menz hat viel Freude an seinem Beruf und setzt immer wieder ungewöhnliche Ideen um. Foto: Jung © Jung

Seit 1972 steht Manfred Menz an den Wochenmarkttagen an seinem Stand mit dem Banner »Ungespritztes Gemüse aus eigenem Anbau« im Hintergrund, feiert dieses Jahr sein 50. Arbeitsjubiläum.

Gießen. »Was mir fehlt, ist die Zeit«, sagt Manfred Menz beim Gespräch an seinem Stand auf dem Wochenmarkt. Doch für ein Interview legt er die Tüte einen Augenblick zur Seite, beginnt zu erzählen und wirkt nicht hektisch. Heute sei er spät hier gewesen, fügt der Gemüse- und Blumenanbauer hinzu. Was bedeutet spät für ihn? Viertel vor fünf kam er auf dem Brandplatz an, sonst ist es halb fünf. Um 7 Uhr kommen die ersten Kunden, und da muss alles gerichtet sein. Seit 1972 steht er an den Wochenmarkttagen an seinem Stand mit dem Banner »Ungespritztes Gemüse aus eigenem Anbau« im Hintergrund, feiert in diesem Jahr also sein 50. Arbeitsjubiläum.

Wöchentlich 80 bis 100 Arbeitsstunden

1992 übernahm der Gemüseexperte das Geschäft von seinen Eltern Alfred und Anna, heute bringt er es auf 80 bis 100 Arbeitsstunden in der Woche, und ist ein fester Posten unter den zahlreichen Beschickern des Gießener Wochenmarktes. Apropos Zeit: 1999 machte Manfred Menz eine ganze Woche Urlaub, 2005 »erholte« er sich zum letzten Mal zwei Tage, Sonntag und Montag, bei einem Kurztrip. Mehr Auszeit konnte er sich leider nicht gönnen.

»Das ist Erholung«, empfindet er bei seinem Job, wenn er sich Gedanken über die Kreation neuer Sorten macht, wie zum Beispiel den purpurroten Rosenkohl. Menz verrät: »Die besten Ideen kommen mir in der Badewanne.« Dort kann er auch ein wenig entspannen, etwas für seinen Körper tun, der schon arg lädiert ist. Knie, Hüfte und Rücken »sind kaputt« bedauert der 67-Jährige.

Salatköpfe, Rosenkohl, Zucchini und Tomaten, alles was in seiner Auslage zu finden ist und die Kunden anlockt, hat er selbst gezogen. Interessantes Gemüse gebe es in Frankreich, weiß er. »Die geben für ihr Essen viel Geld aus«. Dem Busecker schwebt jetzt vor, bunte Bete zu kreieren, das sei eigentlich eine alte Pflanze und er will auch weiße Auberginen Asia länglich anbauen. »Ich bin immer bestrebt, etwas anzubieten, was andere nicht haben«, ist seine Intention und das motiviert ihn.

Tipps gibt er seinen Stammkunden auch. Früher erreichten ihn abends und an Wochenenden Anrufe von Leuten, die Fragen hatten. Doch das ist nicht mehr leistbar, nach dem Tod seiner Frau musste Manfred Menz diesen besonderen Service einstellen. Heute meldet sich nur noch der Anrufbeantworter, Fragen werden vor Ort am Stand und für Stammkunden über das Handy beantwortet. Zur Seite steht dem Marktbeschicker Sohn Alexander, denn Manfred kann nicht immer am Stand anwesend sein. Doch dann hat er keine Freizeit, sondern ist in seinem Gewächshaus unterwegs, versorgt die Pflanzen und Blumen, erledigt Arbeiten für das Geschäft. Denn schließlich soll es so bleiben, wie es ist: Als einer der wenigen Markthändler bietet er ausschließlich Waren aus eigenem Anbau an. Und darauf ist er stolz, sinniert über neues und will anderen immer einen Schritt voraus sein. 1,5 Hektar misst die Fläche vor Großen-Buseck, wo er ganzjährig sein begehrtes Gemüse züchtet.

Manfred Menz pflegt und hegt seine Pflanzen mit viel Aufwand und Freude, sein Sohn Markus arbeitet in einem Gießener Krankenhaus in der Intensivpflege und Alexander folgte seinem Vater als Markthändler. In den fünf Jahrzehnten seiner Tätigkeit ergaben sich für Manfred Menz viele Neuerungen, geblieben ist allerdings die schwere, körperliche Arbeit auf dem Feld. Dazu kommen jetzt die Klimakrise, die stark erhöhten Energiepreise, Wasserknappheit in diesem Sommer und die Inflation, die auch auf dem Gießener Wochenmarkt zu spüren ist.

Dass schon in den vergangenen Jahren starke Preissteigerungen bei nötigem Material zu spüren waren, macht Menz an einem Beispiel deutlich. Für ein Gerät, das er ersetzen musste, und das ursprünglich 600 Euro kostete, musste er 900 Euro zahlen.

Geringeres Pensum im Winter

Ruhiger für Vater und Sohn wird es im Winter, dann bauen sie nur Feldsalat und Endivien an und ihre Arbeitswoche sinkt auf 40 Stunden. Der Experte verkauft ausschließlich ungespritztes Gemüse und das macht er durch ein Banner an seinem Stand auch nach außen deutlich. Er verkaufe kein »giftiges Zeug«, weil er es selbst nicht esse, sagt er. Den Boden auf seinem Gelände düngt er nach einem speziellen Plan und er setzt Nützlinge ein, die in den Gewächshäusern den Schädlingen auf den Pelz rücken.

Für Menz ist es wichtig, ein Angebot zu haben, dass über das Normale hinausgeht. Blaue Kartoffeln, purpurroter Rosenkohl und schwarze Paprika sind es beispielsweise, die bei den Kundinnen und Kunden Gefallen finden. Menz verdeutlicht, dass es zum Teil alte Sorten sind, die jetzt wieder gefragt werden. Zu schaffen machen ihm natürlich die Preiserhöhungen für Erde, Samen, Anzuchttöpfe, Dünger und Energie. Als Glücksgriff bezeichnet er, dass er zu Beginn der Pandemie viel Material eingekauft hat. Für seine Kunden zahlt es sich aus, auf drastische Preissteigerungen kann er dadurch verzichten. Stark reduziert wurde das Angebot an Blumen, »der Verkauf lohnt sich kaum noch«.

Verändert hat das Treiben vor dem Stand die Pandemie: Abstandsregeln, Maskenpflicht und Warteschlangen beeinflussten negativ das Einkaufen, die Leute wurden ungeduldiger, aggressiver und emotionaler. Das hat sich wieder etwas gelegt, Manfred Menz ist gelassen geblieben, schließlich hat er das fünf Jahrzehnte als Eigenschaft beim Anbau der Blumen und Pflanzen gelernt. Denn ohne wäre er nicht so lange erfolgreich geblieben.

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