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Sieben Wochen offline

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Über die Fastenzeit tausche ich mein Smartphone gegen das Nokia von 1999. © Mosel

Kein Internet während der Fastenzeit: Unsere Redakteurin hat am Aschermittwoch ihr Smartphone ausgeschaltet und durch ihr erstes Handy aus dem Jahr 1999 ersetzt.

Gießen. Es ist 10.44 Uhr am Aschermittwoch, als ich eine letzte WhatsApp-Nachricht schreibe. Sie geht an meinen Ehemann. »Ich mache mein Handy jetzt aus« - gefolgt von drei schreienden Emoji. Kurz halte ich inne, bevor ich den Bildschirm berühre. »Zum Ausschalten antippen« steht da leuchtend auf schwarzem Grund. Das Smartphone vibriert zum Abschied kurz - dann bin ich offline. Diesen Zustand will ich nun knapp sieben Wochen halten und die gesamte Fastenzeit über in meiner Freizeit auf das Internet verzichten. Gleichzeitig nehme ich mein erstes Handy von 1999 wieder in Betrieb. Das Nokia 5110 macht seinem Namen als Mobiltelefon noch alle Ehre. Man kann damit telefonieren, SMS verschicken und das war’s eigentlich schon. Weit entfernt von den Möglichkeiten der heutigen Hochleistungscomputer im flachen Hosentaschenformat also. Mir schwant: Die Zeit bis Ostern wird lang.

Rund 88,8 Prozent der Deutschen besitzen aktuellen Statistiken zufolge ein Smartphone. In der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen sind es sogar über 95 Prozent. Dass »online sein« einst ein temporärer Zustand war, ist für die jüngste Generation vermutlich unvorstellbar.

1007 Entsperrungen

Wer mich kennt, weiß, dass ich mein Smartphone normalerweise sehr, sehr oft in der Hand habe. Eingehende Nachrichten per Messenger, Social Media oder E-Mail werden umgehend beantwortet. Laut der - ironischerweise für meine »Digitale Balance« gespeicherten - Daten meines Smartphones war ich in der vergangenen Woche insgesamt 30 Stunden und 28 Minuten online, je nach Arbeitspensum, Wetterlage und Freizeit bis zu siebeneinhalb Stunden am Tag. Entsperrt habe ich mein Handy in diesem Zeitraum 1007 Mal, das macht 144 Aktionen pro Tag. Minus acht Stunden Schlaf bedeutet das, dass ich alle neun Minuten das Entsperrmuster auf meinem Display nachgezeichnet habe. Zwischendurch - oder auch währenddessen - saß ich noch am Laptop oder habe Serien, Filme oder Musik gestreamt. Ohne Experte zu sein: Das ist ganz schön viel.

Viele Menschen - mich inbegriffen - können eigentlich gar nicht mehr ohne Internet. Erst kürzlich berichtete etwa der »Spiegel«, dass junge Leute kaum mehr telefonieren, unabgesprochene Anrufe sogar als »übergriffig« empfänden. Wegen der Allgegenwart von Online-Möglichkeiten ist der Griff zum »Hörer« auch gar nicht mehr nötig: Freundschaften, Bankgeschäfte, Pizzabestellung, Klamottenkauf: Alles kann mobil erledigt werden.

Diese Dauer-Erreichbarkeit ist anstrengend, sie setzt unter Druck und sie frisst Zeit - das ist die Kehrseite der Medaille. Deswegen steige ich nun aus oder versuche es zumindest. Da ich beruflich auf Internet-Recherche, E-Mail- und telefonische Erreichbarkeit angewiesen bin, beschränke ich mein Experiment auf den privaten Bereich. Sprich: Während der Arbeitszeit bin ich online, werde mich aber auch hier weder in meine Social-Media-Accounts einloggen, noch zum Spaß im World Wide Web surfen.

Das Nokia 5110, auf dem ich fortan zu erreichen bin, habe ich 1999 von meinen Eltern zu Weihnachten bekommen. Die mitverschenkten 20 Mark Startguthaben auf der Prepaidkarte hielten ewig, denn es gab damals in meinem Umfeld schlichtweg niemanden, der ein Mobiltelefon besaß und den ich hätte anrufen wollen. Aus Nostalgiegründen hat das klobige Nokia inzwischen eine Vielzahl an Umzügen überstanden. Angeschaltet muss es allerdings zuletzt Anfang der 2000er gewesen sein. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass das museumswürdige Mobiltelefon erst einmal an die Steckdose angeschlossen werden muss. Nach früheren Erfahrungen hatte ich nach den paar Jahrzehnten mit mindestens zwei Balken Restakkuladung gerechnet.

Ohne mein Smartphone werde ich unterwegs keine Musik hören können, ohne Internet abends auf das Fernsehprogramm oder DVDs zurückgreifen müssen. Ein digitales Impfzertifikat habe ich nun auch nicht mehr, ebenfalls keine Nachrichten-Apps, kein Online-Shopping, keine Kamera.

Zum Einstieg in meine Internet-Fastenzeit muss ich direkt ins Nokia-Handbuch schauen. Wie wird nochmal die Tastensperre aktiviert? Nach längerer Suche finde ich auch die Sonderzeichen über die Raute-Taste. Zur Erinnerung: Das ist dieses Ding, das heute Hashtag heißt. Der Fußweg in die Redaktion ist ohne Kopfhörerbeschallung irgendwie langweilig, dazu greife ich an jeder roten Ampel in meine Jackentasche. Nur um dann festzustellen, dass sich der Blick auf das Mini-Display des giftgrünen Kloppers eh nicht lohnt.

Phantomvibrieren

Dass meine Kollegen mit ihren Smartphones hantieren, triggert mich kaum. Schließlich hat auch mein Nokia tolle Funktionen, die Wahl zwischen »Ringring« und »Wilhelm Tell« als Klingelton zum Beispiel. Als ich später von zu Hause aus erneut in der Redaktion anrufe, ist mein sechsjähriger Sohn fasziniert davon, dass man mit diesem Teil tatsächlich telefonieren kann. Er hatte den Kasten mit der Antenne bislang für ein Funkgerät gehalten.

Am Abend höre ich so etwas wie Phantomvibrieren. Das Nokia kann es nicht sein, das hat keinen Vibrationsalarm. Im Fernsehen läuft »tv total«, ich fühle mich endgültig wie aus der Zeit gefallen. Richtig hart ist aber der folgende Morgen. Der erste Handgriff des Tages geht eigentlich immer zum Smartphone. Wie spät ist es? Was gibt’s Neues? Ich weiß es nicht. Dass ich keinen Wecker besitze, habe ich auch nicht bedacht. Ständig greife ich aus Gewohnheit zum Nokia, das mir statt Pushnachrichten zum Weltgeschehen lediglich meinen Netzanbieter und den Akkustand anzeigt. Außerdem habe ich einen wichtigen Termin vergessen. Auf das von meinem Ehemann vorgebrachte »steht doch im Kalender« reagiere ich gereizt. Ich werde dann wohl einen Papier-Organizer besorgen. In der Stadt, nicht im Internet.

Hier berichte ich wöchentlich über mein Digital-Fasten. Sollte ich nicht durchhalten, erfahren Sie es ebenfalls an dieser Stelle. (Jasmin Mosel)

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