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Sexkauf, nicht Prostituierte kriminalisieren

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Nadine Gersberg © Barbara Czernek

»Raus aus der Armutsprostitution« - zu diesem Thema referierte Nadine Gersberg. Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion fordert: Sexkauf, nicht Prostituierte kriminalisieren.

Gießen (bcz). »Es ist leichter, in Deutschland ein Bordell zu eröffnen als eine Pommesbude«, kritisiert Nadine Gersberg. Im Rahmen der Vortragsreihe zum Internationalen Frauentag referierte die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion im Frauenkulturzentrum über das Thema »Raus aus der Armutsprostitution, Schluss mit der Zwangsprostitution - aber wie?«. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) Gießen.

Gersberg beschäftigt sich intensiv mit diesem Themenkomplex. So konnte sie feststellen, dass das 2002 beschlossene Gesetz eben nicht zu einer Verbesserung der Lage der Frauen beigetragen hatte. Laut Schätzungen würde es rund 400 000 Prostituierte in Deutschland geben, von denen gerade einmal 40 000 angemeldet seien. »Die Dunkelziffer ist dementsprechend hoch«. Wichtig sei es zum einen, Ausstiegsperspektiven für die Frauen zu schaffen, zum anderen aber auch in die Gesellschaft hineinzuwirken, dass der Sexkauf und nicht die Prostituierten kriminalisiert werden. Dies würde in dem sogenannten »nordischen Modell« geschehen: Hier werden die Freier und die Zuhälter zu den Kriminellen und nicht die Prostituierten selbst. Argumente wie, dass es sich dann mehr in die Illegalität hineinverlagern würde, seien nicht zutreffend. Dies zeige das Beispiel Schweden: »Und wenn man die Zahlen in Deutschland sieht, dass nur rund 10 Prozent registriert sind, dann haben wir ja bereits ein hohes Maß an Illegalität«. Daher sammelt sie zurzeit Argumente für und gegen dieses Modell. »Wir sind zwar aktuell in der Opposition, aber dennoch kann man durch Eingaben und Hartnäckigkeit auf Dauer etwas bewirken. Das habe ich mittlerweile gelernt«, erläuterte sie.

Ein großes Problem stellten die mafiösen Strukturen dar, die es in diesem Milieu gibt und die oft nur sehr zögerlich von der Staatsanwaltschaft verfolgt würden. »Und wenn eine ehemalige Prostituierte im Prozess aussagt, dann muss sie sich häufig noch sehr unangenehme und verletzende Fragen gefallen lassen. Hier ist eine generelle Sensibilisierung zum Thema »Sexkauf« notwendig. Es sind vor allem private Initiativen und Vereine, die sich dieses Themas annehmen«, weiß Gersfeld. Vereine wie »ALARM! Gegen Sexkauf und Menschenhandel« setzten sich seit Jahren für dieses Thema ein und befürworteten das Nordische Modell.

»Wir bieten Workshops an Schulen an, damit die Schüler und Schülerinnen dafür sensibilisiert werden. Leider haben wir wenige Reaktionen auf unser Angebot erhalten«, bedauert Katharina Appel vom Verein »ARLAM!«. Sie hätten beobachtet, dass das Thema »Loverboy« in der jüngsten Zeit zugenommen hätte. Hier würden junge Mädchen gezielt von Männern angesprochen, zunächst verwöhnt und anschließend in die Prostitution hineingezogen. Und auch der Besuch bei einer Prostituierten als Geschenk zum 18. Geburtstag sei heute keine Seltenheit mehr, berichtete sie. »Hier wird ein völlig falsches Frauenbild vermittelt«. Dem gelte es entgegen zu treten.

Insgesamt müssten bessere Ausstiegsmöglichkeiten geschaffen werden. Hierzu würden finanzielle Mittel und eine eigene Wohnung oder zumindest eine Unterkunft außerhalb des Bordells benötigt, zudem fehle es oft an alternativen Perspektiven für den Unterhalt. In Marburg gibt es laut Aussage von der Gießener Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Friederike Stibane entsprechende Angebote. Doch genau daran scheitert es oft in den Kommunen. »Und viele sind auch mit dieser Problematik überfordert«, ergänzt Gersberg. »Wenn der Staat sagt, das ist ein Delikt, dann werden ganz andere Grundvoraussetzungen geschaffen«, so die ehemalige Kreisfrauenbeauftragte Elisabeth Faber.

Foto: Czernek

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