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Stadt kämpft gegen »Spinner«

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Im Sprühverfahren geht es den Raupen des Eichenprozessionsspinners an den Kragen. Bis zu 500 Bäume im Stadtgebiet Gießen werden pro Tag mit einem Biozid behandelt.

Gießen. Die ersten kleinen »Räupchen« sind in diesen Tagen an den städtischen Eichen aus ihren Larven geschlüpft. Dies bedeutet wie in den vergangenen Jahren: Startschuss zum Kampf gegen die Eichenprozessionsspinner (EPS). Sie heißen so, weil die kleinen, bis zu fünf Zentimeter langen Tierchen aus ihren bis zu einem Meter langen, am Baumstamm klebenden Raupennestern (Gespinsten) heraus in Gruppen von etwa zwei Dutzend nebeneinander hoch zu ihren Futterplätzen, den Eichenblättern, ziehen - im Gänsemarsch wie bei einer kirchlichen Prozession.

»Es ist das fünfte Jahr, dass wir diese Eichenprozessionsspinner mit Besprühen bekämpfen«, erzählt Benjamin Lakowski beim derzeitigen Einsatz. Als Sachgebietsleiter Baumkontrolle und -pflege beim Gartenamt beaufsichtigt er auch in diesem Jahr die Maßnahme. Der EPS liebt - wie der Name schon sagt - fast ausschließlich die Eiche. Seine toxischen Brennhärchen sind lediglich 0,2 Millimeter lang, ihr Durchmesser gar nur ein Vierzigstel davon. Die unvorstellbar winzigen Härchen brechen leicht ab, können durch Luftbewegungen weit umherfliegen - wie Pflanzenpollen - und über Jahre hinweg nesselnd wirken: Hautallergien, Schleimhautentzündungen in Mund und Augen sowie Atemwegsentzündungen durch Einatmen der Nesselhärchen können die Folge sein.

Vor sechs Jahren - 2016 - wurden im Wäldchen an der Licher Straße in Höhe der Rehschneise erstmals Nester des EPS gefunden. Ende Juni 2019 war in diesem Viertel ein Großteil der Bewohner durch Härchenteile des EPS mit starken Entzündungserscheinungen betroffen. Erst als die BILD-Zeitung eingeschaltet wurde, reagierte die Stadt. Die von den Raupen der EPS gebildeten Nester wurden daraufhin nach und nach abgesaugt.

In den Folgejahren sollte es erst gar nicht mehr so weit kommen. Außer wie bis 2019 nur in sensiblen Bereichen - wie Spielplätzen - wurde fortan weitläufiger gespritzt. Derzeit ist ein Spezialunternehmen aus Groß-Gerau dabei, rund 2000 Bäume mit einem Mittel im Sprühverfahren zu behandeln. Bei 400 bis 500 Bäumen am Tag wird die Maßnahmen voraussichtlich bis Mitte der kommenden Woche andauern. Zwei Stunden lang darf es nach dem Sprühvorgang nicht regnen. So kann es zu Verzögerungen kommen. Lakowski: »Wenn nach dem Besprühen das aufgebrachte Mittel auf den Eichenblättern kurz danach vom Regen abgewaschen wird, macht unser Einsatz keinen Sinn.« Wie bereits in den letzten Jahren beteiligen sich wieder mehrere Liegenschaftsverwaltungen, darunter die Justus-Liebig-Universität und die Wohnbau Gießen an der breit angelegten Bekämpfung des EPS. Auch die Stadtteile sind von den Einsätzen nicht ausgenommen.

Gespritzt wird wie 2021 mit einem Extrakt aus der Neem-Pflanze. Hersteller des Mittels Neem-Protect ist die Firma Trivolio-M aus Lahnau, die hochreine Biosubstanzen produziert. Zu offenen Gewässern wird Abstand eingehalten, obwohl das Biozid ungefährlich sei, so Lakowski - auch für die Menschen. Bestimmte wohnortferne, vom Befall in den vergangenen Jahren nicht so stark betroffene Bereiche, sollen von der Behandlung ausgenommen werden. »Wir wollen dort sehen, wie der Befall sich in diesem Jahr entwickelt.« Letztes Jahr sei dafür kein repräsentatives Jahr gewesen. »Die Witterung war immer wieder feucht und kalt. Das war generell negativ für die Entwicklung des EPS.«

Biozid

Dieses Jahr sieht der Sachgebietsleiter als aussagekräftiger an. Sein Bestreben ist, die Dosis des Mitteleinsatzes zu verringern. »Es wirkt doch auch auf die Bäume selbst.« Nur ein einziger Baum sei im letzten Jahr mit einem Nest gemeldet worden - in Kleinlinden. »Nirgends mussten wir absaugen.« In diesem Jahr habe sich bei den Anrufen besorgter Bürger herausgestellt, dass es sich um die Gespinstmotte, einen Nestling, handelt. Gespinstmotten überziehen Bäume und Sträucher mit silbriger Hülle, was zu einem Fruchtausfall führt. Da die Gehölze das zumeist aber unbeschadet überstehen, sieht Lakowski keinen Anlass zur Bekämpfung.

»Bei unserem Tun geht es ausschließlich um den Schutz der Bevölkerung. »Unser Credo ist: So viel wie nötig. Jedoch so wenig wie möglich.«

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