SPD im Freudentaumel, zwei Tore zu viel und erschreckende Zahlen

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Endlich herrscht Klarheit! Endlich ist der "Marathon-Wahlkampf" vorbei! Endlich können sich wieder alle politischen Akteure voll und ausschließlich darauf konzentrieren, die Zukunft Gießens zu gestalten! Es gibt ja genug zu tun. Die Bürgerinnen und Bürger - leider erneut nur wenige - haben entschieden, dass dafür der Sozialdemokrat Frank-Tilo Becher als Oberbürgermeister den Takt vorgeben soll.

Ob es nun vorrangig an seiner Persönlichkeit lag oder an den Inhalten, für die er steht, ist ohne demoskopische Untersuchungen schwer zu ermitteln. Fakt ist, dass er mehr Menschen überzeugen konnte als sein Kontrahent Alexander Wright von den Grünen - und das am Ende sogar deutlicher als erwartet: mit 55,7 zu 44,3 Prozent. *Während sich der Landtagsabgeordnete bei der Anzahl der Stimmen noch leicht verbessern konnte (von 12 888 auf 13 060), hat der Studienrat erheblich an Zuspruch verloren (10 369 statt 13 031). Überall dort, wo zuvor Frederik Bouffier (CDU) punkten konnte, vor allem in den Stadtteilen, hatte diesmal Becher die Nase vorn. Es lässt sich nur spekulieren, ob die mutmaßlich konservativeren CDU-Sympathisanten eher ihr Kreuzchen für den ehemaligen Pfarrer gemacht haben oder ob sie gleich ganz zu Hause geblieben sind und es der SPD respektive dem Bewerber bloß besser gelungen ist, die eigenen Wählerinnen und Wähler zum zweiten Mal binnen vier Wochen zu mobilisieren. So oder so: Das Ergebnis sorgte für euphorisierte Sozialdemokraten im Freudentaumel. Gerhard Merz frohlockte derweil mit gewisser Selbstironie via Facebook: "Es ist zum Weinen schön: Ich behalte mein Alleinstellungsmerkmal als einziger SPD-Kandidat, der je eine OB-Direktwahl in Gießen verloren hat. Kann nicht jeder von sich sagen..."*Noch im Frühjahr, als die Grünen bei der Kommunalwahl in Gießen als stärkste Kraft triumphierten, sich deutschlandweit im absoluten Höhenrausch befanden und die SPD das Jammertal nicht mehr zu verlassen schien, wäre auch dem 34-jährigen Berufsschullehrer der Sieg möglicherweise nicht zu nehmen gewesen. Selbst nach dem knappen Erfolg im ersten Wahlgang im September sowie angesichts des klaren Vorsprungs bei den Briefwählern sah es noch so aus, als könnte die allgemeine Stimmungslage in dieser jungen Stadt mit Alexander Wright den ersten Grünen an die Spitze des Rathauses tragen. Zumal er in den vergangenen Monaten nochmal zusätzlich an Profil gewonnen und sich glaubhaft als zupackender Macher und Antreiber insbesondere in Sachen Klimaschutz und Wirtschaftskompetenz in Szene gesetzt hat - und sich dabei gleichzeitig angriffslustig gab, wenn er etwa vor einem "Weiter so" warnte, bei dem "herumlaviert und vieles wegmoderiert" werde. Eine eindeutige Spitze gegen Frank-Tilo Becher, der in der Tat weitaus moderater aufgetreten und sehr auf Ausgleich bedacht gewesen ist: niemanden überfordern, stets den gesellschaftlichen Zusammenhalt betonend, alle mitnehmen - und zwar in "angemessener Geschwindigkeit". "Inhaltsleer" ist das, wie ihm von Wright vorgeworfen wird, deshalb nicht gewesen. Auf seinen Plakaten mag es - wie das oft bei wahlkämpfenden Parteien und Politikern der Fall ist - vornehmlich um Schlagworte wie "Erfahrung und Sachverstand", "Kreativität" oder "Kompetenz" gegangen sein. In Diskussionen aber ist Becher in vielen Punkten sehr wohl konkret geworden.*Von zwei Kandidaten, die trotz vorhandener Differenzen etliche gemeinsame Ziele verfolgen, haben die Wählerinnen und Wähler offenkundig jenen bevorzugt, der bei wichtigen Themen ein gemäßigteres Tempo verspricht, bei dem die Veränderungen weniger drastisch ausfallen sollen und der ihnen damit nicht zu viel abverlangt. Das darf freilich im Umkehrschluss nicht bedeuten, drängende Probleme durch Zögern und Zaudern auf die lange Bank zu schieben. Darauf werden gewiss auch die Grünen - und eventuell Alexander Wright als nächster Bürgermeister - achten. Für eine insgesamt ausgewogene Balance muss das nicht schlecht sein.*Zu den Verlierern müssen zweifellos die Christdemokraten gezählt werden, die nicht nur in Berlin, sondern auch in der Stadt Gießen aus der Regierungsverantwortung herausgewählt worden sind. Im Rennen um den OB-Posten reichte es, wenngleich denkbar knapp, nicht einmal zur Stichwahl, für den Landratskandidaten und ehemaligen Bürgermeister Peter Neidel setzte es dort wiederum eine heftige Klatsche gegen die Amtsinhaberin. Besonders bitter: In der Universitätsstadt konnte er keinen einzigen der 94 Wahlbezirke für sich verbuchen. Und das, obwohl er hier in den vergangenen Jahren durchaus einige positive Akzente im Amt gesetzt hat. Beim Fußball würde man vermutlich sagen, die Niederlage ist um zwei Tore zu hoch ausgefallen. Zu recht gescheitert ist dagegen die Wahlempfehlung der Grünen. Zunächst die Hand zu heben, um den 52-Jährigen in Gießen abzuberufen, ihn wenige Tage später aber als geeigneten Landrat - der er aufgrund seiner Kompetenzen eventuell sogar gewesen wäre - zu bewerben, gehört vielleicht zu den Gepflogenheiten des politischen Geschäfts, ist aber eigentlich nicht mehr, als die Wählerinnen und Wähler für dumm zu verkaufen.*Bleibt schließlich noch ein Wort zur Wahlbeteiligung, die einmal mehr ernüchternd und erschreckend ist. Die 37,7 Prozent sind zwar sieben Prozentpunkte mehr als bei der OB-Wahl 2015, aber trotzdem dürftig. In den einzelnen Wahllokalen votierten vielfach unter zehn Prozent der Wahlberechtigten. Wenn also Becher oder Wright auf über 50, 60 oder 70 Prozent gekommen sind, entspricht das einer Bandbreite zwischen 24 und maximal 111 Stimmen. Während in anderen Ländern Menschen für freie Wahlen auf die Straße gehen und teils ihr Leben riskieren, ist dieses bei uns existierende Recht einer großen Mehrheit völlig egal.

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