1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Spaniens Sonne im Saal

Erstellt:

Von: Thomas Schmitz-Albohn

Drei junge Solistinnen der Frankfurter Hochschule für Musik geben eine glanzvolle Vorstellungen im Großen Haus des Stadttheaters.

Gießen. Drei Solistenkonzerte an einem Abend - wo gibt es das sonst noch? Im Gießener Stadttheater haben solche Konzertabende jedenfalls seit ein paar Jahren Tradition. Dabei führen die Musikstars von morgen im Rahmen einer Prüfungssituation erstklassige Werke vor Publikum auf. Das macht den Reiz dieser Examenskonzerte aus, die das Stadttheater zusammen mit der Frankfurter Hochschule für Musik regelmäßig veranstaltet. Unter dem Titel »Junges Podium« traten am Mittwochabend drei Absolventinnen der Hochschule an und bescherten den Zuhörern ein genussvolles Musikerlebnis, das ein freudiges Strahlen auf den Gesichtern hinterließ.

Theatersaal leider nur halbvoll

Doch leider haben nur vergleichsweise wenige Besucher von diesem Angebot Gebrauch gemacht. Der Saal war noch nicht einmal halbvoll, was ziemlich unverständlich bleibt, denn auf dem Programm standen hochkarätige und eigentlich zugkräftige Kompositionen von Joaquin Rodrigo, Bernhard Crusell und Edvard Grieg.

Mit dem Auftritt der aus Andalusien stammenden Harfenistin Sara Esturillo ging zugleich Spaniens Sonne auf. Umsichtig und temperamentvoll vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Andreas Schüller unterstützt, brachte sie im Concierto de Aranjuez ihres Landsmannes Joaquín Rodrigo alle Sehnsüchte nach dem Süden zum Klingen, schön und melancholisch zugleich. Das ursprünglich für Solo-Gitarre und Orchester geschriebene Werk ist heute eines der meistgespielten Musikstücke überhaupt und hat wie kaum ein anderes klassisches Werk die Genre-Grenzen überschritten.

Sprühende Virtuosität dominierte alle drei Sätze. Sara Esturillo bewies mit perlenden, leicht fließenden Tönen und sensibler Gestaltungskraft, dass sich ihr Instrument sehr wohl mit der Gitarre messen kann. In ihrem von Spiellaune wie auch von Disziplin geprägten Vortrag blühte der Einfallsreichtum Rodrigos allenthalben auf, und der zarte, intime Klang der Harfe erwies sich in jedem Augenblick als sehr passend.

Schließlich das Adagio: Gleichmäßig pulsierende Akkorde eröffneten den zweiten Satz, während das Englischhorn (Alba Busto) im Hintergrund jene klagevolle Melodie vortrug, die das ganze Werk weltberühmt gemacht hat. Und auch hier zeigte sich die Solistin als einfühlsame Interpretin, wie sich die Melodie, Abschnitt für Abschnitt, mit blumigen Ausschmückungen wiederholte und nach zwei Kadenzen wieder in einen leidenschaftlichen Dialog mit dem Orchester trat.

Nicht wenigen Musikliebhabern gilt das Fagott als der »grummelnde Großvater« im Orchester, doch längst gibt es Spieler, die dem Instrument erstaunliche Klangfarben entlocken. Zu ihnen gehört die 1991 geborene Charlotte Sutthoff, die als Solistin im Concertino B-Dur von Bernhard Crusell eindrucksvoll vorführte, dass das gemeinhin für schwerfällig gehaltene Fagott durchaus beschwingt und leichtfüßig daherkommen kann. Crusell war ein finnischer Komponist und überragender Klarinettist, der auf seinen Konzerttourneen ganz Europa bereiste. Seine Kompositionen sind einem frühromantischen Klangideal verpflichtet, voller origineller thematischer Einfälle und hörbar von Mozart und Weber beeinflusst.

In dem überwiegend heiteren, federnd leichten Concertino für Fagott und Orchester verstand es Charlotte Sutthoff souverän, die ihr vielfach gebotenen Möglichkeiten zum Brillieren zu nutzen. Schnelle Läufe, Notensprünge, flotte Tänze oder eingängige Kantilene - alles schien ihr leicht von der Hand zu gehen. Hier spürte man die bereits erfahrene Kammermusikerin, Stipendiatin von Yehudi Menuhin, die für die Aufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach für acht Fagotte und Kontrafagott 2016 mit einem Echo Klassik ausgezeichnet wurde.

Immense Anforderungen

Die 1987 in Seoul geborene Pianistin Da Young Kim, Preisträgerin zahlreicher Klavierwettbewerbe, präsentierte sich schließlich im hochromantischen, von allerlei folkloristischen Einflüssen geprägten Klavierkonzert a-Moll von Edvard Grieg, das an die Solistin immense Anforderungen stellt. Ein dumpfer Paukenwirbel, ein in zuckenden Rhythmen hinabstürmender Lauf im Klavier - und schon war Da Young Kim ganz in ihrem Element, als sie sich nach einer innigen, schwelgerischen Melodie zu der brillant geschriebenen, mit allen Fasern im Klaviersatz wurzelnden Kadenz aufschwang. Ihr Spiel war kraftvoll, bezwingend, energisch, aber nicht übertrieben.

Im Adagio des zweiten Satzes voll zauberhafter Stimmung, wozu das Orchester die Klavierstimme in Samt und Seide bettete, ließ sie in den zärtlichen, wie Harfentöne hingestreuten Einwürfen ihre völlige Hingabe an und Versunkenheit in die Musik spüren. Die Tanzlust des letzten Satzes gipfelte in einer wilden Ausgelassenheit, mit der die Solistin und das Orchester den Abend glanzvoll ausklingen ließen.

Das Publikum des Stadttheaters dankte allen Beteiligten mit überaus herzlichem Applaus.

Auch interessant