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So gehen Gießener Kliniken mit Operationen um

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Müssen auch Gießener Kliniken wegen des Anstieg der Covid-Patienten nicht notfallbedingte Operationen verschieben?

Gießen . Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat jüngst vermeldet, dass aufgrund der enorm gestiegenen Auslastung durch Covid-Patienten inzwischen circa 75 Prozent der bundesweiten Kliniken ihre planbaren und nicht notfallbedingten Operationen verschieben. Wie sieht das in den Gießener Krankenhäusern aus? Der Anzeiger hat bei Universitätsklinikum (UKGM), Evangelischem Krankenhaus (»EV«) und St. Josefs Krankenhaus-Balserischer Stift nachgefragt.

Universitätsklinikum : Am Donnerstagmittag lagen am UKGM 17 Covid-Patienten auf den Intensivstationen und sechs auf der Normalstation. »Als Maximalversorger in der Region gilt unser Augenmerk grundsätzlich allen Patientinnen und Patienten, die hier eine intensivmedizinische Behandlung benötigen«, verdeutlicht Sprecherin Christine Bode. Falls eine Verschiebung eines planbaren beziehungsweise elektiven Eingriffs aufgrund von Engpässen unausweichlich werde, entscheide man dies in Chirurgie und Anästhesie »immer im Hinblick auf die medizinische Notwendigkeit und den medizinisch erforderlichen Zeitrahmen der geplanten OP«.

Maßgabe hierbei sei, eine Gefährdung des Patienten so weit wie möglich auszuschließen. »So haben wir es auch in den vergangenen Corona-Wellen gehandhabt, wenn Verschiebungen von Eingriffen erforderlich waren. Notfälle werden grundsätzlich immer versorgt«, erläutert Bode. Die steigenden Infektionszahlen würden wie schon in den vorherigen Wellen dazu führen, dass man am UKGM täglich die vorhandenen Ressourcen erhebt und nach Möglichkeiten sucht, diese zu erweitern, um in diesem Rahmen die notwendige und bestmögliche medizinische Versorgung für alle Patienten sicherzustellen. »Aktuell werden bei uns planbare Operationen nicht systematisch abgesagt. Das heißt, unsere Mediziner entscheiden tagesaktuell über das OP-Programm«, so die Sprecherin.

Wesentlicher limitierender Faktor hierbei sei die Anzahl verfügbarer Intensivbetten für Covid- und Non-Covid-Patienten, »die hauptsächlich zusätzlich von der Personalstärke in der Pflege abhängt. Bislang können die meisten geplanten Operationen durchgeführt werden. Kommt es aufgrund von Engpässen zu einer Verschiebung, so werden die Eingriffe in der Regel innerhalb von wenigen Tagen nachgeholt«, erklärt die Sprecherin. Wenn sich die Lage weiter zuspitzen sollte, gelte: Verschoben werden nur Operationen, die zu dem dann aktuellen Zeitpunkt nicht dringend medizinisch notwendig sind.

Als koordinierende Klinik in der Region Mitte könne das UKGM zudem auf die bewährte Zusammenarbeit mit den 17 dazugehörigen Krankenhäusern zurückgreifen. Durch eine Verlegung von Patienten, »die nicht zwingend in einem Haus der Maximalversorgung behandelt werden müssen, gelingt es auch kurzfristig, Kapazitäten für Schwerstkranke zu gewinnen.« Aus diesen Krankenhäusern seien bereits sehr viele Covid-Patienten zur maximalen Intensivtherapie übernommen worden, aus entfernteren Regionen dagegen nur in Ausnahmefällen, erläutert Bode.

