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Sie machen es sich schön

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Die Hippies lassen grüßen - viele Fans genossen das Konzerterlebnis mit Blumenschmuck im Haar. Foto: Leyendecker © Leyendecker

»Stadt ohne Meer«: Die Gastgeber OK Kid sorgen mit ihrem zweitägigen Gießener Musikspektakel für ein lange vermisstes Festivalgefühl

Gießen. Auf diesen Moment musste der junge Mann mit dem Künstlernamen Schmyt lange warten. Er drehte dem Publikum einmal kurz den Rücken zu, um sich zusammen mit der jubelnden Menge hinter sich für ein Handy-Selfie in Pose zu werfen und die Szenerie für die Ewigkeit zu bannen. Endlich wieder die große Musikbühne, endlich wieder ein ausgelassen feierndes Publikum: Willkommen bei »Stadt ohne Meer«, dem zweitägigen Konzertprogramm, das die Lokalhelden OK Kid im Jahr 2018 aus der Taufe gehoben und seitdem - trotz Corona - zu einem deutschlandweit etablierten Festivalereignis gemacht haben.

Schmyt war am Freitagabend einer der Headliner des ersten Tages auf der großen »Elefantenklo-Stage«, wie sie die Gastgeber getauft haben. Und der Mann vom Niederrhein zählt zu denjenigen Künstlern, die die Musikszene im Land gerade »auf Links drehen«, wie der beseelte Jonas Schubert, Sänger von OK Kid, dem Publikum zuvor von der Bühne aus angekündigt hatte. Warum, das zeigte Schmyt anschließend mit seiner Mischung aus Rap und Soul, aus krachenden E-Gitarren und basslastigen Beats, die er zusammen mit seinen beiden Mitmusikern auf die Bühne brachte. Zudem besitzt der Rapper mit der kraftvollen Stimme und den griffigen Texten auch die nötige Bühnenpräsenz, um eine große Menschenmenge spielend einzufangen und für sich einzunehmen.

Vielversprechende Newcomer

Er erwies sich mit seiner Show dann tatsächlich als einer der »heißesten Acts der vergangenen ein, zwei Jahre«, wie sie Jonas Schubert zuvor im Gespräch mit dem Anzeiger angekündigt hat. Und genau solche haben die drei Mitglieder von OK Kid im Sinn, wenn sie Kollegen ins Schiffenberger Tal einladen. Diesmal zählten etwa Die Nerven und Nina Chuba, Von wegen Lisbeth und Jeremias, Apsilon und Betterov, Horsegirl und Edwin Rosen dazu. Namen, die nicht jedem (älteren) Musikhörer geläufig sein werden, aber eben auch Musiker, die sich mittlerweile eine große junge Fanbasis erspielt haben und teilweise bereits die großen Hallen in den großen Städten füllen können.

Dieses Line-up (Schubert: das bislang beste) trägt einen gewichtigen Teil zum außergewöhnlichen Charme des Gießener Festivals bei. Die Musik bewegt sich in den unterschiedlichsten Genres zwischen Rap und Rock, zwischen Indie und Pop und bietet dem Publikum damit Starpotenzial ebenso wie lohnende Entdeckungen. Und natürlich Hausherren, die sich zum Abschluss des Programms am Samstagabend selbst auf der Bühne präsentierten.

Hinzu kommt, dass durch die beiden nebeneinander aufgebauten Bühnen keinerlei Leerlauf entsteht. Ist der letzte Ton der Elefantenklo-Stage verklungen, setzt quasi schon der erste auf der etwas kleineren Schwätzer-Stage ein. Und wer zwischendrin trotzdem mal eine Pause braucht, dem stehen Tischkicker, Klamottenstände und die Buden lokaler Gastro-Anbieter zur Verfügung.

Diese entspannte, von OK Kid zusammengestellte Mischung gibt dem Spektakel seine individuelle Note. Und auch die Zahl von maximal 5000 Besuchern auf dem Areal im Schiffenberger Tal sorgt dafür, dass echte Konzertatmosphäre unter freiem Himmel aufkommt, gleichzeitig aber alles in einem angenehm überschaubaren Rahmen mit genügend Raum zum Zurückziehen bleibt. Kein Wunder also, dass das Festival seit Wochen ausverkauft und der angrenzende Campingplatz voll belegt war und auch die Stimmung in den Besucherreihen an diesem Freitagabend von entspannt zu zunehmend euphorisch wechselte.

So wurde das Tageslicht an diesem wunderbar sommerlichen Abend mehr und mehr heruntergedimmt, die Bühnenscheinwerfer tauchten das Areal in bunte Lichter und die zumeist jungen Zuschauer taten das, was ihnen Schmyt zuvor von der Bühne aus aufgetragen hatte: »Gießen, wir machen es uns heute schön!«

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Er steht für eine spannende neue Form deutscher Popmusik: Schmyt auf der großen Festivalbühne. Foto: Leyendecker © Leyendecker

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