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»Sie lieben ihr Land«

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Die Jüdische Gemeinde Gießen will Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine helfen. Viele Mitglieder stammen selbst von dort.

Gießen. Auch Dow Aviv und die Jüdische Gemeinde lässt der Krieg in der Ukraine nicht kalt. »Wie jeder andere Bürger sind wir sehr betroffen von dem, was Putin und seine Leute machen. Es geht um Menschenleben. Unsere Sorge ist bei allen Ukrainern.« Deshalb wolle auch die Gemeinde helfen. »Viele unserer Mitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion oder der Ukraine«, ergänzt der zweite Vorsitzende. Dies sei im Kontakt mit Flüchtlingen wertvoll, weil es so keine Sprachbarriere gebe. Davon könnten in der Stadt alle Helfer profitieren.

Marina Frankfurt ist die Betroffenheit deutlich anzumerken. »Ich bin selbst aus Russland. Aber ich kann eine Situation analysieren. Mein Herz ist bei den Ukrainern«, betont die erste Vorsitzende der Gemeinde. Es vergehe kein Tag ohne neue Nachrichten aus dem Krieg, für dessen Opfer die Gießener »machen werden, was wir können«, so Frankfurt.

»Bedarf wird steigen«

Zu diesen Maßnahmen zählen unmittelbare finanzielle Soforthilfen. Unter anderem Familien riefen direkt in der Gemeinde an, sie könne man unterstützen. »Der Vorstand hat beschlossen, ein Konto einzurichten, um auf kurzem Weg zu helfen«, berichtet Aviv. Bislang seien an Spenden 1000 Euro von der Gemeinde und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit eingegangen. »Wir bitten weiterhin um Spenden, denn der Bedarf an Hilfen wird steigen. Darüber hinaus haben wir uns entschieden, uns an einer Materialsammelstelle zu beteiligen«, erläutert der zweite Vorsitzende. Die Gemeinde habe eine Liste benötigter Güter erstellt, wobei es keinen Bedarf an Bekleidungsstücken gebe. Wer spenden möchte, könne mit der Gemeinde per Telefon oder per Mail Kontakt aufnehmen. Aviv: »Wir sorgen dafür, dass die Sachen an der ukrainischen Grenze ankommen. Oder wir setzen sie ein für die, die nach Gießen kommen.«

Ein weiteres Problem hätten derzeit Mitglieder, die eine russische Rente bezögen. Denn durch die Sanktionen seien keine Bankgeschäfte möglich. Es liefen aber Gespräche mit der Regierung, die Grundsicherung für Betroffene auszugleichen, weiß Aviv. Er betont, dass man nicht mit bestehenden Hilfsangeboten konkurrieren wolle. Es gehe vielmehr um Vernetzung, auch um die Sprachkompetenz der Gemeinde breit zur Verfügung zu stellen.

»Einkäufe und Besorgungen«

»Wir möchten den Flüchtlingen, die in Gießen ankommen, eine Art Soforthilfe anbieten. Wir stellen uns das so vor: Nach dem Erstgespräch mittels ukrainisch- und russischsprechender Mitglieder möchte unsere Gemeinde die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen hören und, soweit das möglich ist, auch gleich durch entsprechende Einkäufe und Besorgungen erfüllen«, teilt die Gemeinde mit.

Für Simon Beckmann ist klar, dass die deutschen jüdischen Gemeinden während des Kriegs in der Ukraine eine besondere Rolle spielen. Denn »45 Prozent der Juden in Deutschland stammen aus der Ukraine«, sagt das Vorstandsmitglied der Gießener Gemeinde, das für die »Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland« arbeitet. Derzeit gehe man von 5 000 bis 15 000 jüdischen Kriegsflüchtlingen aus, wobei viele auch in der Nähe ihres Landes bleiben wollten. Alle Flüchtlinge hätten den Wunsch, in die Ukraine zurückzukehren. Denn »sie lieben ihr Land. Sie haben dort Kinder, Eheleute, Freunde, Verwandte«, so Frankfurt.

Wer helfen möchte, erreicht die Gemeinde per Telefon unter der Nummer 0641-9328920 oder per Mail unter der Adresse info@jg-giessen.de. Spenden sind unter dem Stichwort »Ukraine Hilfe« auf das Konto mit der IBAN DE50 5139 0000 0006 1900 06 bei der Volksbank Mittelhessen möglich.

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