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So viel wie nötig, so wenig wie möglich

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Von: Ingo Berghöfer

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Dr. Johannes Krautheim von der Vitos-Klinik engagiert sich auch als Vorsitzender des »Bündnis gegen Depression« in Gießen für die Therapie dieser Volkskrankheit. Foto: Vitos © Vitos

Mehr als Pillen und Couch: Dr. Johannes Krautheim von der Vitos-Klinik in Gießen spricht über Symptome und moderne Therapiemethoden bei Depressionen.

Gießen. Depressionen sind in Deutschland längst eine Volkskrankheit. Rund fünf Prozent der Bevölkerung leiden derzeit innerhalb eines Jahres unter einer behandlungsbedürftigen depressiven Erkrankung. Und diese Krankheit kann jeden treffen - unabhängig von Alter, Einkommen und kulturellem Hintergrund. Unter den Störungen, die zu Erwerbs- und Berufsunfähigkeit führen, haben psychische Störungen mittlerweile die Spitzenposition übernommen. Aber es gibt auch vielfältige und erfolgversprechende Therapieansätze. Darüber haben wir mit Dr. Johannes Krautheim, dem Vorsitzenden des Bündnisses gegen Depression in Gießen und Oberarzt an der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie gesprochen.

Jeder von uns hat mal einen schlechten Tag und manchmal auch eine schlechte Woche. Ab wann spricht man von einer Depression und gibt es dafür eindeutige Symptome?

Depressionen sind eine seelische Erkrankung. Einfach formuliert kann man sagen, dass die Depression da anfängt, wo das Spektrum des gesunden Erlebens aufhört. Eine Depression ist mehr als Traurigkeit, mehr als Konzentrationsstörungen, mehr als Antriebsschwäche und sie ist mehr als eine Reduktion von Freude. Eine Depression ist für diejenigen, die sie erleben, oft ein quälender Zustand. Man kann ihn manchmal besser durch Bilder beschreiben. Eine berühmte Metapher, die das Wesen der Depression gut abbildet, sind die Dementoren, die J.K. Rowling beschrieben hat.

In ihren Harry-Potter-Romanen?

Ja! Diese Dementoren saugen den Menschen alles Positive aus, die Hoffnung, die Freude. Menschen, die schwer von einer Depression betroffen sind, leben in einem ganz ähnlichen, schwierigen Zustand. Depressionen sind häufig, sogar die häufigste psychische Erkrankung. Sie gehen aber über das hinaus, was wir im Alltag als belastend erleben. Aufgrund dieser Häufigkeit sind aber auch die meisten Therapiemethoden gegen Depression entwickelt worden.

Was sind die Auslöser von Depressionen?

Die können vielfältig sein. Jeder Mensch wird mit einer bestimmten Verletzlichkeit geboren und damit auch mit dem Risiko, eine Depression zu entwickeln.

Das wären dann die Erbfaktoren...

Genau, das ist genetisch bedingt. Wir alle machen in unserer Kindheit und Jugend aber auch Erfahrungen, die uns entweder stabilisieren oder die unsere angeborene Verletzlichkeit verstärken. Depressionen können auch durch soziale Krisen, in die man gerät, ausgelöst werden, aber auch durch bestimmte Erlebnis- und Reaktionsmuster, die jemand entwickelt hat und die ihm gegebenenfalls Probleme machen. Nicht zuletzt können Depressionen durch körperliche Faktoren verursacht werden, wie beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion. In der Summe haben wir biologische, seelische und soziale Faktoren, die das Risiko, eine Depression zu entwickeln, erhöhen. Im Einzelfall ist es gar nicht so einfach, die konkrete Ursache zu ermitteln, weil diese so vielfältig sind.

Wie ist das Wechselspiel zwischen diesen internen und externen Ursachen? Verstärken diese sich gegenseitig?

