Stadtgespräch: Ein vermisster Kandidat, eine "resolute Einheit" und erstaunliche Zahlen

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Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat diese Woche auf ihrer Wahlkampftour Station in Gießen gemacht, Armin Laschet war vor etwa drei Wochen hier - wo bleibt eigentlich Olaf Scholz? Dass es der SPD-Politiker wie seine Kontrahenten von Grünen und CDU noch rechtzeitig vor dem Wahltermin am 26. September nach Gießen schafft, erscheint aber eher unwahrscheinlich.

Zumal Scholz Anfang September unserer nördlichen Nachbarstadt Marburg einen Besuch abgestattet hat. Gießen liegt da wahlkampftechnisch gesehen wohl einfach zu nah dran. Schließlich möchten die Kanzlerkandidaten möglichst alle Regionen in Deutschland mit ihrer Anwesenheit beglücken. Womöglich ist der Bundesfinanzminister ja bei seiner Fahrt nach Marburg an Gießen vorbeigekommen oder hat es auf dem Weg dorthin überflogen. Das wäre wenigstens etwas.*Das Polizeipräsidium Mittelhessen hat diese Woche eine neue Einheit zur Kriminalitätsbekämpfung vorgestellt. Egal, ob Drogenszene, Stadtbereiche mit mehr Diebstählen, Missstände in Shisha-Bars und Wettbüros oder Poser- und Tuner-Szene: Die aus fünf Beamten bestehende Kontrollgruppe, die zur besseren Koordinierung beitragen soll und von der Polizei als "resolute Einheit" gepriesen wird, hat sich einiges vorgenommen. Zwar gilt die simple Rechnung, dass, wer mehr kontrolliert, auch mehr findet. Doch die ersten, nach einer mehrmonatigen Testphase präsentierten Ermittlungserfolge zeigen auch in Zahlen, dass sich diese Investition offenbar lohnt. So stieg die Menge der in der Stadt festgestellten Drogendelikte in den vergangenen sieben Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 226 auf 443, verdoppelte sich also nahezu. Gießen sei allerdings "eigentlich schon immer ein Betäubungsmittel-Moloch" gewesen, meinte hierzu einer der Beamten bei der Vorstellung der neuen Einheit.*Nachdem wir in den vergangenen Wochen mit so ziemlich allen OB-Kandidaten einen Rundgang durch die Gießener Innenstadt gemacht haben, um ihre Ideen für Neugestaltungen und Verbesserungen zu erfahren, haben wir diese Woche dasselbe mit einem studierten, erfahrenen Stadtplaner getan. Der Gießener Diplom-Geograph Michael Hegemann hat dabei so voller Ideen, aber auch Kritikpunkten gesprudelt, dass wir dem eine komplette Seite im Anzeiger gewidmet haben. Bei den Anwärtern auf das Oberbürgermeisteramt hatten wir uns noch mit deutlich weniger Platz begnügt. Wer aber mit einem Profi, wie es Hegemann ist, unterwegs ist, der weiß schon vorher, dass das wohl einer sein muss, der eben noch ein Stückchen weiter denkt als Politiker und gleich sämtliche Konsequenzen von städteplanerischen Entscheidungen im Blick hat. Wie ein erfolgreicher Schachspieler, der bei der Planung seiner Züge seinem Gegner stets ein Stück voraus ist. Beim Rundgang mit dem Diplom-Geographen habe ich persönlich jedenfalls viele Aha-Momente erlebt und sehe jetzt einige Stellen in der Innenstadt mit ganz anderen Augen. Leider in den meisten Fällen noch kritischer als zuvor. Doch ist es nicht zu spät, Fehler wie die Schaffung "toter Flächen", das Nichterkennen von "Lauflagen" oder die Konzentration auf die pflegeleichteste Lösung statt einer, welche die Aufenthaltsqualität an einem Ort deutlich erhöht, noch rückgängig zu machen.*Zum Glück schauen Investoren von auswärts oder aus anderen Ländern bei ihrer Entscheidung für einen Standort weniger nach der Attraktivität einer Innenstadt, sondern mehr nach guten Verkehrsverbindungen und Immobilien. So scheint sich der schwedische Internetdienstleister Klarna in dem sanierten und baulich erweiterten Alten Telegrafenamt am Bahnhof sehr wohlzufühlen. So sehr, dass er die derzeit 120 Mitarbeiter in Gießen auf 400 erhöhen möchte. In dem Gebäudekomplex stehen noch ausreichend freie Flächen zur Verfügung, für die sich das Unternehmen bereits zuvor eine Option gesichert hatte. Nur, falls sich jetzt jemand wundern sollte, wie man einfach mal so die Belegschaft mehr als verdreifacht. Für Gießen ist das Ganze nicht nur wegen der vielen zusätzlichen Arbeitsplätze eine schöne Nachricht. Angesichts der internationalen Bekanntheit von Klarna könnte das auch andere Firmen, die Standorte suchen, neugierig auf Gießen machen.*Die wohl erstaunlichste Zahl dieser Woche sind die sage und schreibe 150 000 OP-Masken, die zwei Herstellerfirmen den drei Gießener Krankenhäusern spenden. Vermittelt hat diesen "Deal" Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Würde sie erneut zur OB-Wahl antreten, könnte ihr das sicherlich so einige zusätzliche Stimmen bringen. Ob sich jetzt wohl die OB-Kandidaten ärgern, dass sie nicht selbst auf diese Idee gekommen sind?!

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