Stadtgespräch: Gießen vor Moskau, Kita-Kinder und die Kanzlerin und traurige Entwicklungen

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Zuerst am Donnerstag in Gießen Liebig-Museum und Mathematikum besichtigen und sich erst tags darauf in Moskau mit Präsident Wladimir Putin treffen: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat diese Woche bei ihren Besuchsterminen ganz klar Prioritäten gesetzt. Aber Scherz beiseite: Die Zukunft der schwer belasteten deutsch-russischen Beziehungen dürfte wohl von größerer weltpolitischer Tragweite sein als die Gießener Sehenswürdigkeiten.

Wobei man bei Merkel durchaus annehmen könnte, dass ihr die Rundgänge durch das alte Laboratorium des berühmten Chemikers und das mathematische Mitmachmuseum wesentlich mehr Spaß bereitet haben als das Gespräch mit Putin. Zumal der promovierten Physikerin nachgesagt wird, sich sehr für Naturwissenschaften zu interessieren. Und da darf Gießen ganz selbstbewusst sein: Die beiden Museen sind von der Bedeutung her auf ihren Gebieten auch im internationalen Vergleich ganz weit vorne anzusiedeln.*Apropos "vorne": Als die Bundeskanzlerin mit ihrem vielköpfigen Tross - darunter auch Kanzleramtsminister und Gießener Helge Braun - in der Liebigstraße ankam, stand in der ersten Reihe der Menschenmenge eine Gruppe drei- bis vierjähriger Kinder der Kita "Villa Wunderland", die rein zufällig bei ihrem Ausflug dort vorbeigekommen waren. Zunächst angelockt durch die Polizeiautos, machten die Kleinen natürlich große Augen, wer da auf einmal im rosafarbenen Blazer, mit blauer Mund-Nasen-Maske und mit so vielen Menschen im Schlepptau an ihnen vorbeilief. Als Krönung des Tages wurden einige Kita-Kinder und ihre Erzieherin dann auch noch vom Reporter eines heimischen Radiosenders interviewt. Zuhause hatten sie ihren Eltern bestimmt viel zu erzählen.*Viel los war auch am vergangenen Samstag auf dem Facebook-Kanal des Anzeigers. Während der live von uns vom Schiffenberg übertragenen Reden von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet und Parteikollege Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Landestag der Jungen Union gab es sage und schreibe an die 4000 Kommentare. Inklusive aller möglichen Emojis und grafischen Meinungsbekundungen. Insgesamt gesehen kamen beide Politiker dabei überhaupt nicht gut weg. Das kommt jetzt nicht unbedingt überraschend, bedenkt man die Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahre, allen voran Corona-Krise und Flutkatastrophe. Doch die beträchtliche Anzahl an Wut- und Hasskommentaren, die wir vielfach löschen oder verbergen mussten, weil sie eindeutig Grenzen überschritten, ist schon bemerkenswert. Vor allem aber traurig.*Traurig und erschreckend ist auch, was zurzeit in Afghanistan passiert. Die Bilder von Menschen, die sich in Kabul verzweifelt an Flugzeuge und Gangways klammern, um auf der Flucht vor den Taliban ihr nacktes Leben zu retten, werden wir alle wohl niemals vergessen. Ebenso wenig scheint begreifbar, wie die internationale Politik zu solch einer Fehleinschätzung hinsichtlich der Lage in dem asiatischen Land kommen konnte. Nur zu berechtigt ist aus meiner Sicht die Frage, ob alle Bemühungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten und die Tode so vieler Soldaten und Zivilisten umsonst waren. Auch bei in Gießen lebenden Afghanen ist die Verzweiflung groß, und noch größer die Sorge um die in ihrem Geburtsland verbliebenen Verwandten. Als wir diese Woche mit afghanischen Staatsbürgern, die in Mittelhessen wohnen, sprachen, wollte keiner von ihnen mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Könnte das doch schnell nachteilige Folgen für sie wie auch ihre Verwandten haben, wenn die Taliban und ihre Unterstützer davon erfahren.*Dass Namen dagegen auch lebensrettend sein können, zeigt beispielhaft das Engagement von Prof. Andreas Dittmann vom Institut für Geographie der Justus-Liebig-Universität. Die von ihm an das Auswärtige Amt übermittelte Liste mit Namen von Freunden, Kollegen sowie weiteren Wissenschaftlern und Studierenden an den Universitäten Kabul, Herat und Balkh wurde die vergangenen Tage über immer länger. Mit ihren Familien bangen viele noch immer, Plätze in den wenigen Flugzeugen zu erhalten oder überhaupt erst einmal in den Flughafen reinzukommen. Als Universitätsangehörige und erst recht als studierende oder forschende Frauen sind sie in großer Gefahr, von den Terrorkämpfern verfolgt, eingesperrt oder gefoltert zu werden. Wer die barbarischen "Strafen" der Taliban kennt, kann sich zumindest annähernd vorstellen, welche Angst derzeit bei den Menschen herrschen muss. Bei all diesen schlechten Nachrichten fällt es schwer, Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein schönes Wochenende zu wünschen.

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