Als Symbol nehmen wir da gerne das Bild eines Wasserfasses. Das Wasser, das oben herein fließt, ist unsere Alltagsbelastung. Das, was uns entlastet, ist der Abfluss dieses Fasses. Das genetische Risiko und meine Vorerfahrungen im Leben bestimmen, wie viel Wasser bereits im Fass ist. In einer Situation mit vielen Belastungsfaktoren fließt in unserem Bild viel Wasser von oben in das Fass. Wenn unten nicht mehr genug abfließen kann, kommt irgendwann der Punkt, an dem das Fass überläuft. Das wäre dann die seelische Erkrankung.

Sie haben ja ein Programm aufgelegt, in dem sportliche Aktivitäten zur Bekämpfung von Depressionen eingesetzt werden. Warum hellt sportliche Anstrengung die Stimmung auf?

Sportliche Aktivitäten - insbesondere Ausdauersport - wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten stärker erforscht, mit sehr vielversprechenden Ergebnissen in Bezug auf seelische Erkrankungen. Ausdauersport hat einen sehr starken antidepressiven Effekt. Sport greift dabei an ganz unterschiedlichen Stellen in Prozesse ein, die mit Depressionen assoziiert sind. Er führt zum Abbau von Stresshormonen und zur Ausschüttung von Wachstumsfaktoren im Gehirn. Wenn ich regelmäßig Ausdauersport mache, wachsen bei mir im Gehirn Regionen, die für Gedächtnis und Emotionsverarbeitung zuständig sind.

Das macht Sport aber zu einer wirkungsvollen Therapie...

Das sind übrigens Effekte, die wir auch sehen, wenn Menschen Antidepressiva nehmen. Da wachsen dann ganz ähnliche Regionen im Gehirn. Wir haben ganz unterschiedliche Ebenen, auf denen der Sport, ganz biologisch, eingreift und so ermöglicht, dass sich unser Stresssystem entspannt. Diese Aspekte erhöhen das körperliche Wohlbefinden. Wenn ich in der Lage bin, regelmäßig Ausdauersport zu betreiben, dann gibt mir das ein Gefühl, etwas in der Welt bewirken zu können. Wenn ich mich regelmäßig zum Sport motivieren kann, kann ich mich auch für andere Dinge motivieren.

Wenn die Ursachen einer Depression aber äußere Faktoren sind, kuriert eine Sporttherapie in diesen Fällen nicht bloß Symptome?

Wenn ich in einer Depression bin, dann sind meine Möglichkeiten, auf die Welt zu reagieren und selbstständig tätig zu werden, eingeschränkt. Ich vergleiche das gerne mit einer zu engen Parklücke. In der bin ich so eingepackt, dass ich gar nicht mehr selbstständig ausrangieren kann. Effekte von Antidepressiva, aber auch Ausdauersport sorgen dafür, dass die Parklücke größer wird und sich für die Betroffenen mehr Handlungsmöglichkeiten ergeben. Wenn es hinter der Depression noch etwas gibt, also die Frage, wie jemand in diese Parklücke überhaupt hineingeraten ist, dann ist das ein Problem, dem man sich in einer Psychotherapie annehmen kann.

Laut eine Anfrage der Linken an die Bundesregierung hat die Verschreibung von Psychopharmaka in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen - und zwar von rund 1,2 Milliarden auf 1,6 Milliarden Tagesdosen in den vergangenen zehn Jahren. Laut der ARD soll sich die Zahl der Verschreibungen seit 1990 sogar verachtfacht haben. Haben wir solch eine hohe Zunahme psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft?

Ich kann hier nur für die Vitos-Klinik sprechen. Unsere Haltung ist bei Medikamenten: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Einer der Gründe, warum wir das Ausdauertraining in unser Therapieangebot aufgenommen haben, ist, dass wir dadurch in einigen Fällen auch die Medikation vermeiden können. Wenn Menschen mit einer Polypharmazie zu uns kommen, also viele und oft zu viele Medikamente nehmen, dann besteht die Therapie auch darin, dass wir diese Medikamente reduzieren, weil dann schon die Reduktion der Nebenwirkungen einen großen therapeutischen Effekt darstellt. Ansonsten wird in der Behandlung depressiver Erkrankungen algorithmisiert vorgegangen.

