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Nach knapp 40 Verhandlungstagen fiel im ersten »Chemical Revolution«-Komplex das Urteil. Archivfoto: Mosel

Justiz

Spektakuläre Prozesse gehen in zweite Runde

Das Landgericht Gießen beschäftigt sich erneut mit dem Darknet-Drogenshop »Chemical Revolution« . Auch die Berufung im Fall »Ella« startet.

Gießen. Gleich zwei spektakuläre Prozesse gehen ab kommender Woche vor dem Gießener Landgericht in die zweite Runde. Unter der Überschrift »Chemical Revolution 2.0« müssen sich ab Montag fünf Angeklagte aus dem Umfeld des Darknet-Versandhandels für Drogen vielfältiger Art vor der 9. Großen Strafkammer verantworten. Bereits im August vergangenen Jahres hatten in einem ersten Komplex sieben Männer für ihre Beteiligung an dem Onlineshop Freiheitsstrafen zwischen zwei Jahren und acht Monaten sowie neun Jahren und zwei Monaten erhalten.

Bislang 15 Termine anberaumt

In zweiter Instanz beginnt hingegen am 17. Januar das Verfahren gegen eine »Unbekannte Weibliche Person« (UWP1). Die Aktivistin aus dem Dannenröder Wald, die von Unterstützern »Ella« genannt wird, war im Juni wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Vollzugsbeamte vom Amtsgericht Alsfeld zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung haben hiergegen Berufung eingelegt.

Für die zweite »Chemical Revolution«-Auflage hat das Landgericht bislang 15 Termine bis Ende April anberaumt. Laut Vorwurf der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main - Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität - soll die bandenmäßig organisierte Tätergruppierung Drogen in den Niederlanden beschafft und dann nach Hamburg transportiert haben, wo sie gebunkert, portioniert und an Kunden versandt wurden. Die unter Pseudonymen auftretenden Abnehmer zahlten wohl in der Kryptowährung Bitcoin. In dem ersten Verfahren, das wegen seiner Fülle an Beteiligten zunächst in der Kongresshalle und dann im Externen Sitzungssaal am Stolzenmorgen stattfand, hatten die Angeklagten im Alter zwischen 29 und 46 Jahren ihre Beteiligung an der virtuellen Rauschmittelhandlung mehr oder weniger freimütig eingeräumt. Um sich eine lukrative Einnahmequelle zu sichern, fanden sich nach Überzeugung des Gerichts vier der Männer als Bande zusammen und betrieben zwischen September 2017 und Januar 2018 einen schwungvollen Handel mit Marihuana, Heroin und Ecstasy, Kokain und Amphetamin im zweistelligen Kilobereich im anonymen Darknet. Die drei anderen sind demnach als Kuriere, Drogenbeschaffer oder »Laufbursche« in »Chemical Revolution« eingebunden gewesen. Ein 31-Jähriger hatte vor seiner Festnahme ein Appartement in Ortenberg in der Wetterau angemietet, allein durch diesen Tatort fand der aufwändige Prozessmit 14 Verteidigern, zwei Staatsanwälten, einem Ersatzrichter und zwei Ersatzschöffen in Gießen statt.

»Ella«, die nach wie vor ihre Identität nicht preisgibt und in U-Haft sitzt, soll zwei Polizisten mit Fußtritten in 15 Metern Höhe in Lebensgefahr gebracht haben. Bei der Räumung des Hüttendorfs »Nirgendwo« kam es am 26. November 2020 im Dannenröder Wald zur Konfrontation mit Beamten eines Sondereinsatzkommandos. Das Amtsgericht Alsfeld sah als erwiesen an, dass die Angeklagte von einer Seil-Traverse aus einem SEK-Beamten ins Gesicht und gegen den Kopf getreten sowie einem zweiten Beamten das Knie ins Gesicht gestoßen hat. Inzwischen veröffentlichten Unterstützer der Frau einen Dokumentarfilm, der »Ella« entlasten soll.

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