Evangelisches Krankenhaus : Am späten Donnerstagnachmittag waren am Agaplesion Evangelischen Krankenhaus Mittelhessen drei Intensivbetten mit an Covid-19 erkrankten Patienten belegt, die nicht-invasiv beatmet werden mussten. Auf der ISO-Normalstation wurden fünf Corona-Fälle behandelt. Bis zu jenem Zeitpunkt mussten von der Klinik »noch keine elektiven Operationen eingeschränkt werden«, teilt Sprecherin Christine Dietrich mit. Die volle Auslastung der OP-Kapazität werde allerdings aufgrund der eingeschränkten Intensivkapazitäten nicht erreicht. Gemäß der Regelungen des Landes soll das »EV« von den zur Verfügung stehenden zehn Intensivbetten drei für Covid-Patienten vorhalten, die also am Donnerstag alle belegt waren. »Sollte es nicht gelingen, die vierte Welle einzudämmen und darüber hinaus die zunehmende Notwendigkeit bestehen, Bundesländer-übergreifende Verlegungen vorzusehen, können noch weniger Patienten auf der Intensivstation behandelt werden, die nicht an Covid-19 erkrankt sind«, macht sie deutlich.

Covid-Fälle binden mehr Personal

Inwiefern am »EV« elektive Operationen abgesagt werden müssen, hänge gegenwärtig von der Inanspruchnahme der Intensivstation bei der Versorgung von Covid-Patienten ab. Denn diese würden wegen der erforderlichen Hygienemaßnahmen deutlich mehr Personal als nicht-isolationspflichtige Patienten binden. »Sollte sich die Situation weiter verschärfen, müssen zunächst planbare, elektive Eingriffe ohne potenziellen Schaden für die Patienten, verschoben werden«, erläutert Dietrich. Beispielsweise hätten Krebsfälle oder Personen mit Frakturen und Notfälle Vorrang etwa vor geplanten Gelenkersatz-Operationen bei Arthrose oder plastisch-chirurgischen Eingriffen und Krampfaderoperationen. Einschränkungen der OP-Kapazität beträfen jedoch alle Patienten, die aus den verschiedensten Gründen postoperativ eine intensivstationäre Überwachung benötigen. »Hier erfolgt die Vergabe der freien Intensivbetten im interdisziplinären Konsens nach Dringlichkeit«, so die Sprecherin.

Die Patientenkommunikation müsse daher angesichts der Entwicklung der pandemischen Situation »tagtäglich abgewogen und neu bewertet werden«. Letztlich seien aber alle Kliniken mit Intensivkapazität »gleichermaßen betroffen, weshalb sich bei den geschilderten Krankheitsbildern ein Verweis an andere Kliniken nicht als Lösungsweg erschließt«, betont Dietrich.

St. Josefs Krankenhaus-Balserischer Stift : Hier befand sich zumindest zum Zeitpunkt Donnerstagvormittag kein Patient auf der eigens eingerichteten Covid-Station, jedoch lagen zwei beatmete Personen auf der normalen Intensivstation und zwei Post-Covid-Patienten in der Geriatrie. Laut Kliniksprecherin Annina Müller hält das Haus die vom Land vorgegebenen Kapazitäten von sieben Normalbetten und einem Intensivbett für Covid-Patienten vor. »Wir haben in den letzten Wochen auch Operationen nachgeholt, die während der dritten Corona-Welle verschoben werden mussten«, ergänzt sie.

Die Krankenhauseinsatzleitung bewerte die Situation, elektive Operationen herunterzufahren, jeden Tag neu. »Aktuell reduzieren wir elektive Eingriffe bei Patienten, die postoperativ intensivüberwachungspflichtig werden können. Das weitere elektive Programm für Patientengruppen, die nicht intensivpflichtig werden, muss aus heutiger Sicht noch nicht reduziert werden. Eine tägliche Bewertung der Situation ist erforderlich«, berichtet sie.

Die Klinik sei auf eine Zunahme von Covid-Patienten vorbereitet und werde erforderlichenfalls stufenweise zusätzliche Bettenkapazitäten dafür frei machen. »In diesem Fall müssen dann geplante Operationen und Behandlungen verschoben werden, damit ausreichend Kapazitäten für die Covid-Patienten, aber auch für die Notfallpatienten insbesondere in der Unfallchirurgie, der Inneren Medizin und der Geburtshilfe zur Verfügung stehen«, lässt Müller wissen.

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