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»Soll die ganze Welt Russland werden?!«

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Olga Borisova (rechts) und Maria Aljochina. Foto: dpa © dpa

Lich. Nach dem Konzert sprach der Anzeiger mit Pussy Riots-Mitglied Olga Borisova.

Erst in Berlin und Hamburg, heute spielte Pussy Riot im beschaulichen Lich. Ist das nicht ein harter Kontrast?

Nein. Ich bin sehr froh, dass wir heute hier im Kino auftreten konnten. Es ist uns sehr wichtig, nicht nur in großen Städten zu spielen. Und Lich ist ein gemütliches Städtchen, das uns sehr gefallen hat.

Deutschland ist in seiner Haltung zum Krieg gespalten. Die eine Hälfte fordert die bedingungslose Unterstützung der Ukraine, auch mit schweren Waffen; die andere fürchtet, dass das zu einem Nuklearkrieg zwischen den Supermächten führen kann. Wie bewerten Sie die deutsche Position?

Deutschland ist eines der Länder, neben Frankreich und Italien, die direkt Waffen an Russland geliefert haben. Jetzt erleben wir die Konsequenzen dieser Politik. Bevor wir über den Krieg gegen die Ukraine sprechen, müssen wir aber erst einmal über die Annexion der Krim sprechen und die damals ausgebliebenen Konsequenzen. Damals wollte anfangs niemand mehr Putins Hand schütteln oder ihn zu internationalen Konferenzen einladen. Es wurden auch einige Sanktionen gegen Russland verhängt. Aber nach einer gewissen Schonfrist kehrte der Westen zum Normalbetrieb zurück. Putin hat daraus gelernt, dass die Konsequenzen seiner Taten auszuhalten sind, und er hat sie bei seinen Entscheidungen eingepreist. Diese Entscheidungsschwäche des Westens hat direkt zum Überfall auf die Ukraine geführt.

Damals haben viele bei uns gesagt, dass die Krim überwiegend russisch besiedelt ist. Ähnlich hat man auch 1938 argumentiert, als Hitler nach dem überwiegend deutsch besiedelten Sudetenland griff und die damalige Zurückhaltung der Westmächte als Schwäche interpretierte, was ihn letztlich dazu ermutigte, den Zweiten Weltkrieg zu beginnen. Sehen Sie Parallelen?

Sie sind jetzt wirklich der erste Journalist, der diese Parallelen anspricht. Normalerweise ist es Journalisten ja unangenehm, solche Vergleiche zu ziehen. Und das ist falsch. Deutschland ist sehr stolz auf seine Erinnerungskultur, vergisst dabei aber die Werte, auf die das freie Europa aufgebaut ist. Der wichtigste dieser Werte ist, selbst über seine Art zu leben, entscheiden zu können. Jetzt haben wir diesen Krieg mit der Ukraine, nein, in der Ukraine - ich bin ja nicht im Krieg mit der Ukraine - und dieses elementare Recht wird dort Tag für Tag brutal verletzt. Ich habe mich immer nach den europäischen Werten gesehnt, und jetzt scheint es so, dass viele Menschen die Freiheit, die sie hier genießen, gar nicht mehr wertschätzen.

In einer deutschen TV-Talkshow hat die Angehörige eines transatlantischen Thinktanks unwidersprochen behauptet, dass Russen zwar wie Europäer aussehen mögen, aber keine Europäer seien. Befürchten Sie, dass der Zorn auf den Kriegsherrn Putin sich gegen Ihr Volk richten wird, je länger dieser Krieg dauert?

Es ist eine imperialistische Logik, dass wir alle einander hassen und uns bekämpfen sollen. Putin benutzt die selbe Strategie, um seinen Krieg zu führen. Auf dieses Niveau sollte der Westen nicht sinken. Europa sollte aber wachsam sein, denn es wäre sehr naiv, zu glauben, dass Putin sich mit der Ukraine zufrieden geben würde, denn er ist ein Psychopath.

Wenn er aber Nato-Territorium angreifen würde, hätten wir den Dritten Weltkrieg …

Ja, deshalb ist es jetzt so wichtig, ihn von möglichst allen Ressourcen abzuschneiden, die seine Kriegsmaschinerie am Laufen halten, und keinerlei Geschäfte mehr mit ihm zu machen, um ihn letztlich zu entmutigen, seine Ziele mit Gewalt erreichen zu können. Und im Westen muss es jedem klar sein, dass es eine direkte Verbindung zwischen jedem an Putin überwiesenen Euro und den Massakern und dem Genozid in der Ukraine gibt. Das ist meine klare Botschaft.

Kommt diese Botschaft auch bei Putin an?

Was mir Sorgen macht, ist die Irrationalität seines Handelns. Er hat diesen Fetisch Sowjetunion. Er will als der Mann in die Geschichte eingehen, der die Sowjetunion wiedererrichtet hat. Und er hat diesen Krieg begonnen, im Glauben, in drei Tagen Kiew einnehmen zu können. Das ist doch verrückt! Ich habe gehört, Vertreter der so genannten Volksrepubliken im Donbas hätten ihm zuvor weisgemacht, dass die Ukrainer ihn mit Blumen als Befreier begrüßen würden. Das zeigt doch, dass er offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, die Wirklichkeit realistisch zu beurteilen. Deshalb fürchte ich auch, dass er noch weitergehen wird, wenn man ihn jetzt nicht stoppt. Gut, wir fürchten den Nuklearkrieg. Aber soll deshalb die ganze Welt Russland werden?!

Wann, glauben Sie, werden Sie in Ihr Heimatland zurückkehren können?

Ich weiß es nicht. Millionen haben Russland seit Kriegsausbruch verlassen, aber meine Familie und die Menschen, die wichtig für mich sind, leben noch dort. Ich habe aber die Hoffnung, dass es schon sehr bald sein kann, dass ich in ein Russland zurückkehren kann, das nicht mehr von den Lügen Putins beherrscht wird.

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