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Sprachförderung vor dem Aus?

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Von: Eva Pfeiffer

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Besonders Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsbenachteiligten Familien solllen von den Sprach-Kitas profitieren. Doch das Förderprogramm läuft Ende des Jahres aus. Symbolfoto: dpa/Arno Burgi © Red

Ein bundesweites Förderprogramm für Kitas endet - auch in Gießen regt sich deswegen Protest

Gießen . »Willst du mit mir spielen?«, »Kannst du meine Schuhe zumachen?« oder auch einfach nur »Nein!« - Sprache ist schon in jungen Jahren wichtig, um Bedürfnisse zu äußern oder Kontakte zu knüpfen. Um Kinder beim Spracherwerb zu unterstützen, gibt es seit 2016 das Bundesprogramm »Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist«. Doch mit der Förderung könnte bald Schluss sein, das Programm läuft Ende des Jahres aus. Gegen die geplante Einstellung regt sich Widerstand, eine Petition zum Erhalt der Sprach-Kitas wurde on- und offline von über 180 000 Menschen unterschrieben - auch in Gießen.

»Viele Eltern haben die Petition gegen das Auslaufen des Programms unterschrieben«, teilt Jens Dapper, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Gießen auf Anfrage des Anzeigers mit. Denn ohne die Förderung könnten etliche Angebote wegbrechen und nur noch in geringerer Qualität und Quantität durchgeführt werden. Mit »Lotte Lemke«, »Kinder der Welt« und dem Kinder- und Familienzentrum »Marie Juchacz« sind gleich drei Awo-Kitas Teil des Bundesprogramms. Die vierte Gießener Sprach-Kita ist »Henrys Weltentdecker«, betrieben vom Deutschen Roten Kreuz.

Die alltagsintegrierte sprachliche Bildung, auf die das Programm abzielt, richtet sich explizit an alle Kinder in den Einrichtungen. Doch besonders Kinder mit Migrationsgeschichte und mit Fluchthintergrund sowie Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien »sollen von dem Besuch einer Sprach-Kita profitieren und so frühe Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg erhalten«, heißt es vonseiten des Familienministeriums.

Aber wie wirkt sich die Förderung auf den Alltag der Gießener Sprach-Kitas aus? Die Träger erhalten einen Zuschuss zu den Personalausgaben, eine zusätzliche halbe Fachkraftstelle wird so finanziert. Diese Sprachkräfte coachen »das Kita-Team in der Umsetzung von alltagsintegrierter Sprachbildung« und fungieren als Multiplikatoren, informiert die Awo Gießen. So könne man »jede Alltagssituation, jedes Angebot und Projekt, jedes Spiel« akzentuieren und zur Sprachbildung nutzen. Über diesen integrativen Ansatz werde wiederum »vermieden, förderbedürftige Kinder aus dem Gruppengeschehen rauszuziehen«.

Neben der alltagsintegrierten Sprachbildung und einer inklusiven Pädagogik sind die Zusammenarbeit mit den Familien sowie Digitalisierung und Medienbildung weitere Schwerpunkte. In den Awo-Kitas erstellt der Nachwuchs beispielsweise auf Tablets Filme und digitale Daumenkinos mit Vertonung, löst Geräuschrätsel, sucht Reimwörter oder nutzt Übersetzungs-Apps. Über eine mehrsprachige Bilderbuch-App »wird zudem ein Heim-Zugang für die Familien ermöglicht«.

Die Familien sollen aktiv einbezogen, ihre Sprache und Kultur wertgeschätzt werden. Um das zu realisieren, organisieren die Kitas beispielsweise Bildungsausflüge, Elterncafés, gemeinsame Kochrunden, Elternabende zum Thema Sprache oder die gezielte Beratung mehrsprachiger Familien. »All diese Beispiele zeigen, was nur durch die zeitlichen zusätzlichen Ressourcen einer Sprachkraft möglich beziehungsweise notwendig ist«, so Geschäftsführer Jens Dapper.

Da überrascht es nicht, dass die Awo Gießen alles andere als glücklich über das Auslaufen des Förderprogramms ist: »Letztendlich werden erfolgreiche und bewährte Bausteine für mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sowie Teilhabe gestrichen.« Gesellschaftlich relevante Themen wie sprachliche Bildung, Inklusion, Zusammenarbeit mit Familien sowie Digitalisierung und Medienbildung könnten künftig nicht mehr in der Qualität und Tiefe weiter bedient werden.

»Gerade zum jetzigen Zeitpunkt, wo frühkindliche Bildungseinrichtungen mit den Auswirkungen der Pandemie und zudem mit einem erheblichen Fachkräftemangel konfrontiert sind, ist das Auslaufen eines solch erfolgreichen wirksamen Programms besonders schwerwiegend«, kritisiert die Awo.

Immerhin: Die drei Sprachfachkräfte müssen sich nicht nach anderen Kitas umsehen, auch wenn ihre Stellen durch die fehlende Förderung wegfallen. Aufgrund des Fachkräftemangels können sie auf aktuell unbesetzte reguläre Erzieherstellen in ihren Kitas wechseln. »Allerdings werden sie eben nicht mehr vom Gruppendienst freigestellt werden können, um zusätzliche Angebote zu begleiten und die Teammitglieder im pädagogischen Alltag zu coachen. Dies bedeutet eine signifikante Einbuße an pädagogischer Qualität.«

Die Proteste gegen die auslaufende Förderung könnten aber vielleicht doch noch etwas ändern: Weil das Quorum von über 50 000 Unterschriften erreicht wurde, muss sich demnächst der Petitionsausschuss des Bundestages damit beschäftigen. Bundesfamilienministerin Lisa Paus will zudem mit den Ländern über eine Fortsetzung verhandeln.

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