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Siegesfeier klassisch mit Dosenbier

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Großer Jubel in der Kabine: Der FC Bundestag gewinnt mit einem 3:0-Sieg das Turnier in Finnland. Foto: Johannes Schraps © Johannes Schraps

Gießen. »Viel Erfolg Euch!«, ruft Felix Döring seinen Teamkameraden zu. An diesem Dienstag kann er aus terminlichen Gründen nicht für den »FC Bundestag«, der diesmal gegen das Technische Hilfswerk (THW) antritt, auflaufen. Vorher bringt er aber noch seine beiden frisch gewaschenen Trikots mit dem Bundesadler vorbei. Am vergangenen Wochenende hat er darin in Finnland mit seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft der Parlamentarier den Titel abgeräumt.

In Lahti trafen sich Parlamentarier aus der Schweiz, Österreich, Deutschlands und vom Gastgeber zur bereits 49. Auflage des Turniers. Mit dabei: Der Pohlheimer Sozialdemokrat Döring, der sich bei der Bundestagswahl 2021 im Wahlkreis Gießen das Direktmandat sichern konnte und in den Bundestag eingezogen war. »Wer im Bundestag ist, kann bei uns mitspielen, sofern er die demokratische Kultur achtet«, sagt der 31-Jährige und ergänzt: »Wir haben kein klassisches Training, sondern spielen immer dienstags in den Sitzungswochen gegen verschiedene Gegner.«

Bei der EM, die im Gruppenmodus Jeder-gegen-Jeden ausgetragen wurde, stand zum Auftakt das Duell mit den Finnen an. Spät fiel das Tor zum 1:0-Sieg, an den sich ein glattes 4:0 über Österreich anschloss. Weil auch die Schweizer nach zwei Partien sechs Zähler auf dem Konto hatten, glich das direkte Aufeinandertreffen einem echten Finale. Und das gewann der FC Bundestag mit 3:0. Im Interview spricht Döring, der in allen drei Matches mindestens eine Halbzeit auf dem Rasen stand, über das Team des »FCB«, die Erlebnisse in Finnland, seine eigene sportliche Vita, den »kleinen« Fußball in der heimischen Region und warum der Sport für einen Politiker hilfreich sein kann. Klare Kante bezieht er zur Vergabe der Weltmeisterschaft nach Katar.

Herr Döring, warum hat es zum Titel gereicht und wie wurde gefeiert?

Es war der erste Turniergewinn seit elf Jahren. Insofern hat der FC Bundestag, ohne mich da zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, dunklere Zeiten hinter sich. Ich war zuvor ja nicht dabei, aber man munkelt, dass die letzte Bundestagswahl quasi eine Frischzellenkur nach sich gezogen hat. Der Altersschnitt ist schon deutlich gesenkt worden, was sich dann mutmaßlich auf die Lauffähigkeit ausgewirkt hat. Es sind ein paar Jungspunde dazu gekommen, das macht einiges aus. Gefeiert wurde unmittelbar nach dem entscheidenden Erfolg gegen die Schweiz ganz klassisch mit Dosenbier. Am Abend gab es eine offizielle Abschlussfeier mit Pokalübergabe.

Hat es den Titelgewinn für Sie getrübt, dass Sie im entscheidenden Spiel zunächst auf der Bank saßen?

Nein, gar nicht. Wenn ich nicht auf meine Spielzeit gekommen wäre, wäre das etwas anderes gewesen. Aber wir haben gut durchrotiert, und da war es mir egal, ob ich die erste oder zweite Halbzeit spiele.

Wie sind Sie mit Ihrer eigenen Leistung zufrieden gewesen?

Ich bin zufrieden, insbesondere mit meinem Spiel gegen die Schweiz. Gegen die Österreicher habe ich dagegen auch ein, zwei schwächere Bälle gespielt, über die ich mich auch ein bisschen geärgert habe. Aber da waren keine entscheidenden Szenen dabei.

Ihre politische Laufbahn ist im Gegensatz zu der als Fußballer bekannt. Bitte klären Sie uns auf.

Als Kind habe ich in den Jugendmannschaften vom SV Dorf-Güll gespielt. Witzigerweise wohne ich jetzt wieder in Dorf-Güll und kann direkt vom Balkon aus auf den Sportplatz blicken. Bis zur B-Jugend war ich aktiv, später habe ich im Sportstudium einen Fußballkurs belegt. Für mehr war vor allem auch aufgrund meiner politischen Aktivitäten keine Zeit. Wenn ich nicht in den Bundestag gekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich wieder angefangen - im unambitionierten Bereich. Der FC Bundestag ist da der perfekte Kompromiss. Als Ausgleich, sich mal zu bewegen und rauszukommen in den Sitzungswochen.

Sie haben in Finnland die Trikotnummer sechs getragen. Das klingt von der Position her nach defensivem Mittelfeld.

