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Spielt wieder mit den Schmuddelkindern!

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Von: Ingo Berghöfer

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Christian Baron stellt heute in der Alten UB zwei seiner Werke vor. Foto: Hans Scherhaufer © Hans Scherhaufer

Gießen . Christian Baron stellt heute Abend auf Einladung des AStA und der GEW um 19 Uhr in der Alten UB in der Bismarckstraße 37 seine beiden Romane »Ein Mann seiner Klasse« und »Schön ist die Nacht« vor (Eintritt frei). In beiden Büchern setzt er sich unter anderem mit Klassismus, also der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, auseinander.

Wir haben vorab mit Baron über die Klassenfrage und andere Baustellen in diesem Land gesprochen.

Sind Sie nicht völlig aus der Zeit gefallen mit Ihrem Beharren auf Klassengegensätzen? Angeblich verlaufen die Trennlinien unserer Gesellschaft doch entlang der Hautfarben, Geschlechter und anderer identitärer Kategorien.

Ja, nur stimmt das eben einfach nicht. Es wird zwar jetzt immer häufiger über die Rückkehr der Klasse gesprochen, aber die Klasse als soziale Klasse war nie weg. Die Bundesrepublik ist seit ihrer Gründung eine Klassengesellschaft, man hat nur leider seit Jahrzehnten aus ideologischen Gründen darauf verzichtet, sie so zu nennen, weil man die Lüge aufrechterhalten wollte, dass man in einer Leistungsgesellschaft lebt; in einer liberalen Demokratie, in der man alles aus eigener Kraft erreichen kann. Nur spricht die empirische Evidenz dagegenm und es gibt keinen Begriff, der das besser erfassen kann, als der der sozialen Klasse.

Nun schlägt anekdotische Evidenz meist empirische Evidenz. Sie sind doch selbst das beste Beispiel eines erfolgreichen Aufstiegs - vom Arbeiterkind zum Bestsellerautor. Warum sind Sie nicht so zufrieden mit sich, wie etwa der Putzfrauensohn Gerhard Schröder?

Wir sind Ausnahmen von der Regel, die gerne in das Schaufenster der Bourgeoisie gestellt werden. Das ist genau der Punkt, mit dem ich hadere, wenn ich die Schulterklopfer höre, die sagen: Siehst Du, Du bist ein Beispiel, dass man es schaffen kann. Denen sage ich dann immer: Sie haben mein Buch offenbar nicht gelesen. In dem kommt sehr klar zum Ausdruck, dass ich auch ein kleiner Einstein hätte sein können und es doch nicht aus eigener Kraft nach oben geschafft hätte. Ich konnte Journalist und Autor werden, weil ich immer in den entscheidenden Situationen meines Lebens Hilfe im System hatte. Es gibt Menschen, zum Beispiel Lehrer, die an den Schranken des Klassensystems stehen und entscheiden, für wen sie geöffnet werden und für wen nicht. Die allermeisten mit meiner Herkunft kommen da nicht durch. In Ihrem ersten Buch »Proleten, Pöbel, Parasiten« haben Sie schon vor sechs Jahren die Entfremdung zwischen der akademischen Linken und der Arbeiterschaft beschrieben. Hat diese Entfremdung seitdem zu- oder abgenommen?

Leider ist mein Buch heute aktueller als damals. Man kann es am besten an der Partei sehen, die sich selbst »Die Linke« nennt. Der Streit um Sahra Wagenknecht symbolisiert genau diese Entfremdung. Frau Wagenknecht steht für mich stellvertretend für Personen, die kein ausgereiftes, moralisch einwandfreies, linkes Weltbild haben, die man aber als Linke eigentlich auf seine Seite ziehen müsste. Stattdessen findet aber eine Dämonisierung dieser Menschen statt. Da werden Leute als »Nazis« oder »Corona-Leugner« mit Rechten in einen Topf geworfen, die dort eindeutig nicht hineingehören. Dieses Grundproblem hat sich in den letzten Jahren leider eindeutig verschärft.

In dem Buch haben Sie den schönen Satz geschrieben: »Sie begannen Vorurteile zu bekämpfen und vergaßen dabei, gegen das vorzugehen, was sie hervorbringt«.

Genau das ist die Achillesferse linker und rechter Identitätspolitik. Man arbeitet sich an einzelnen Menschengruppen oder Menschen ab, statt sich mit den kapitalistischen Strukturen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, was sehr viel komplizierter ist, weil es in denen eben keinen Menschen gibt, der alles steuert. Es ist sehr viel komplexer. Und dennoch kann man sich konkret dafür einsetzen, dass es eine Umverteilung von oben nach unten und nicht wie jetzt von unten nach oben gibt und dafür konkrete politische Maßnahmen ergreifen. Aber das ist leider abstrakter, als auf der einen Seite zu sagen: Bill Gates will uns alle vergiften; und auf der anderen Seite jeden als »Covidioten« oder »Putin-Knecht« zu denunzieren, der die Corona-Maßnahmen oder die Sanktionspolitik der Bundesregierung kritisiert. Beides ist eine Dämonisierung und damit auch eine große Gefahr.

Moralisieren ist nun mal einfacher als Analysieren.

Und das birgt immer die Gefahr der Entmenschlichung. Der Alltag in diesem Land wird ja auch immer aggressiver. Von den Menschen auf der linken Seite erwarte ich aber, dass sie etwas weniger Moral und dafür mehr Ethik in Diskussion bringen. Je heißer die Diskussion, desto kühler muss der linke Kopf sein. Und das fehlt im Augenblick.

In Niedersachsen sind zuletzt 40 Prozent der Menschen gar nicht mehr zur Wahl gegangen. Was müssten Linke tun, um diese Menschen anzusprechen, bevor es andere tun?

Ganz einfach: Sie müssten knallhart deren Interessen ansprechen und vertreten. Selbst dann, wenn deren Gesinnung nicht immer so einwandfrei links ist, muss man deren materielle Nöte lindern. Das Leben ohne materielle Angst muss wieder eine Kernforderung linker Politik werden. Ich weiß, das ist sehr mühevoll. Da muss man Klinken putzen und vielleicht eine halbe Stunde mit jedem reden. Aber das würde sich lohnen. Ich glaube, ein erheblicher Anteil der Nichtwähler ist empfänglich für linke Positionen. Das ist natürlich anstrengend, weil man dann auch die Medien gegen sich hat.

Wie meinen Sie das?

Das fängt ja schon an. Bei jeder Demonstration gegen Preissteigerungen und hohe Energiekosten wird genau gezählt, wie viele Rechte da mitlaufen. Aber ich glaube, dass man als Linker keine Scheu haben darf, wieder zum Schmuddelkind zu werden. Es gibt mittlerweile empirische Studien über das sogenannte Querdenker-Milieu, die belegen: Je mehr man Menschen als »Nazi« oder »Corona-Leugner« ausgrenzt, die das eigentlich gar nicht sind, desto mehr verlieren diese Worte ihre Trennschärfe und Abschreckung. Wenn man Menschen aber nicht mit Empathie begegnet, die Ansichten haben, die man selbst nicht teilt, wird man sie nie zurückgewinnen können.

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