Das müssen Sie näher erklären...

Nun, das heißt, dass man den Patienten zunächst gut aufklärt und in die Entscheidungen einbindet. Welches Antidepressivum hat für mich das günstigste Nebenwirkungsprofil? Wie lange geben wir einem Medikament eine Chance, bis wir entscheiden, ob es gewirkt hat? Wann entscheiden wir über eine Umstellung? Der Patient befindet sich, wenn man so will, auf einer Wanderung raus aus seiner Erkrankung und wir besprechen an den signifikanten Wegmarken die beste Route. Es hat sich gezeigt, dass hier ein klares und zeitlich strukturiertes Vorgehen, in dem Patientenwünsche eingebunden werden, den größten Behandlungserfolg verspricht und unnötige Mehrfachkombinationen an Medikamenten vermieden werden können.

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich an mir selbst oder Menschen aus meinem Umfeld Symptome bemerke, die auf eine Depression hindeuten?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Menschen, die zum ersten Mal an einer Depression erkranken, brauchen oft sehr lange, bis sie sich Hilfe suchen, weil das Sprechen über seelische Schwächen auch heute noch schambesetzt ist, aber auch stigmatisieren kann. Wir haben es hier mit einer Krankheit zu tun, die den ganz persönlichen und intimen Bereich des Menschen betrifft. Darüber spricht es sich nicht so leicht, wie zum Beispiel über einen angeknacksten Fuß. Zudem sind in unserer Gesellschaft immer noch Stereotype sehr präsent, die ein negatives Bild von psychisch Erkrankten zeichnen. Dagegen müssen wir uns als Gesellschaft gemeinsam auflehnen, weil es absolut wichtig ist, dass Menschen, die eine Erkrankung haben, Hilfe erhalten. Das ist auf der individuellen Schicksalsebene relevant, aber auch gesamtgesellschaftlich.

Wie sieht das praktisch aus?

Wer sich proaktiv Hilfe suchen möchte, hat als erste Anlaufstelle den Hausarzt. Bei Notfällen kann man sich auch an den ärztlichen Bereitschaftsdienst und den Rettungsdienst wenden. Es gibt auch die Möglichkeit, sich in Notfällen bei uns in der Vitos-Klinik oder im UKGM in der Ambulanz vorzustellen. Oft ist hier ein vorheriger Anruf sinnvoll, damit man direkt beim richtigen Ansprechpartner erscheint. Last but not least gibt es auf der Homepage des »Bündnis gegen Depression Gießen« einen Flyer, auf dem Ansprechpartner und Hilfsstrukturen im Landkreis aufgelistet sind: (http://buendnis-depression-giessen.de/wp-content/uploads/2020/12/Flyer_Depression_Hilfsangebote-in-Giessen.pdf)

Ist das deutsche Gesundheitssystem gut aufgestellt für die Behandlung von psychischen Erkrankungen, gibt es genug Therapieplätze oder besteht Handlungsbedarf?

Ich breche diese Frage einfach mal auf uns als Vitos-Klinik herunter. Wir sind im Landkreis dafür zuständig, dass jeder Mensch in unserem Einzugsgebiet, der eine notfallmäßige Behandlung braucht, weil er psychisch erkrankt, diese auch erhält. Uns ist es gelungen, diese Versorgung auch unter Pandemie-Bedingungen erfolgreich aufrechtzuerhalten. Wir als Klinik würden uns wünschen, dass es sowohl bei den ambulanten Psychotherapieplätzen als auch bei der sozialen Nachversorgung - Stichwort: Betreutes Wohnen oder ambulant Betreutes Wohnen - kürzere Wartezeiten geben würde. Das würde uns als Klinik helfen, den Patienten eine bessere Anschlussperspektive für die Zeit nach der Klinik zu verschaffen.

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