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»Sie wissen, was danach kommt«

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Von: Eva Pfeiffer

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Wenige Wochen vor Russlands Angriff auf die Ukraine hat Außenministerin Annalena Baerbock zusammen mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba die Holodomor-Gedenkstätte in Kiew besucht. Deutschland hat die Hungersnot bislang nicht als Völkermord anerkannt. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka © dpa/Bernd von Jutrczenka

Olga Garaschuk macht den Auftakt bei der JLU-Ringvorlesung zum Krieg in der Ukraine. Präsident Mukherjee (Gießen) hielt die Eröffnungsrede.

Gießen . »Unser Krieg?« - Unter diesem Titel steht die aktuelle Ringvorlesung des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität (JLU), die sich in sechs Vorträgen mit der Ukraine und dem russischen Angriffskrieg beschäftigt. Die »rhetorische Frage« im Titel beantwortete JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee in seiner Eröffnung am Montagabend: »Natürlich ist es unser Krieg«

Mit Blick auf das Völkerrecht sei der Konflikt in der Ukraine »jedermanns Krieg«, die Auswirkungen auf Deutschland etwa durch die Energiekrise spürbar. Politische Entscheidungen wie das Sondervermögen zur Stärkung der Bundeswehr wären ohne den 24. Februar nicht getroffen worden, so Mukherjee. Während sich die Welt seit Beginn des Angriffskrieges intensiv mit der Ukraine beschäftige, müsse man auch kritisch hinterfragen, ob man sich zuvor nicht ausreichend mit dem Land auseinander gesetzt habe.

Den Auftakt der Referenten machte Prof. Olga Garaschuk, Professorin für Neurophysiologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. »Ukraine: ein blinder Fleck auf der mentalen Karte Europas?« hatte die gebürtige Kiewerin ihren Vortrag betitelt. Wenn die Ukraine im öffentlichen Diskurs als osteuropäisches Land bezeichnet werde, sei das falsch: Der Staat liege in Zentraleuropa.

In den folgenden 75 Minuten machte Garaschuk einen Schnelldurchlauf durch die ukrainische Geschichte, aus der sie sich einige Höhepunkte herausgriff: Von der Bug-Dnister-Kultur in der Jungsteinzeit zum mittelalterlichen Großreich Kiewer Rus, das unter Großfürst Jaroslaw dem Weisen eine kulturelle Blütezeit erreichte. Der Großfürst werde heute auch als »Schwiegervater Europas« bezeichnet, da er seine Kinder geschickt in die vornehmsten Familien Europas verheiratete. »158 europäische Könige und Königinnen waren Nachkommen Jaroslaws«, verdeutlichte Garaschuk.

Das 20. Jahrhundert hatte für die Ukraine dagegen gleich mehrere negative Höhepunkte parat: Das ukrainische Volk habe »den Kommunismus nie akzeptiert«, und sieben Jahrzehnte lang im Terror gelebt. Dieser »rote Terror« sei zielgerichtet und professionell organisiert gewesen und habe alle Schichten der Bevölkerung getroffen.

Anfang der 1930er Jahre herrschte in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik eine Hungersnot. Diese sei künstlich verursacht worden und habe je nach Rechnung bis zu sechs Millionen Menschenleben gekostet. Den Holodomor, das Töten durch Hunger, hätten 18 Länder als Völkermord anerkannt, Deutschland gehört nicht dazu. Garaschuk hofft auf ein Umdenken.

Die Erfahrung des Holodomor sei auch ein Grund für den Widerstand der Ukrainer gegen die russischen Aggressionen: »Sie wissen, was danach kommt.« 1922 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik offiziell Teil der neu gegründeten Sowjetunion, zehn Jahre später starben die Menschen vor Hunger. »Wer 1922 aufgehört hat, zu kämpfen, hat 1932 seine Kinder gegessen.«.

»Gorbi-Boom«

Wissenschaftlich koordiniert wird die Ringvorlesung von Prof. Monika Wingender, Direktorin des Gießener Zentrums Östliches Europa (GiZo). Sie bemängelte im Anschluss die »schwarz-weiß-Malerei«, wonach der Fokus der Forschung zu lange auf Russland gelegen habe. Gerade in Gießen werde seit Langem auch zu anderen postsowjetischen Staaten geforscht, auch zur Ukraine. Mitunter seien dies jedoch »Konjunkturfächer«, es gehe auf und ab. Als sie selbst ihr Studium begonnen habe, habe der »Gorbi-Boom« durch Michail Gorbatschow für volle Kurse gesorgt, viele Kommilitonen hätten rein aus Interesse russisch lernen wollen. Bei aufbrechenden Konflikten rufe die Welt dann nach mehr Osteuropa-Forschung.

Screenshot: Pfeiffer

Weiter geht es am 12. Dezember. Dann referiert der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch über den »Preis der Zukunft. Was ist das Wesen des ›aufgeschobenen Krieges’?«. Beginn ist um 19.15 Uhr in der Aula des Uni-Hauptgebäudes. Der Vortrag kann auch online verfolgt werden unter www.uni-giessen.de/ueber-uns/veranstaltungen/p-veranstaltungen/ringvorlesung. (ebp)

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Prof. Olga Garaschuk © Eva Pfeiffer

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