Wir haben keine festen Trikotnummern. Wir haben einen Pool von etwa 30 Leuten, davon spielen immer 16, 17, abhängig von den eigenen Terminen. Bei der EM habe ich im 4-2-3-1-System meistens als Linksaußen gespielt, manchmal aber auch in der Mitte oder rechts.

Grüppchenbildung gibt es bei den Proficlubs immer wieder als Problem. Wie ist das beim FC Bundestag, wenn dort fraktionsübergreifend zusammen gekickt wird?

Natürlich ist man etwas mehr mit den Kolleginnen und Kollegen aus der eigenen Fraktion zusammen, aber nicht nur. In Finnland waren beispielsweise auch einige von der FDP und den Grünen dabei. Das ist eine nette Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen.

Wobei in Finnland zehn Spieler der Sozialdemokraten im Kader standen und niemand aus der CDU/CSU. Ebenso waren keine Frauen dabei - Zufall?

Ja, das ist Zufall gewesen und hatte den Grund, dass es terminlich nicht gepasst hat. In der Tat sind bei uns grundsätzlich einige Frauen dabei und auch Kolleginnen und Kollegen aus der CDU/CSU, wobei das rein von der Anzahl nicht die größte Gruppe ist. In Finnland waren wir tatsächlich SPD- und FDP-lastig, wobei auch jemand aus der Linkspartei mitgespielt hat.

Hatten in Finnland auch politische Themen ihren Platz in den Gesprächen mit Mitspielern und Gegnern?

In den Gesprächen mit den Gegner schon. Natürlich habe ich mich mit finnischen Spielern über den anvisierten NATO-Beitritt ausgetauscht. Wir kommen alle aus der Politik, da ist es fast unmöglich im Bus oder in der Kabine nicht auf politische Themen zu sprechen zu kommen. Darüber hinaus ging es auch um die Geflogenheiten in den verschiedenen Parlamenten: Wie lang die Sitzungswochen sind oder wie oft man in der Hauptstadt ist beispielsweise.

Im Trainingsanzug beziehungsweise nach dem Spiel noch im Trikot, vielleicht mit einem Bier in der Hand: Kann man sich das so vorstellen?

So ist es gewesen. Und ich denke, wir genießen das auch, abseits vom Protokoll agieren zu können. Das ist entspannter, ein bisschen persönlicher und der Zugang lässt sich schnell finden. Auf dem Platz und in der Kabine sind alle gleich und die Atmosphäre deshalb etwas lockerer.

Beobachten Sie den heimischen Fußball im Kreis Gießen?

Nicht so sehr. Den Weg des FC Gießen habe ich ein Stück weit verfolgt und war auch das eine oder andere mal im Waldstadion. Die Entwicklung ist schade. Ich hatte gehofft, es ließe sich in Gießen längerfristig höherklassiger Fußball etablieren und wünsche mir, dass das noch passieren wird. Der Stadt würde es guttun.

Im November und Dezember findet die Weltmeisterschaft in Katar statt. Der Gastgeber steht aufgrund von Menschenrechtsverletzungen seit Jahren stark in der Kritik. Hätte die FIFA das Turnier überhaupt dorthin vergeben dürfen? Oder ist der weltweite Fokus vielleicht auch etwas Positives, um ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen im Land anzubahnen?

Die FIFA ist aus meiner Sicht in weiten Teilen eine kriminelle Organisation. Das Turnier an Katar zu geben, war daher eine Fehlentscheidung. Ich finde das sehr schade. Seit dem Jahr 2002, da war ich in der 5. Klasse, habe ich eine große Leidenschaft für die großen Turniere wie Welt- und Europameisterschaften entwickelt. Wenn ich da an die WM 2006 im eigenen Land denke oder an den Gewinn der Weltmeisterschaft durch die deutsche Mannschaft in Brasilien, als ich mit Freunden ganz spontan am Endspieltag nach Berlin zum Brandenburger Tor gefahren bin: Das waren ganz tolle Momente meiner Jugend. Es ist bitter, dass den Fußballfans, gerade auch den Kindern und Jugendlichen, dieses Eventgefühl mit der WM in Katar genommen wird. Denn unter diesen Rahmenbedingungen kann man das Turnier nicht abfeiern. Momentan habe ich auch nicht vor, mir die Spiele anzuschauen, will aber nicht komplett ausschließen, dass ich beim »Zappen« trotzdem mal hängen bleiben werde. Ich hoffe, dass die Debatten rund um die Menschenrechte unmittelbar vor und während der WM noch einmal sehr stark aufkommen und langfristig Veränderungen anstoßen wird.

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Felix Döring - im Trikot mit der Nummer 6 - spielt meist als Linksaußen, aber auch mal in der Mitte oder rechts. Foto: Antti Sepponen © Antti Sepponen

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