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»Solidarität heißt Widerstand«

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Von: Ingo Berghöfer

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Viele Teilnehmer haben klare Botschaften mitgebracht. © Ingo Berghöfer

Bei der Gießener Demo im Vorfeld des 3. Jahrestages der Morde von Hanau halten sich Wut und Trauer die Waage. In den Reden wird deutlich, wie verbreitet Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft ist.

Gießen . Ganze sechs Minuten hat der psychisch kranke und in einer selbst zusammengesponnenen rassistischen Wahnwelt gefangene Tobias R. gebraucht, um am 19. Februar 2020 neun Leben auszulöschen und sechs weitere Menschen schwer zu verletzen. Sechs Minuten, die seit diesem Tag nicht nur für die Angehörigen nicht vergehen wollen, weil mit jedem quälend langsam enthüllten Fakt über das Versagen von Behörden vor und nach dieser Bluttat Schmerz und Wut neu entfacht werden.

Nicht nur der Schmerz, sondern auch diese Wut standen am Mittwochabend im Mittelpunkt der Demonstration zum bevorstehenden dritten Jahrestag eines Anschlags, den Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher in seiner Rede als »eine Eskalation von Alltagsrassismus« bezeichnete - und als Folge einer Intoleranz, die in Hass umgeschlagen sei.

Rund 150 Teilnehmer waren dem Aufruf eines breiten Bündnisses aus Politik und Zivilgesellschaft gefolgt, um über die Südanlage zum Elefantenklo und durch den Seltersweg zurück zum Rathaus zu ziehen. Dabei wurden Parolen wie »Solidarität ist Widerstand« skandiert.

Zuvor hatte Desiree Becker von der DGB-Gewerkschaftsjugend den Reigen der Reden mit einer klaren Ansage eröffnet. Rechte Gewalt und rechte Hetze seien ein Produkt dieses Systems, das versuche, die Menschen in Betrieben, der Schule, an der Uni und in der Gesellschaft zu spalten. Sie erinnerte auch an die Forderung der »Initiative 19. Februar«, den Angehörigen der neun Opfer nicht nur Erinnerung und Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sondern vor allem lückenlose Aufklärung. Und es gelte, Konsequenzen zu ziehen.

Die vielleicht eindringlichste Rede des Abends hielt die 26-jährige Studentin Hatice Korkmaz, die ein Gedicht auf ihr Heimatland, auf Deutschland, verfasst hatte. Ein Land, das sich jahrzehntelang schwer damit getan habe, anzuerkennen, dass es ein Einwanderungsland sei, in dem die erste Generation der damals Gastarbeiter genannten Migranten »unter miserablen Arbeitsbedingungen für wenig Geld und vor allem mit gesenktem Kopf« ihren Platz finden musste. Korkmaz machte deutlich, dass die Generation der Enkel nicht mehr das Haupt beuge: »Wir sind Deine Kinder, Deutschland, und Hanau ist Deine Erinnerung.« Ein Land, das diese Tatsache verleugne, verleugne einen Teil seiner selbst. »Ich fordere das Land auf, von seinem Leitkultur-Fiebertraum endlich Abschied zu nehmen, denn wir gehen nirgendwo hin und akzeptieren Deinen Rassismus nicht mehr.«

Auch Taner Kaya vom Kreisausländerbeirat betonte, es sei nicht die Schuld der Nachkommen von Migranten, dass sie von Rassisten nicht erwünscht seien. Rassismus sei »eine unvernünftige Art zu denken«, die behoben werden müsse - und schuldig sei jeder, der den Rassismus weitertrage: »Wir leben hier, wir sind hier, wir bleiben hier«, brachte er es auf den Punkt.

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Rund 150 Teilnehmer haben sich am Mittwochabend vor dem Rathaus versammelt, um nach einer Minute stillen Gedenkens und mehreren Reden mit einem Trauerzug an neun Menschen zu erinnern, die vor drei Jahren in Hanau ermordet wurden. © Berghöfer

Stadtrat Francesco Arman sprach als Vertreter des Studierendenverbandes der Sinti und Roma in Deutschland. Er mahnte ebenfalls eine lückenlose Aufklärung an. Dass sich staatliche Stellen unangemessen gegenüber den betroffenen Familienangehörigen verhalten hätten, sei erst vor kurzem durch den Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages publik gemacht worden.

Für Mohammad Raschid von den muslimischen Gemeinden in Gießen ist der strukturelle Rassismus in diesem Land die »Mutter aller Probleme«, wie er in Anspielung auf ein Zitat des damaligen Innenministers Horst Seehofer sagte. Rassismus werde in der Mehrheitsgesellschaft immer wieder geleugnet und bagatellisiert, weil er dem idealisierten Selbstbild dieser Gesellschaft widerspreche.

Eden Tesfaghiorghis vom Ausländerbeirat der Stadt Gießen bestätigte diese Einschätzung. Sie selbst müsse jede Woche Rassismus im Alltag erleben: beim Einkaufen und auf der Straße. Nach ihrer Wahrnehmung haben diese Vorfälle während der Corona-Pandemie zugenommen. Dow Aviv von der Jüdischen Gemeinde versprach, dass man stets gemeinsam gegen Rassismus, für das Grundgesetz und für die Religionsfreiheit eintreten werde.

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