Stadtgespräch: Eine erfreuliche Tendenz, ein provokantes Wahlplakat und enttäuschte Fassenachter

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Beginnen wir diese Kolumne mal mit einer erfreulichen Nachricht: Die Anzahl der Corona-Patienten auf den Intensiv- und Normalstationen des Gießener Uniklinikums (UKGM) geht seit Anfang Januar stetig nach unten. Lag die Zahl zu Jahresbeginn bei knapp über 100, betrug sie am Donnerstag noch 53, wovon sich zu jenem Zeitpunkt 28 im Intensivbereich und 25 auf den Normalstationen befanden.

Am Freitag stieg die Gesamtzahl dann allerdings noch mal leicht auf 57 an, darunter leider wieder zwei schwerer erkrankte Patienten. Der seit Mitte Dezember andauernde Lockdown zeigt dennoch auch hier seine gewünschte Wirkung, zumindest in der Tendenz. Das aber darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahlen noch immer deutlich über denen der Ersten Welle im Frühjahr 2020 liegen. Und von Virus-Mutationen haben damals allenfalls Wissenschaftler gesprochen, mittlerweile sind diese neuen, teils sogar ansteckenderen Virusvarianten - sei es nun aus Großbritannien, Südafrika oder Brasilien - Teil unseres täglichen Sprachgebrauchs. Vor einer Entwarnung sind wir deshalb gerade in den Krankenhäusern noch weit entfernt. Zumal man es dort auch mit immer mehr Patienten zu tun hat, die unter den Spätfolgen einer überstandenen Corona-Infektion leiden, und das selbst noch viele Monate danach. Die Mitarbeiter der Post-Covid-Ambulanz des UKGM, der wir in der heutigen Samstags-Ausgabe einen Artikel widmen, haben jedenfalls alle Hände voll zu tun, den Betroffenen zu helfen.*Wer sich die Wahlplakate der Parteien entlang der Straßen genauer anschaut, dürfte oftmals entsetzt sein über die Einfallslosigkeit so mancher Slogans. Ob die wirklich Leute animieren, der jeweiligen Liste bei der Kommunalwahl im März die Stimme zu geben? Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Aber ein paar mehr originelle Ideen könnten es schon sein, finde ich. Allerdings sollte man dabei auch nicht übers Ziel hinausschießen, wie es jetzt "Die Partei" mit einem ihrer Wahlplakate in Rödgen tat. Auf diesem steht der Satz "Wenn wir an der Macht sind, ist die Steinbach tot!", und direkt daneben abgebildet ist eben jene Erika Steinbach, die frühere CDU-Politikerin und ehemalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Gewiss ist die Dame nicht unumstritten und selbst schon mit Aussagen übers Ziel hinausgeschossen. Doch könnte dieses Wahlplakat bei so manchem auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, hier werde Erika Steinbach Gewalt angedroht. Dass dieser Satz eigentlich völlig anders gemeint ist, hat "Die Partei" - deren Mitglieder es offenbar lieben, mit ihren Plakaten zu provozieren, um aufzufallen - inzwischen klargestellt: Man rechne dort nämlich nicht damit, "vor dem Jahr 2063 an der Macht zu sein". Steinbach wäre dann "120 Jahre alt" und gemessen an der heutigen Lebenserwartung wohl nicht mehr auf der Welt. So gesehen, ist der Spruch gar nicht mal unoriginell, finde ich. Doch geht auch mir hier die Zweideutigkeit zu weit. Denn wie viele Betrachter werden gleich auf Anhieb den dahintersteckenden Gedankengang erkennen? Und warum eigentlich ist "Die Partei" nicht ein wenig selbstbewusster, ihr großes Ziel womöglich wesentlich früher zu erreichen?*Schwer enttäuscht sind derzeit die Elferrats-Mitglieder der Gießener Fassenachts-Vereinigung (GFV) und wohl auch viele andere, die das ausgelassene Feiern in der "Fünften Jahreszeit" vermissen. Mit einem ausgeklügelten Hygienekonzept hatte man das städtische Ordnungsamt für sich gewonnen, einen Drive-in für Kamelle auf einem großen Parkplatz im Gewerbegebiet Gießen-West zu erlauben. Dort wären die Autos um den Elferratswagen herum gefahren, um sich die Süßigkeiten etwa per Fallrohr durch die Fensterscheibe ins Fahrzeuginnere schütten zu lassen. Natürlich mit dazu passender Musik und Konfetti. Das Gesundheitsamt legte aber sein Veto ein und verbot die Veranstaltung. Denn mit ihrem "reinen Unterhaltungscharakter" sei sie gemäß der Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung des Landes "nicht zulässig", heißt es zur Begründung.*Eines der wichtigsten Themen der nun zu Ende gehenden Woche darf in diesem "Stadtgespräch" nicht fehlen: Gemeint ist natürlich die klirrende Kälte, die uns allen insbesondere zu Wochenbeginn und am vergangenen Wochenende schwer zu schaffen machte. Eisregen und darauffolgende Schneefälle hatten auch mein Auto in einen dicken weißen Mantel eingehüllt, der anfangs eher einem undurchdringlichen Panzer ähnelte. Also stieg ich einige Tage auf den Bus um. Das alles ist aber kein Grund zum Jammern, den hätten eher schon jene, die wohnungslos ihr Leben auf der Straße fristen. Wer sich jetzt über die Unannehmlichkeiten beschwert, die diese für uns mittlerweile ungewohnten Wintertage und -temperaturen mit sich bringen, sollte sich immer vor Augen halten, dass es nicht wenigen deutlich schlechter geht.

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