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Springlebendige Komödie

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Krimiklamauk beim Ensemble Musenkeller mit: Michael Müller, Anny Ambrosio und Hanna Weller (v.l.). Foto: Schultz © Schultz

Die Übersetzung aus dem Französischen besorgte die Truppe gleich selbst. Am Samstag hatte mithin die deutsche Uraufführung Premiere. Das zahlreiche Publikum war sehr amüsiert.

Gießen . »Leichen tragen keinen Smoking« heißt vielversprechend die neue Produktion des Theaterensembles Musenkeller. Der Krimiklamauk stammt von Jean-Pierre Martinez, Guy Sagnes inszenierte. Die Übersetzung aus dem Französischen besorgte die Truppe gleich selbst. Am Samstag hatte mithin die deutsche Uraufführung Premiere. Das zahlreiche Publikum war sehr amüsiert.

Ihr Domizil tief unter der Bonifatiuskirche ist zu eng für die Anwendung der Hygienevorschriften, so fand man Unterschlupf im Gemeindesaal bei St. Thomas Morus in der Grünberger Straße. Das funktioniert sehr gut, wenn man sich an die komfortable Größe der Räumlichkeiten gewöhnt hat. Der Autor, ein Groß-Krimischreiber verfasste 99 Stücke und zahlreiche TV-Bücher. Bei der Suche nach einem neuen Stück stieß die Truppe auf »Flagrant délire«, das nur auf Französisch vorlag, und kurzerhand übersetzte man es selbst ins Deutsche, ist doch der Regisseur auch Franzose, und fügte ein paar witzige Namen ein. Herausgekommen ist eine springlebendige Krimikomödie - genau das Richtige für das Ensemble nach drei Jahren Pause.

Es beginnt, nach einer kurzen »Tatort«-Titelmusik, mit der nahenden Verabschiedung des Chefermittlers, Kommissar Navarrin (in fließender Bestform: Michael Müller). Seine Kollegin Inspektorin Bordeli, angewiesen auf regelmäßigen Einsatz ihres Flachmanns (Hanna Weller - »Ich trinke nie außerhalb der Dienstzeiten« - mit schönster Routine), haben sich gerade vor der Beerdigung ihres Kollegen Ramirez gedrückt - der erstickte beim Essen an einer Muschel. Sie kriegen einen seltsamen Fall auf den Tisch: ein Mann im Smoking kam in seiner Sauna zu Tode. Zugleich wird seine Tochter (sehr lebendig, etwas dialogunsicher, aber zweifellos ein komisches Talent: Anny Ambrósio), auch eine Kommissarin, als Nachfolgerin Navarrins eingeführt. Sie bezweifelt gleich mal die bisherige Diagnose: Natürlicher Tod des Vaters? Nie!

Polizeipräsidentin Delatruffe (wie immer unbeirrbar, präzise und agil: Annette Filippi) weist die junge Kollegin unbeirrt in ihren Job ein. Sie gibt immer mal wieder ein paar Direktiven aus: keine extravaganten Ermittlungen, sondern klare (Auf-) Lösungen, bitte!

Das trägt alles dramaturgisch etwas auf, lässt aber dennoch gleich einen flüssigen Stil der Dialoge erkennen, die nicht selten zeitaktuelle Bezüge zumindest andeuten.

Außerdem im Spiel sind die Baronin Margerita De Casteljarnac (würzig: Michael Bayer) sowie Dramaturg Franck Masquelier und Henri de Casteljarnac (Doppelrolle für Routinier Philipp Brenne).

Wesentlich ist, dass zum einen die Darsteller das komische szenische Potenzial ihrer Figuren entfalten. Auch die Inszenierung fördert das durch zahllose kleine Einfälle etwa der Körpersprache, wenn Navarrin und Bordeli genüsslich am Schreibtisch ihre halb liegende Arbeitsposition einnehmen: ob die je was aufklären? Oder wie Navarrin das läutende Telefon immer erst anstarrt wie eine Schlange das Kaninchen, um dann mit einem schnellen, mutmaßlich tödlichen Griff den Hörer zu packen - prickelnde absurde Momente. Die Inszenierung pflegt diese schönen Running Gags, sie werden aber nicht übertrieben. Wie Müller zum Beispiel das Geräusch einer Kaffeemaschine verbal täuschend echt imitiert, leider nur zwei Mal, gehört zu den schönsten Perlen des Abends.

Wichtig ist auch die kompetente Gestaltung der kleinen Gesten, wenn Darsteller gerade schweigen. Der Regisseur hat ihnen die Kunst des beredten Blicks sorgsam vermittelt, besonders Ambrosio ist gut darin, ganz zu schweigen von Filippi. So erblickt der Betrachter stets eine lebendige Szene, die nicht allein durch den Dialog getragen wird. Michael Bayer tuntelt im Fummel so albern herum, dass er kaum etwas sagen müsste, um zu unterhalten.

Und der Kommissar spricht gelegentlich wunderschön melodramatisch-bekloppte Sätze wie »Das Blut lügt nicht«, die Michael Müller ihn wunderschön theatralisch und todernst sagen lässt. Außerdem warf der Autor noch diverse bizarre Kleinigkeiten in die Mischung: der Kultusminister ist ein Analphabet, die Gräfin war früher Pornostar, und ab und an schlägt noch eine bissige Bemerkung über die französische Innenpolitik ein.

Ansonsten hat man das TV-Krimiformat gut verstanden und nutzt es kundig, dazu gibt es eine Leiche unter einem Tuch auf einer fahrbaren Bahre (es ist dann der Staatsanwalt), und man bewegt sich vollkommen natürlich im merkwürdigen Geschehen: »Bringen Sie den Staatsanwalt zurück in den Kühlraum«, sagt Navarrin schließlich. Klar, dass der Tote später wieder zum Leben erwacht, aber das wird in diesem unterhaltsamen Gag-Potpourri nur am Rande erwähnt, wie noch ein paar andere Facetten. Etwa ein diffizil, doch verwirrend eingearbeitetes Spiel im Spiel, das damit jongliert, dass im Stück die reale Adresse des Spielorts erwähnt wird. Machen Autoren manchmal, weil sie es können, verursacht jedoch nur vorübergehend Verwirrung, da es zum Glück nicht als Hauptgag vertieft wird.

Fazit: die Kellerkinder aus der Bonifatiuskirche haben ihr Metier nicht verlernt und treten mit viel Schwung und Spiellust wieder auf.

Weitere Aufführungen 11., 12., 19., 20 November und im Dezember. Spielort Kirche St. Thomas Morus, Grünberger Str. 80. Kartentelefon 0641-73724.

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