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Spiel mit den Farben

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Ein Ort der Kunst: Andrea Hupke de Palacio in ihrem umgebauten Trafohäuschen in Heuchelheim. © Hahn-Grimm

HEUCHELHEIM. Eine Ausstellungseröffnung ohne Vernissage. Wie viele andere Künstlerinnen und Künstler musste nun auch Andrea Hupke de Palacio die Präsentation ihrer aktuellen Werke ohne feierlichen Auftakt, ohne Musik und Reden, organisieren. Wer kommen will, muss vorher anrufen. Ihre aktuelle Ausstellung zum Jahreswechsel nennt sich verheißungsvoll »Spaziergang im Regenbogen« und widmet sich allen Nuancen des Farbenspektrums.

»Das liegt mir am Herzen, das Spiel mit den Farben und das Experimentieren sind mir sehr wichtig«. Gedacht hat die Künstlerin beim Malen ihrer Bilder auch an die überlieferte altindische Philosophie der Chakren. Demnach symbolisieren die sieben Chakra-Farben unterschiedliche Energiezentren, die sich im menschlichen Körper befinden sollen.

In diesem Zusammenhang sind auch ihre »Chakra-Beatles« entstanden, Marienkäfer, von denen es in der realen Welt immer weniger gibt. 75 Prozent der Fluginsekten sind inzwischen aus Deutschland verschwunden, weiß sie zu berichten. »Call for immediate action«, ist auf einem Bild zu lesen. Die bedrohte Natur und besonders die Tierwelt sind ihr ein Herzensanliegen, das zeigt auch ein Blick in den Ausstellungsraum. Da sind Schafe und Lämmer, fast in der Manier von Marc Chagall zu entdecken, Hunde, Kühe, ein großer Walfisch in den Farben des Meeres. Aber nicht nur Tiere, sondern auch Porträts von Freunden und Szenen aus dem Seltersweg gehören zu ihren Arbeiten.

Die Künstlerin stammt aus Heuchelheim, wohin sie nach 20-jährigem Aufenthalt in Frankreich wieder zurückgekehrt ist. Die lange Abwesenheit dürfte Grund dafür sein, dass sie bisher im Raum Gießen wenig bekannt ist, auch den heimischen Künstlerverbänden hat sie sich nicht angeschlossen. Einige Kunstfreunde kennen sie aber doch: Sie nahm vor der Pandemie jedes Jahr an dem beliebten Kunstevent »Fluss mit Flair« in der Löberstraße teil, hatte Ausstellungen in der Uniklinik und im Johannesstift, zudem gibt sie Zeichenunterricht in der Evangelischen Familienbildungsstätte in Wieseck. In diesen Kreisen hat sie viele Anhänger gefunden, die auch immer wieder gern Bilder von ihr kaufen. Entwürfe ihres Unterrichts sind noch in ihrer Atelierwerkstatt zu entdecken, auf dem Arbeitstisch, im Papierkorb. Menschen beim Pizza-Kaufen oder Eis-Essen, mit schnellem Pinsel aufs Papier geworfen.

Überhaupt: Das Atelier im Trafo ist einen Besuch wert. Die Künstlerin hat mit Unterstützung ihres Bruders das kleine Funktionsgebäude ausgebaut. Er hat vor allem neue Fenster eingesetzt, eine Zwischendecke eingezogen, Stromleitungen verlegt. Eine Wendeltreppe verbindet die beiden Stockwerke, Wohnbereich und Arbeitsbereich. Eine gemütliche Sitzecke fehlt ebenso wenig wie die Mini-Teeküche mit bunten Tassen. Und überall Bilder, Rahmen, Leinwände und Farbtuben. Dieses Tiny-Haus ist unverkennbar das Domizil einer Künstlerin.

Enger Bezug zu Frankreich

Noch einmal ein Blick auf ihre Biographie: Geboren 1957 in Gießen, ist sie mit Buntstiften und Farbtuben aufgewachsen. Nach dem Abitur an der Ricarda-Huch-Schule studierte sie Französisch und Geschichte an der Justus-Liebig-Universität, anschließend wählte sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. 1995 übersiedelte sie nach Straßburg, 2001 nach Paris. Für Frankreich hat sie bereits früh ein Faible entwickelt, seit sie mit 13 Jahren zum ersten Mal ihre Gastfamilie in der Nähe von Grenoble besuchte.

Und die Vorliebe für das Nachbarland blieb erhalten: 2002 bis 2005 studierte sie Textildesign in Paris. In diesen Jahren lerne sie auch ihren Mann kennen, von dem sie mittlerweile geschieden ist, dessen Familiennamen sie aber beibehalten hat. Seither arbeitet sie als freischaffende Künstlerin. Sie gründete das Gemeinschaftsatelier 325 mit der US-Künstlerin Kim Rodeffer Funk aus Montana. In diesen Jahren hatte sie eine ganze Reihe von Ausstellungen in Frankreich, neben den Gießener Schauen waren ihre Bilder auch in Fulda zu sehen.

Seit 2018 wohnt sie wieder in Heuchelheim, vor allem um ihre 87-jährige Mutter zu betreuen. Im März 2018 hatte sie im Rathaus Heuchelheim ihre erste Ausstellung, im April 2019 eröffnete sie das Atelier im alten Trafohaus, damals war noch eine richtige Vernissage möglich. »Glückliche Zeiten« war der Titel ihrer bislang letzten Ausstellung im Dezember 2020.

Infos im Internet unter www.andreahupkedepalacio.com. Besuche nur mit telefonischer Voranmeldung (0176 4764 7067) oder per Email: cestandrea@gmail.

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