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Sinnsuche eines rasenden Postboten

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Trotz teils schwerer Themen bereitete Moritz Rinke dem Publikum einen vergnüglichen Abend. Foto: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

Gießen (uhg). Einen Blick für Bilder, ein Gespür für Situationen hat Moritz Rinke in jedem Fall. Gut nachzuvollziehen am Donnerstagabend, als der bekannte Autor und Dramatiker in der Universitätsbibliothek aus seinem aktuellen Roman »Der längste Tag im Leben des Pedro Fernandez Garcia« vorliest und draußen, die Fenster sind wegen der schwülen Temperaturen weit geöffnet, ein gelbes Mofa vorbeiknattert.

Rinke hat sofort den Vergleich parat: »Da ist ja unser Postbote wieder.«

Einer der Protagonisten in dem Buch ist nämlich Pedro, der auf seiner gelben Diensthonda als Kurier der »Staatlichen Post des Königreichs Spanien« über die Insel Lanzarote rast. Mal nimmt er die Nobelpreis-Route, dann die Nudisten-Route, heute ist es die »Café con Leche-Route«. Er sitzt in einem Cafe im Norden der Insel, obwohl sein Zustellbezirk eigentlich der Süden ist.

Hintergrund: Seit Erfindung des Internet befinden sich immer weniger Briefe in der Zustellbox des Dienstmotorrads. Nur Rechnungen, Werbesendungen, doch keine handschriftlichen Briefe. Die Postboten genießen das Privileg, trotzdem ihre Stellungen zu behalten, sie müssen zum Nachweis ihrer Tätigkeit lediglich Tankquittungen vorlegen. Das bedeutet für Pedro und seine Kollegen, sinnlose Kilometer zurückzulegen, oder das Benzin zu Hause in Kanistern zu horten.

Diese anachronistischen Zustände sind nicht etwa frei erdacht, sondern sauber recherchiert sowie vom Schriftsteller fantasievoll in Szene gesetzt. Die Fähigkeit, ernste Themen in einen komischen Kontext zu setzen, ist gewissermaßen das Markenzeichen von Moritz Rinke, das er immer wieder neu kultiviert, in Theaterstücken, Romanen, Essays, Zeitungsglossen.

Den Auftakt zu dem Leseabend setzte aber Peter Reuter, Direktor der Universitätsbibliothek. Er freute sich, nach der langen Corona-Pause wieder eine Veranstaltung im Lesesaal ankündigen zu können. Moritz Rinke ist in Gießen kein Unbekannter. 1967 in Worpswede geboren, studierte er ab 1989 Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Später entwickelte er sich zu einem der führenden Dramatiker seiner Generation. Seine Theaterstücke werden national und international gespielt und erreichen ein Millionenpublikum.

Das Gespräch mit Rinke führte der Germanistikprofessor Kai Bremer von der Universität Osnabrück, der bis 2017 als Institutskoordinator an der JLU tätig war und dem es auch zu verdanken ist, dass Rinke 2015 sein Privatarchiv über die Entstehung seines ersten Romans der JLU überließ.

»Fünf Umzugskartons voller Manuskriptseiten, Briefe und anderer Materialien«, konkretisierte Bremer, deren Inhalt von den Studierenden systematisch aufgearbeitet wurde. Über den wissenschaftlichen Unterricht mit diesen Materialien berichtete Literaturwissenschaftlerin Kirsten Prinz. Die Studierenden erhielten die Chance, in die Arbeitswelt des Autors einzusteigen und zum Beispiel frühe Fassungen seines Bestsellerromans »Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel« von 2010 zu untersuchen oder auch den Schriftverkehr mit seinen Lektorinnen kennenzulernen. Beispiele dazu konnten die Besucher in einem Schaukasten besichtigen, der im Eingangsbereich des Lesesaals aufgestellt ist.

Auch Moritz Rinke äußerte Zweifel, wie lange sich das Briefeschreiben noch halten könne, wenn man daran gewöhnt sei, »in 160-Zeichen-Segmenten« zu schreiben. Diese Art der Kommunikation ist auch zentrales Thema in seinem neuen Roman, den er dem Publikum in wesentlichen Abschnitten vorstellte. Für Pedro Fernandez Garcia, den Postbote auf Lanzarote, bleibt wegen der modernen Kommunikation immer weniger zu tun. So hat er viel Zeit, seinem Sohn Miguel von der Kunst des Briefschreibens oder den historischen Vulkanausbrüchen zu erzählen. Als sich seine große Liebe Carlota von ihm trennt und sie ihren Sohn Miguel mitnimmt, kehrt vollends Stille in Pedros Leben ein. Zusammen mit dem Flüchtling Amado und dem arbeitslosen Fischer Tenaro will er Miguel zurückholen.

Es ist ein Roman mit Tempo und zugleich mit viel Sorgfalt erzählt. Und die Dialoge lassen sich trefflich vortragen, jedenfalls von einem Vollblutschauspieler wie Rinke, der seinen letzten Schliff bei den Angewandten Theaterwissenschaftlern in Gießen erhalten hat. Trotz schwerer Themen entwickelte sich so ein vergnüglicher Abend, bei dem auch viel zu lernen war, nicht nur über das deutsche Verlagswesen.

Noch eine kleine kritische Anmerkung sei zum Schluss erlaubt: Warum erzählt Bremen-Fan Rinke nach einer Anfrage aus dem Publikum eine Anekdote aus dem Weser-Stadion des SV Werder, ohne auch nur ansatzweise zu erwähnen, dass die Eintracht am Vorabend den Pokal der Europa League nach Frankfurt geholt hatte?!

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