Stadtgespräch: Ein aufkommender Sturm, ein undichter Teich und wetterfeste Hochzeiten

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Erst das Greensill-Anlage-Fiasko, nun die kräftige Haushalts-Schelte durch das Revisionsamt: Im Rathaus dürfte es in den vergangenen Tagen und Wochen ziemlich turbulent zugegangen sein. Zumindest bei jenen, die vor der öffentlichen Bekanntgabe von diesen teuren Problemen - im Falle von Greensill etwa droht der Verlust von zehn Millionen Euro - wussten.

Als ob das nicht ausreicht, sehen sich die Verantwortlichen bezüglich der Revisionsberichte nun mit dem Vorwurf "des Versuchs einer Wahlmanipulation durch Vertuschung" konfrontiert, den die Freien Wähler in Person des Fraktionsvorsitzenden Heiner Geißler geäußert haben. Was Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) "mit Entschiedenheit zurückweist". Weder bei der Vorlage der Prüfberichte des Revisionsamtes für die Haushaltsjahre 2017 und 2018 noch in der Sache Greensill - die wiederum war kurz vor der Wahl bekannt geworden - habe es eine Verschleppung gegeben, stellt die Rathauschefin klar. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der politische Sturm rund um den Berliner Platz in den kommenden Wochen weiter an Stärke zunehmen dürfte.*Als Politiker sollte man eben ein dickes Fell haben. Galt das früher vor allem für Volksvertreter auf Bundes- und Landesebene, ist diese Eigenschaft heute auch auf regionaler Ebene beim Kommunalpolitiker "von nebenan" gefragt. Dank der rund um die Uhr arbeitenden Sozialen Medien sind diese häufig mit Pöbeleien und Beleidigungen konfrontiert. Gerade unter dem Deckmantel anonymer Fantasienamen haben dort viele keine Hemmungen, ihre häufig durchaus berechtigte Kritik mit persönlichen Angriffen zu verbinden oder gar Gewalt anzudrohen. Wenn in diesem Zusammenhang Dietlind Grabe-Bolz in unserem Interview von "großer Respektlosigkeit und einem Verfall der demokratischen Kultur des Umgangs" spricht, hat sie damit völlig Recht. Natürlich muss jedem, der sich für ein öffentliches Amt bewirbt, klar sein, auf was sie oder er sich da einlässt. Dünnhäutig sollte man als Politiker auf keinen Fall sein. Aber gefallen lassen muss man sich eben auch nicht alles. Und so betont Grabe-Bolz, "kein Freiwild" zu sein, und fordert eine respektvolle Diskussionskultur ein. Das kann ich nur unterstützen. Denn als Journalist muss ich mich ebenfalls oft mit Online-Pöbeleien auseinandersetzen. Und darauf könnte ich gerne verzichten.*Wer gerade das Wochenende gerne dazu nutzt, einen erholsamen Spaziergang durch die Wieseckaue zu machen, muss nun für noch ungewisse Zeit auf eine der beliebtesten Wegstrecken verzichten: Ein Teilabschnitt des Dammweges zwischen Schwanenteich und Wieseck wurde vom städtischen Gartenamt gesperrt, weil "ein starker Wasserdurchtritt" festgestellt worden war. Mit mehreren Lagen von Sandsäcken versucht man, entlang des Ufers zu verhindern, dass nicht zu viel Wasser aus dem bereits in den 1930er Jahren entstandenen Teich ausströmt. Um den Druck auf den Damm zu verringern, wurde zusätzlich der Wasserstand des unter Denkmalschutz stehenden Schwanenteichs um rund 15 Zentimeter abgesenkt. Die Undichtigkeiten sind schon seit vielen Jahren bekannt, so schlimm wie jetzt war es aber wohl noch nie. Bereits vor der Landesgartenschau 2014 hatte die Stadt vor, den Dammweg in kompletter Länge abzutragen und an seiner Stelle einen Deich von Grund auf neu anzulegen. 1,5 Millionen Euro waren dafür veranschlagt worden. Nachdem aber das damalige Bürgerbegehren "Rettet den Schwanenteich!" Erfolg hatte, legte die Stadt ihre Umbaupläne in die Schublade zurück. Warum die jetzt weiter dort drinbleiben und stattdessen "nur" eine Teilsanierung des löchrigen Dammes im Gespräch ist, kann zumindest ich nicht so richtig nachvollziehen.*Sollte jemand seine Hochzeit so lange hinausgezögert haben, bis es endlich möglich ist, sich das Jawort im malerischen Ambiente der Schiffenberg-Basilika zu geben, hat die oder der ab sofort keine Ausrede mehr. Ab 2022 - und bei zwei Preview-Terminen diesen September - kann der angeblich schönste Tag im Leben künftig an diesem historischen Ort begangen werden. Falls nun jemand einwendet, dass es dort oben auch mal kräftig ziehen kann, der sei beruhigt: Durch die Verglasung der Bögen ist die Basilika nun endlich wetterfest.*Wer in dieser Kolumne das wohl größte Aufregerthema dieser Woche vermisst hat, nämlich die Überprüfung der Doktorarbeit des aus Gießen stammenden Kanzleramtsministers und Mediziners Helge Braun auf etwaige Verstöße gegen wissenschaftliche Regularien der Justus-Liebig-Universität, sei hiermit auf die Rubrik "Von Land und Leuten" im Kreis-Teil dieser Ausgabe verwiesen. Mein Kollege Volker Böhm konnte mit Braun persönlich sprechen, daher lasse ich ihm zu diesem Thema gerne den Vortritt.

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