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Stadt, Land, Schwarzes Loch

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Ein Blick in die Zukunft: David Gaviria als Weltraumreisender. Foto: Johanna Senger © Johanna Senger

Im offenen Raum: Das Stück »Posthuman Journey« zeigt einen Blick in die düstere Zukunft - und eine spektakuläre Mischung aus Schauspiel, Tanz, Musik und Videos.

Gießen. Wer angesichts der zahlreichen weltweiten Krisen darauf gehofft hatte, im Theater ein wenig Trost oder gar Zuversicht zu finden, muss enttäuscht werden. Besser wird es (erstmal) nicht, wenn man den Blick mit der »Posthuman Journey« des aus Hongkong stammenden Autors Pat To Yan in die Zukunft richtet. Dafür aber bietet die Uraufführung seiner drei zusammengefassten Stücke im Gießener Stadttheater ein eindrückliches Spektakel voller Musik, Tanz, Videos und Schauspiel, das den Raum des Traditionshauses auf ganz neue Weise für sich zu nutzen versteht. Für diese Uraufführung ernteten Regisseur Thomas Krupa und sein vielköpfiges Ensemble begeisterten, größtenteils stehend dargebrachten Schlussapplaus.

Durch den offenen Raum

Krupa nimmt das Publikum zunächst mit in eine nahe Zukunft, in der ein »Außenstehender« (David Gaviria) eine weitgehend leere Stadt durchwandert. Eine »Reise, ein Roadmovie« nennt der auch für die Raumgestaltung verantwortliche Regisseur dieses Kapitel, dem die Zuschauer tatsächlich auch per Fuß folgen können. Denn die Stuhlreihen im Saal wurden entfernt, so dass eine riesige Freifläche entstand, die das mit vielen Neuzugängen ergänzte Ensemble komplett für seine episodischen Beiträge nutzt. Die Zuschauer können währenddessen über die Bühne schlendern, sich auf auf Sitzmatten im Saal niederlassen oder dem Geschehen von Stühlen am Bühnenrand aus folgen. Zu sehen bekommen sie derweil eine totalitäre Stadtwelt, in der das Schicksal des von China gleichgeschalteten Hongkong aufscheint. Großformatige Videos zeigen verfremdete Straßenschluchten, Polizeifahrzeuge und Häuserkulissen, während der Außenstehende auf allerlei obskure Figuren trifft: etwa »die weiße Knochenfrau«, die »Katze mit einem Loch« oder den »Mann, der ohne Herzschlag existiert«. Das Ganze folgt keinem erzählerischen roten Faden, sondern funktioniert eher assoziativ und abstrahiert. Nicht alle dieser Szenen erschließen sich unmittelbar, eher entsteht so die beklemmende Atmosphäre eines Stadtpanoramas, in dem Kontrollwahn, Gleichschaltung, Totalitarismus durchscheinen. Es ist das China von morgen und teils auch von heute, das sich hier kunstvoll verfremdet besichtigen lässt.

Passend dazu werden die Szenen häufig mit spannungsreich aufgeladenen Klängen eines Streicherquartetts und eines Klaviers (Musik: Hannes Strobl, Michael Emanuel Bauer) unterlegt. Es fiept und zirpt bedrohlich, wenn der »Außenstehende« unterwegs ist, um Geschichten einzusammeln. Hinzu kommen Tanzszenen oder feine, kleine Solopartien des Sopranistin Julia Araújo. All das ist sehr schön anzuschauen, zumal sich jederzeit die eigene Position, die eigene Perspektive auf das von vielen visuellen Reizen angereicherte Geschehen verändern lässt. Nur wohnen möchte man in dieser kalten, funktionalen und hochtechnisierten Stadtlandschaft ganz sicher nicht.

Doch heimeliger wird es auch nach der ersten von zwei Pausen nicht, als das Geschenen dieser Reise ans Ende des Jahrhunderts verlegt wird. Im Gegenteil: Der totalitäre Staat hat seine Kontrollmechanismen verfeinert, die Menschen haben es nun mit Künstlicher Intelligenz zu tun und lassen sich selbst kaum noch von Robotern unterscheiden. Diese »posthumane Geschichte« - so der Titel dieses Teils - beginnt mit einem Drohnenpiloten (Pascal Thomas) und seiner Frau (Trang Dông), die ein Kind bekommen, das wegen eines fatalen Fehlers des Mannes und einem darob folgenden Fluchs ohne Po geboren wird. Das fehlende Körperteil kann aber durch einen Cyberkopie ersetzt werden, wie überhaupt die Technik mehr und mehr die Leben der Figuren durchdringt. In der stärksten, intensivsten Szene des Abends wird das verdeutlicht, als Mirjam Rast (Stimme) und Magdalena Stoyanova (Körper) gemeinsam eine Frau darstellen, die von einem von der Decke hängenden Kameraobjektiv gefilmt und immer mehr in den Fokus genommen wird. So entstehen auf großen Leinwänden, die den Schauplatz einfassen, intensive, vervielfältigte Bilder, die das Leben unter Bewachung auf dramatische Weise in Szene setzen.

Unterwegs auf die andere Seite

Doch gänzlich alle Hoffnung fahren lassen muss das Publikum auf dieser Theaterreise dann doch nicht. Im dritten Teil wechselt erneut die Perspektive und öffnet - vom Bühnenraum aus - den Blick auf einen interstellaren Trip, der einige Weltraumfahrer in ferner Zukunft von einem Schwarzen Loch zu verschlucken und zu transformieren droht. Doch wie das Leben auf der anderen Seite aussieht, das bleibt in diesem mit dreieinhalb Stunden Spielzeit und einigen Längen etwas zu weit gedehnten Stück dann doch eher im vagen. Dennoch sorgt »Posthuman Journey« für einen vielfältigen, überraschenden und im Wortsinne reizvollen Theaterabend, der Lust macht auf eine Spielzeit, in der das Stadttheater auf vielen Ebenen neu zu entdecken ist.

Nächste Vorstellung: 9. Oktober.

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