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Songs für die Freiheit

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Widmeten sich der Folk-Tradition der USA: Gerhard Merz, Claudia Jirka, Helmut Fischer, Johannes Langenbach und der Projektchor. Foto: Schultz © Schultz

Gießen. Einen wichtigen und wohlgesetzten Denkanstoß erhielten die Besucher des Gesprächskonzerts »Pass it on« am Dienstagabend im ausverkauften Levi-Saal. Der Ex-Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete Gerhard Merz präsentierte einen musikalischen Überblick auf die »Songs des anderen Amerika«. Das Publikum war höchst angetan.

Merz (Idee, Texte, Moderation, Gesang), Helmut Fischer und Claudia Jirka (musikalische Leitung), Johannes Langenbach (Schlagzeug), Dieter Eissel (Mundharmonika) und der Projektchor »Pass It On« boten nicht nur eine Auswahl historischer amerikanischer Songs und Volkslieder, das Programm wurde auch von einer Reihe passender historischer Abbildungen begleitet.

Merz stellte das Ganze in den Zusammenhang mit den gestrigen Wahlen zum US-Kongress und Abgeordnetenhaus - und der möglichen Wiederkehr des Donald Trump - und der Bedrohung der Freiheit. Er betonte: »Die Freiheit ist nicht nur in Amerika bedroht. Wer weiß, wie stark die Unterstützung der Ukraine unter Trump ausfallen würde?« Er bezeichnete die Wahlen als wahrscheinlichen Wendepunkt in der US-Geschichte, zum Besseren oder Schlechteren. »Die USA sind kein Bollwerk gegen rechte Kräfte.« Man wollte jedoch an die demokratische Tradition in den USA erinnern. Dazu zitierte Merz eine der Hauptfiguren der demokratischen Bewegung, den ermordeten Martin Luther King.

Folk-Musik steckte voller Appelle

Das Programm wurde getragen von einer stattlichen Liste 24 amerikanischer Folk- und Protestsongs, die von der »Battle Hymn of the Republic« eröffnet wurde, deren Refrain »Glory glory hallelujah« im Saal mitgesungen wurde. Hier trat der von Claudia Jirka geleitete Projektchor »Pass it on« erstmals in Erscheinung, sachkundig begleitet von Helmut Fischer an der Orgel, später am Klavier, und Johannes Langenbach am Schlagzeug.

Merz sang mehrfach solo sehr gut anhörbar und trug eindrucksvoll den »Talking Union Blues« von Pete Seeger vor. Überhaupt steckt die Geschichte der US-Folk-Music voller politischer Appelle und Kommentare, nicht zuletzt Aufforderungen zur handfesten Aktion, wurde verdeutlicht. Einige dieser Lieder wurden hierzulande aus den Hitparaden bekannt.

Thematisiert wurde auch das Schicksal besitzloser Wanderarbeiter, die das Land auf der Suche nach Jobs durchquerten. In den ländlichen Gebieten war einst in den 1920ern eine kraftvolle Gewerkschaftsbewegung entstanden. Doch dabei kam es auch zu Gewalt. Joan Baez‹ Hit »The night they drove old Dixie down« schloss den ersten Teil ab und wurde tatkräftig mitgesungen. Auch an Pete Seegers «»If I had a hammer«, hierzulande als tanzbarer Charthit konsumiert, konnten sich die meisten erinnern. Er wurde erstmals 1940 bei einer Solidaritätsveranstaltung für angeklagte Mitglieder der amerikanischen KP gespielt.

Stimmungsvoll wirkte die Kombination von Vorsänger und Chorantwort (Call and response), die Merz mit dem Chor gelegentlich praktizierte. Nahm man Fischers hochkompetente Stimmungsarbeit am Klavier hinzu, war das auch ein sehr unterhaltsamer Abend. Schließlich gab es Songs von Größen wie Bob Dylan, Joan Baez oder Robbie Robertson - Künstler, die dem Wiederstand stets näher standen als der Unterordnung. Zwischendurch ließ Merz in seinen rezitierten Texten schon mal ein Glanzlicht angehen, wenn er unauffällig ins Versmaß eingebunden einflocht »Donald Trump’s a traitor« (Verräter) und gleich danach eine Spitze gegen Tucker Carlson, den Chefhetzer von Fox News, anschloss »Tucker’s a sucker« (Kotzbrocken). Auch bei Woody Guthries »This land is your land«, das bei uns überwiegend als harmlose Weise rezipiert wurde, geht es tatsächlich um radikale Forderungen der Arbeiter. Fischer veredelte es mit ein paar Musetteakzenten, das Publikum applaudierte großzügig.

Das Abschlusslied »Pass it on«, gesungen von Judy Collins, stammt aus einem Dokumentarfilm von 1964, »The inheritance«, den die Gewerkschaft der Textilarbeiter zur Erinnerung an die Kämpfe der Vergangenheit produzierte. Darin heißt es »Freiheit ist eine schwer erarbeitete Sache, man muss dafür arbeiten, man muss dafür kämpfen«.

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