1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Sprinten oder schlendern?

Erstellt:

giloka_2707_kartermv_ebp_4c_1
So sieht es in der RMV-App dank der Gießener Liveverfolgung aus: Nutzer können nicht nur sehen, ob ihr Bus im Zeitplan liegt, sondern auch, wie voll er ist. Screenshot: Pfeiffer © Eva Pfeiffer

Die Stadtbusse in Gießen können online in Echtzeit verfolgt werden - und wie voll es ist, erfährt man nun schon, bevor man einsteigt

Gießen . Wer kennt es nicht? Da hat man etwas zu lange im Bad getrödelt und schon wird die Zeit knapp, um noch rechtzeitig zum Bus zu kommen. Lohnt sich der Sprint zur Haltestelle? Oder wartet man lieber auf den Nächsten, der dann vielleicht auch leerer ist? Nutzer der Gießener Stadtbusse müssen bei dieser Entscheidungsfindung künftig nicht mehr spekulieren, sondern nur mal eben auf ihr Smartphone schauen. Denn die Stadtwerke Gießen (SWG) bieten zusammen mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) nun eine Auslastungsprognose in Echtzeit an - inklusive Informationen über mögliche Verspätungen.

Dass sich Busnutzer online anzeigen lassen können, wie voll es im Bus ist, ist nicht gänzlich neu, denn bereits seit August 2020 bietet der RMV diese Funktion an. Bislang wurde die Prognose allerdings aus älteren Daten berechnet. In Gießen fließen nun, einmalig im Verkehrsverbund, Echtzeitdaten in die Berechnung ein. Jens Schmidt, kaufmännischer Vorstand der SWG, vergleicht die neue Funktion mit der Sendungsverfolgung bei Paketdiensten: »Es kann doch nicht sein, dass man seine Bestellung fast auf die Minute genau verfolgen kann und man beim ÖVNP lediglich einen starren Plan hat.«

Rote Zahlen zeigen Verspätung

Damit ist nun Schluss, zumindest auf dem Smartphone. Wer die Livemap in der mobilen Ansicht oder in der RMV-App aufruft, der sieht im Gießener Stadtbereich ein Gewusel aus kleinen lila Bussen, die sich über den Bildschirm bewegen. Eine grüne Null neben der Buslinie signalisiert dem Nutzer, dass der Bus im Zeitplan liegt, rote Zahlen geben Auskunft über die Verspätung. Wie voll es voraussichtlich sein wird, verrät die Anzahl der Männchen: Eines heißt, der Bus ist weniger als 30 Prozent ausgelastet, zwei signalisieren mittlere Belegung (bis zu 60 Prozent) und bei drei Männchen könnte es eng werden - vielleicht lohnt sich die Fahrt zu einem späteren Zeitpunkt.

»In der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig es für unsere Fahrgäste ist, sich über das Fahrgastaufkommen zu informieren«, betont RMV-Geschäftsführer Dr. André Kavai. In der App können sich Nutzer daher auch Alternativverbindungen anzeigen lassen und so bei Bedarf auf leerere Busse umsteigen.

Dass Gießen hier mit den Echtzeitdaten eine Pilotfunktion hat, liegt auch daran, dass die SWG einen Weg gesucht haben, bereits vorhandene Datenmengen »sinnvoll zu nutzen«, wie Mathias Carl, Geschäftsführer der SWG-Tochtergesellschaft Mit.Bus, verdeutlicht.

Denn bereits seit 2018 gibt es Fahrgastzählsensoren in den Gießener Bussen, doch »die Daten lagen in der Schublade«. Gemeinsam mit dem Kölner Beratungshaus Brodtmann Consulting haben die SWG die Datenberge nutzbar gemacht. So könne man etwa überprüfen, ob die Fahrzeiten stimmen oder erfahre, welche Haltestellen besonders stark frequentiert sind. Bei Bedarf lasse sich nachsteuern und beispielsweise die Fahrzeuggröße anpassen.

Doch weil ein Teil der erhobenen Daten auch für die ÖPNV-Nutzer interessant ist, wurde der RMV mit ins Boot geholt. Das gemeinsame Forschungsprojekt »NV-ProVI« wird zudem vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr gefördert. Die Echtzeitdaten sind »ein Quantensprung für die Fahrgastanalyse«, findet RMV-Chef Kavai.

Aber wie landen die Livedaten in der App? Von den 56 Mit.Bus-Bussen sind derzeit 25 mit einem automatischen Fahrgastzählsystem ausgerüstet. Ein- und Aussteiger werden dabei mit Hilfe von Infrarot-Sensoren erfasst. »Gefilmt wird also niemand«, betont Marc Lammerding (Brodtmann Consulting). Die im Fahrzeug erfassten Daten werden spätestens alle zehn Sekunden über das Mobilnetz an einen SWG-Sender geschickt.

Vier Milliarden Datensätze pro Jahr

Brodtmann Consulting nutzt für die daraus resultierende Prognose, die auf künstlicher Intelligenz basiert, aber nicht nur die Echtzeitdaten. Auch Wettervorhersagen, Informationen über Schul- und Semesterferien oder Daten aus der Vergangenheit fließen ein. Und auch wenn in Gießen ein Konzert ansteht, werde das berücksichtigt. Pro Jahr würden so bis zu vier Milliarden Datensätze alleine für Gießens Stadtbusse anfallen.

Um die Echtzeitprognose weiter zu verbessern, lernt die künstliche Intelligenz: Was wurde prognostiziert und wie hat es sich in der Realität entwickelt? Doch schon jetzt sei die Abweichung Dank der Live-Daten aus den Bussen geringer, als wenn man sich für die Prognose nur auf Daten aus der Vergangenheit verlasse, betont Lammerding.

Mit der neuen Funktion wolle man den ÖPNV attraktiver mache, gerade auch für die jüngere Generation, betont Matthias Funk, technischer SWG-Vorstand. Angedacht ist zudem, dass Städteplaner auf die Daten zugreifen können, um anstehende Verkehrssimulationen aussagekräftiger zu machen. Hierfür sei man bereits in Gesprächen mit der Technischen Hochschule Mittelhessen, so Schmidt. Und auch die Sensoren in den Bussen könnten langfristig modifiziert werden. Denn derzeit erfassen sie nur Menschen - nicht aber Rollstühle, Fahrräder oder Kinderwagen.

Auch interessant