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Spiel ohne offene Karten

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Von: Rüdiger Schäfer

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Hinter einem von Marc Strickert (re.) und Gerhard Keller gehaltenem neuen Banner versammeln sich entschlossene Aktive der Bürgerinitiative. Foto: Schäfer © Schäfer

Die BI »Rettet die Bäume am Schwanenteich!« beklagt das Verhalten des Gartenamtes der Stadt Gießen. Es geht um die Einsicht wichtiger Unterlagen.

Gießen. Die Bürgerinitiative (BI) »Rettet die Bäume am Schwanenteich!« hat bei ihrer jüngsten Versammlung das städtische Gartenamt scharf kritisiert. Zugleich gab es an diesem Abend bereits einige Neuzugänge, die sich bei den Aktiven einreihten.

Der Auftakt des Stimmensammelns als Bürgerbegehren für einen Bürgerentscheid - in den ersten Tagen mit bereits 200 Unterschriften - wurde von Moderator Gerhard Keller als erfolgversprechend gewertet. Weitere Aktivitäten wurden festgelegt, darunter wie bei dem fast identischen, erfolgreichen Bürgerbegehren vor zehn Jahren eine gemeinsame Diskussionsveranstaltung mit der Stadt. Bis Ende November werden immer samstags an einem Infostand der BI im Seltersweg gegenüber Tchibo von 11 bis 14 Uhr Unterschriften gesammelt.

»Die blocken ab«

Dietmar Jürgens und Susanne Stoll beschwerten sich über ihren im Vorfeld angekündigten Besuch beim städtischen Gartenamt. »Die blocken ab. Geben nur nichtige Unterlagen heraus. Auch nicht die angeblichen Bedenken des Amtes für Denkmalpflege zu den einzelnen Planungen.« Gemutmaßt wurde von den beiden, dass das Gartenamt Dinge verheimliche, dass die Denkmalpflege nicht transparent in die Planungen eingebunden worden sei. Diplom-Biologe Jürgens ist sogar überzeugt, dass das Gartenamt dem Denkmalschutz falsche Daten geliefert habe.

Ob die Variante von Diplom-Ingenieur Horst Dreier - die ohne Baumfällungen - der Behörde überhaupt vorgelegt worden sei, sei fraglich. Unverständlich auch, dass ein zweiter Damm von der Behörde angeblich abgelehnt werde, obwohl ein solcher gar nicht vorgesehen sei. Die undurchsichtige Gemengelage befeuerte der Biologe: Vom Denkmalschutz nicht gewünscht seien Pflanzen, die über die Wasseroberfläche hinausragten. »Dann dürfte auch der vom Gartenamt vorgesehene Schilf nicht gepflanzt werden. Und alle Pflanzen, die aus dem Wasser herausragen, müssten auf der Ebene der Wasseroberfläche abgeschnitten werden.« Beider Resümee war, dass das Gartenamt nicht mit offenen Karten spiele.

Auf Anfrage des Anzeigers lässt das Gartenamt über die städtische Pressestelle »diese Vermutungen und Unterstellungen« zurückweisen. »Die Akten in der Zuständigkeit des Gartenamtes, die dort verwaltet werden, wurden - wie gewünscht - zur Einsichtnahme vorgelegt.«

Auf dem Internetportal des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege ist bei den Kulturdenkmälern auch aktuell die »Eichgärtenallee mit Schwanenteich und reguliertem Lauf der Wieseck« eingestellt. Dort heißt es: »Die bis 1945 Schlageterstraße oder Schlageteranlage benannte Allee entstand 1935 in Verbindung mit dem ursprünglich als Schlageterteich bezeichneten Schwanenteich. ... Der von alten Bäumen und Sträuchern umgebene, etwa 640 Meter lange, nur 50 bis 60 Meter breite Schwanenteich und die mit Kastanien ... bepflanzte Allee sind als städtebauliche Leistung der 1930er Jahre schützenswert.« Demnach sind die Bäume und Sträucher rund um den Schwanenteich genauso »schützenswert« wie die Kastanienbäume an der Eichgärtenallee. Dass die Denkmalschutzbehörde angeblich eine Freigabe für die Fällung sämtlicher Bäume und Sträucher am südwestlichen Längsufer, dem Spazierweg zwischen Schwanenteich und Wieseck, erteilt hat, kann bei der BI niemand nachvollziehen. Der Schwanenteich bietet für das Auge zwar keinen so imposanten Anblick, bei dem die Wasseroberfläche glasklar glänzt. Grünlicher Bewuchs erinnert mehr an versteckt im Wald liegende Teichidylle. Doch ökologisch gesehen sei der Schwanenteich völlig in Ordnung, so Jürgens. Dass das Wasser im Schwanenteich im Herbst abgelassen und der Untergrund entschlammt werden soll, sieht er nicht als unbedingt sinnvoll an. »Seit drei Jahren haben wir dort unter der Wasseroberfläche Magrophyten als Wasserpest.« Diese produzierten Sauerstoff und filtrierten das Wasser. »Im Gegensatz zu dem dramatischen Fischsterben im benachbarten Neuen Teich haben wir ein solches hier im Schwanenteich nicht erlebt.«

Bei der letzten Entschlammung vor einem Jahrzehnt sei der Lebensraum der Teichmuschel völlig zerstört worden. Die kann nur in Symbiose mit dem Bitterling leben und dieser wiederum nur zusammen mit der Teichmuschel. Ob die abgefischten Bitterlinge einer der heimischen Art oder gar der einer invasiven waren, wurde damals nicht untersucht und kann auch heute nicht mehr festgestellt werden. Denn in Obhut eines Anglers gingen die Exemplare zwischenzeitlich ein.

Mit den eingeplanten Zuschüssen hält die Stadt an ihrem vier Millionen Euro teuren Projekt »Bitterling« weiterhin fest.

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