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Sesam-Ringe statt Bio-Brot

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Bereits ausgeräumt ist die »Siebenkorn«-Filiale an der Mäusburg, in der rund 20 Jahre lange Brot und Gebäck aus biologischem Anbau verkauft wurde. Foto: Berghöfer © Berghöfer

»Siebenkorn« schließt seine älteste Filiale in Gießen. Dafür rückt die Stadtbäckerei »Simit Diyari« nach. Was sind die Gründe für die Geschäftsaufgabe?

Gießen. Im »Broteck« an der Mäusburg hat Anfang August ein Traditionsunternehmen seinen Standort aufgeben. Die Marburger »Vollkornbäckerei Siebenkorn« hat unweit des Marktplatzes ihre älteste Filiale in Gießen geschlossen. Den vielen eingeschworenen Freunden des »Bio-Bäckers« bleiben aber noch die Filialen am Ludwigsplatz und in der Frankfurter Straße sowie ein Stand auf dem Gießener Wochenmarkt.

Man hört Holger Siemon, einem der beiden »Siebenkorn«-Geschäftsführer, an, dass die Entscheidung dem lange Zeit expandierenden, weil vom Zeitgeist getragenen, Unternehmen nicht leicht gefallen ist. Die Gründe für den Rückzug aus der Top-Lage am Eingang der Fußgängerzone seien vielfältig, sagt Siemon. Da ist zum einen die Corona-Pandemie, die die Zahl der Laufkundschaft deutlich verringert habe. »Gehen Sie doch heute mal durch den Seltersweg«, meint er, »bis heute sind dort längst nicht so viele Menschen unterwegs wie noch vor Corona«.

Aber dafür gab es doch Hilfen vom Staat? Siemon lacht bitter: »Wir haben einmal die November-Dezember-Hilfe erhalten und konnten Kurzarbeit anmelden. Das war’s dann aber schon.«

Selbstkritisch räumt er aber auch ein, dass das Konzept eines geteilten Ladens mit einer Hälfte Café und einer Hälfte Verkaufsbereich nicht so richtig funktioniert habe, dafür sei die Fläche des Ladenlokals wohl zu klein gewesen. In den anderen Gießener Filialen sei der Umsatz dagegen zuletzt sogar gestiegen.

Auch hadert der Marburger mit Gießener Unflexibilität. Der Vermieter sei nicht bereit gewesen, angesichts der Konjunkturflaute die Miete langfristig zu senken; und dann ist da ja auch noch das Stadtmarketing. Das habe ihnen regelmäßig zweimal im Jahr für rund acht Wochen zum Stadtfest und zum Weihnachtsmarkt einen großen Stand direkt vor die Tür gestellt, hinter dem »Siebenkorn« vom Seltersweg aus nahezu unsichtbar geworden sei. »In den Festwochen haben wir rund 20 Prozent vom Umsatz verloren«, klagt Siemon. Auch habe man vergeblich mit der Stadt über einen freien Zugang zu »Siebenkorn« oder einen Wechsel der Festbuden verhandelt, sodass auch einmal ein kleiner Stand vorm Laden gewesen wäre. »Da gab es nur wenig Entgegenkommen«.

Kein Kompromiss bei Rettungsgasse

Das will der Geschäftsführer der Gießen Marketing GmbH, Frank Hölscheidt, so nicht stehen lassen. »Wir haben natürlich versucht, die Situation vor Ort zu verbessern. Wir haben die Durchgänge zwischen den einzelnen Buden verbreitert und achten darauf, dass die Sichtachsen zu den Ladenlokalen frei bleiben.« Allerdings bedeute das immer auch einen Kompromiss mit den Interessen der Buden-Betreiber. »Wir können schließlich nicht die Buden beliebig weit in den Seltersweg schieben. In dessen Mitte muss immer eine Rettungsgasse breit genug für die Feuerwehr frei bleiben. Darüber lasse ich nicht mit mir diskutieren.«

Hölscheidt räumt ein, dass die Budenbetreiber in puncto Standort klare Prioritäten, sprich Stammplätze, hätten. Letztlich dürfe man aber auch nicht vergessen, dass die großen Feste von der Mehrzahl der Menschen gewollt seien und auch für eine Belebung der Innenstadt sorgten. »Wir sind immer gesprächsbereit«, beteuert Hölscheidt auch in Richtung des Nachmieters, der Stadtbäckerei »Simit Diyari«.

Frühstück statt Brötchen

Der Büroleiter des Unternehmens, Tariq Arif, ist zuversichtlich, sich an der Mäusburg etablieren zu können, auch wenn sich mit der »Back-Factory« und dem »Brot-Atelier« auf der anderen Straßenseite dann wieder drei Backläden auf engstem Raum Konkurrenz machen und in der Walltorstraße, die eigene Hauptniederlassung auch nicht allzu weit entfernt ist.

»Wir werden beim Marktplatz kein Brot verkaufen, sondern fertige Frühstücksmenüs, Sandwichs, Baklava-Süßspeisen aber auch warme Gerichte«, sagt er. Nicht zu vergessen die Sesamgebäck-Ringe, die Arifs Arbeitgeber den Namen gegeben haben. »Simit Diyari« heißt übersetzt »Bagel-Land«.

Last but not least rechnet die nach eigenen Angaben im mittleren Preissegment angesiedelte Stadtbäckerei trotz Inflation und Wirtschaftskrise mit dem anhaltenden Zuspruch der Kundschaft, der den eher hochpreisigen Bio-Bäckern zuletzt verlorenging.

Hochpreisig bleiben auch die Mieten in Gießen. »Simit Diyari« zahle dem Vernehmen nach eine Ladenmiete, die nicht niedriger sei als die von »Siebenkorn« - eher etwas höher.

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