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»Sie wollen es nicht hören«

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Von: Albert Mehl

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Informationsabend des Ausschusses für Mission und Ökumene (v.l.): Die drei Referentinnen Michaela Budak, Merene Budak und Hana Gerkin mit Pfarrer Bernd Apel. Foto: Mehl © Mehl

Merene Budak beleuchtet zusammen mit ihrer Tochter Michaela (beide aus Linden) und Hana Gerkin (Pohlheim) das Thema »Aramäerinnen zwischen Schicksal und Perspektive«.

Gießen . »Wir hatten die Hoffnung, als Christen angenommen zu werden«, blickt Merene Budak zurück. Doch in der Realität seien sie als Türken und Muslime wahrgenommen worden, umschreibt die Sprecherin der Bethnahrin Frauen-Union die Situation, als die vor allem aus dem Osten der Türkei geflohenen Aramäer in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland ankamen. Merene Budak beleuchtet zusammen mit ihrer Tochter Michaela (beide aus Linden) und Hana Gerkin (Pohlheim) in einem Informationsabend des Ausschusses für Mission und Ökumene des Evangelischen Dekanats Gießen das Thema »Aramäerinnen zwischen Schicksal und Perspektive«.

Jesus sprach Aramäisch

Dabei ist für Pfarrer Bernd Apel das Thema nicht ohne seine historischen Wurzeln zu betrachten. Nicht nur im Blick auf den Genozid an dieser Volksgruppe 1915 in der Türkei, sondern auch durch seine frühen Ursprünge im Nahen Osten und im Christentum. »Aramäisch ist die Sprache, die Jesus gesprochen hat«, erläutert Ökumenepfarrer Apel. Die sich selbst als »Syroye« bezeichnenden Christen hätten sich von Palästina aus in die Gebiete des heutigen Syrien und Libanon, der Türkei und des Irak verbreitet. »Sie stellten eine Brücke zwischen der orthodoxen und der lateinischen Welt im Christentum dar«, beschreibt er die weitere Rolle.

Seit dem siebten Jahrhundert unter einer Schutzbürgerschaft im Osmanischen Reich lebend, habe sich dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des türkischen Nationalismus unter den »Jungtürken« mit Kemal Atatürk an der Spitze in Unterdrückung gewandelt.

Mit dem traurigen Höhepunkt des 24. April 1915, in dessen Folge nach Schätzungen von Historikern 1,1 bis 1,2 Millionen Menschen christlichen Glaubens ermordet worden sind. Vor allem Aramäer, deren Zahl der Getöteten auf 600 000 bis 800 000 geschätzt wird, aber auch armenische, syrisch-orthodoxe und griechische Pontus-Christen. An diesen Völkermord erinnert ein vor vier Jahren in Watzenborn-Steinberg errichtetes Denkmal.

Inzwischen lebten die Aramäer weltweit verstreut, rund 50 000 davon in Deutschland, wobei ein Zentrum Pohlheim mit rund 6000 aramäischen Menschen sei, berichtet Merene Budak. Dabei seien sie unter zwei Gesichtspunkten angedockt. Zum einen: Wie halten wir die Traditionen hoch? Und dann: Wie werden wir deutsche Mitbürger?

Das sei nicht immer einfach gewesen. Erst seien sie als Türken wahrgenommen worden, und später erst als Aramäer und Christen, blickt die Referentin zurück. »Wir erzählen unseren Nachbarn sehr viel von uns, aber sie wollen es offensichtlich nicht hören«, ist Merene Budak fast schon etwas resigniert. Das habe dazu geführt, dass sie untereinander zusammengehalten und dicht beieinander gelebt hätten. Das würde erst langsam aufbrechen. Während Hana Gerkin erläutert, dass zu Hause Aramäisch gesprochen werde, ist es für die 33 Jahre alte Michaela Budak schon normal, dass die aramäischen Kinder problemlos beide Sprachen lernen.

Groß sei auch die Enttäuschung, vor allem bei den Älteren, dass viele der neu errichteten Gotteshäuser als Moscheen bezeichnet würden, obwohl sie eindeutig christliche Gestalt hätten und teilweise Kirchen in bayrischen Gegenden ähneln würden. Für Bernd Apel ist das »täglicher Rassismus«, es werde vielerorts nicht akzeptiert, dass die Aramäer über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen.

Aus dieser Situation heraus habe sich 2002 die Bethnahrin Frauen-Union gebildet, die ihren Sitz im niedersächsischen Delmenhorst hat, aber inzwischen in vielen Ländern vertreten ist. »Das hat sich aus der Not heraus gebildet«, berichtet Merene Budak, dass vor allem Projekte in Syrien unterstützt würden, wo noch viele Christen lebten.

Wenn Pfarrer Apel auch etwas enttäuscht ist von der Resonanz des Informationsabends, so registriert er doch etliche Ansätze, gerade in der heimischen Region Verbindungen einzugehen und Informationen auszutauschen. Auf dass die aramäischen Mitbürger und vor allem Mitbürgerinnen endlich als Christen angenommen werden.

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