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So war das noch nicht zu hören

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Die neun Mitglieder des Philharmonischen Orchesters ließen das Blech tanzen. Foto: Schultz © Schultz

Beim jüngsten Kammerkonzert im Stadttheater Gießen tanzte das Blech aus der Reihe.

Gießen. Die Blechbläser des Philharmonischen Orchestersstanden im Mittelpunkt des dritten Kammerkonzerts der aktuellen Reihe im Stadttheater. Unter dem Titel »Blech tanzt aus der Reihe« gab es ein buntes Programm zeitgenössischer und moderner Werke auf höchstem handwerklichen Niveau. Das bestens disponierte Ensemble begeisterte die Zuhörer: ein Volltreffer.

»Wir hätten den klanglichen Rahmen des Foyers gesprengt, deshalb sind wie hier,« erläuterte das langjährige Orchestermitglied Alexander Schmidt-Ries zu Beginn. Das Ensemble mit Christine Dobmeier, Martin Gierden, Johannes Osswald (Trompeten), Alvaro Artunedo Garcia, Martin Gericks, Victor Lozano Mariano (Hörner), Kurt Förster, Alexander Schmidt-Ries, Philippe Stier (Posaunen) ist gut aufeinander eingestimmt und stand mit »Blech tanzt.‹‘ bereits mehrfach auf der Bühne. Sämtliche Arrangements stammten von den Mitgliedern Gierden, Schmidt-Ries sowie Artunedo Garcia. Das Arrangement des Piazzolla-Titels kommt von Steven Verhelst.

Los ging es im Stadttheater mit drei »Französischen Tänzen« von Claude Gervaise. Sogleich legte sich mit »Allemande et gaillarde« ein weicher, schöner Glanz über das gut besuchte Haus, das differenzierte Arrangement schuf großes Behagen. Im zweiten Satz bestimmten tiefe Passagen teilweise das Klangprofil. Auffallend war der anfänglich sanfte Schwung, die fast andächtige Spielweise.

Das Bläsernonett hatte große Namen im Programm: aus George Bizets »Carmen« wählte es die »Habanera«. Die vertrauten Klänge besaßen hier sanften Groove und waren minutiös akzentuiert. Überhaupt ging das Ensemble außergewöhnlich konzentriert zu Werke und erfreute mit bester Geschlossenheit. Das war knackig und von glasklarer Durchsichtigkeit, ganz zu schweigen von dem betörenden Klang eines vollen Blechbläserensembles, der seine ganz eigene Ästhetik besitzt. Das Ensemble ist ja von großer Vielseitigkeit und bewältigt mit seiner großen Stimmenanzahl eigentlich jede musikalische Aufgabe. Das Publikum applaudierte sogleich heftig.

Große Namen im Programm

Dann gab es zwei Klassiker: Tschaikowskis »Arabischer Tanz« und »Danse Russe Trepak« aus dem »Nussknacker«. »Die Karawane erscheint, zieht weiter und ist schließlich verschwunden«, beschrieb Schmidt-Ries bildhaft die Klangszenerie. Sachte hob die Musik im »Arabischen Tanz« an, steigerte sich zum dramatischen Höhepunkt und verwehte dann gleichsam in den unendlichen Weiten der Wüste. Der russische Tanz ist aus ganz anderem musikalischen Holz geschnitzt. Das ging sehr flott ab, geradezu mitreißend, wurde immer schneller, bis gegen Ende die Schallmauer erreicht zu werden schien, aber da war man längst außer Atem - toll.

Die gute Laune im Publikum hielt weiter an, als man zu Sergej Prokofjews Suite in sechs Sätzen für Blechbläsernonett (arrangiert von Schmidt-Ries) aus dem Ballett »Romeo und Julia« kam. Das Ensemble schlug hier einen großen dramaturgischen Bogen. Apart war der anfänglich dramatische, etwas dissonante Akt. Insgesamt handwerklich sehr gut, schön narrativ und mit dynamischen Wechseln gestaltet, sorgte das für eine wunderbare Stimmung und großen Glanz. Und genau so hatte man das ja auch noch nicht gehört.

Astor Piazzollas Suite aus »Maria de Buenos Aires« brachte anschließend einen attraktiven Stimmungswechsel. Zunächst kantabel musiziert, fanden die Instrumentalisten zu lyrischer Versonnenheit und schließlich schöner Melancholie. Vertraute Emotionen erschlossen sich bei Frederick Loewes »I could have danced all night« aus »My Fair Lady«: frisch und knackig musiziert, ein Glanzlicht.

Zum Abschluss gab es dann Leonard Bernsteins »Mambo« aus der »West Side Story«. Das war Rhythmus pur, enorm vielfältig sowie witzig und verspielt umgesetzt. Donnernder Beifall, das Publikum bestand auf zwei - erstklassig musizierten - Zugaben. Ein wunderbarer Sonntagmorgen.

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