Stadtgespräch: Kuddelmuddel in Schulen, Mobbing per Smartphone und eine reizvolle Idee

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"Lehrer haben doch ständig Ferien": Dieses Vorurteil hält sich noch immer hartnäckig. Spätestens durch die Corona-Pandemie dürfte aber mittlerweile so ziemlich jeder realisiert haben, dass dieser Beruf trotz Verbeamtung und den damit verbundenen Vorteilen auch seine Schattenseiten hat. Nahm die Aufgabenfülle über die Jahre zu und hieß es, zusätzlich Eltern- und Sozialarbeiter-Aufgaben zu übernehmen, befinden sich Lehrer nun mitten im Kuddelmuddel aus Distanz- und Präsenzunterricht, inklusive Frieren im Klassenraum sowie Software- und Verbindungsproblemen.

Konfrontiert mit unzufriedenen bis hin zu wütenden Eltern und Schülern, die das oftmals auch völlig zu Recht sind. Und das wird wohl noch einige Zeit so bleiben. Mir ist weiterhin unverständlich, dass die warmen Monate über gerade vonseiten der Politik nicht mehr dafür getan wurde, sich schulmäßig besser auf die Zweite Welle vorzubereiten. Hat man etwa geglaubt, dass diese harmloser ausfällt als die Erste oder gar ganz ausbleibt?! Nun ja, ausbaden müssen das nun die direkt Betroffenen, wie unsere Umfragen bei Schul- und Elternvertretern immer wieder zeigen. Dass sich beide von den Entscheidungsträgern auf oberen Ebenen allein gelassen fühlen, kann ich gut nachvollziehen.*Wenn sich Schüler jetzt seltener persönlich begegnen, sollte das doch eigentlich zu weniger Hetze, Beleidigungen und Verunglimpfungen auf den digitalen Kanälen, also in den sogenannten Sozialen Medien, führen. Schließlich bekommt man ja seine persönlichen "Feindbilder" - sei es, weil einem deren Charakter oder Kleidung nicht gefällt, oder weil man ganz einfach "Spaß" daran hat, andere, zumeist Schwächere, fertigzumachen und sich dadurch besser fühlt - nicht mehr so oft zu Gesicht. Die Realität dürfte aber anders aussehen. Zumal es abseits der Schule keine Handyverbote gibt und so mancher vor lauter Langeweile beim Homeschooling auf noch dümmere Ideen kommen könnte. Die "Digitale Gewalt" ist jedenfalls eine Problematik, die an Gießener Schulen schon seit 15 Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnt, war in dieser Woche von Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser zu erfahren. Daher müsse man dem mit mehr Aufmerksamkeit, Aufklärungsarbeit und höherer Sensibilität begegnen. Wobei das mittlerweile Dimensionen angenommen hat, die sich jemand wie ich, der abhängig von Trends auch mal mit Auto-Quartett-Karten oder Jo-Jo auf dem Pausenhof gespielt hat, kaum noch vorstellen kann. Da werden selbst unter jenen, die noch vor der Schwelle der Pubertät stehen, widerliche Gewaltvideos und -fotos von Smartphone zu Smartphone geteilt, bis hin zu kinderpornographischen Inhalten. Auch in puncto Mobbing ist man auf dem neuesten Stand: Per App oder Chat werden andere "gedisst", wie das heutzutage heißt, oder Kontaktdaten weitergeleitet, um das Opfer mit anonymen Nachrichten und Anrufen zu quälen. Ich selbst habe zu Schulzeiten als damals noch eher schüchterner, introvertierter Typ mit guten Noten einiges durch Klassen- und Schulkollegen ertragen müssen - wie das heute wäre, möchte ich mir gar nicht erst ausmalen.*Schon seit einiger Zeit, vor allem mit Beginn der Verkehrswende-Aktionen, geistert die Idee für eine RegioTram durch Gießen. Vorbild dafür ist die frühere Straßenbahn, die einst durch unsere Stadt fuhr. Wer kennt sie nicht, die schönen Schwarz-Weiß-Fotos, die, teils über 100 Jahre alt, zeigen, wie sich zwei Straßenbahnwagen in den damals engen Gässchen aneinander vorbei bewegen? Inmitten des aus heutiger Sicht so idyllisch erscheinenden alten Gießen der Vorkriegszeit. Aus der Idee erwuchs nun ein Bürgerantrag, der wiederum die Stadt zu einer Kostenschätzung veranlasste. Wie nicht anders zu erwarten, wäre eine solche Verkehrslösung, so reizvoll sie auch klingen mag, alles andere als billig. Eine elektrisch betriebene zweigleisige Strecke mit allem Drum und Dran - von Oberleitungen über Bahnsteige bis hin zu Fahrkartenautomaten - würde bei der von Bürgerseite vorgeschlagenen Mindeststreckenlänge von 4,1 Kilometer mit 55 bis 65 Millionen Euro zu Buche schlagen. Bei der Maximalstrecke von 10,3 Kilometer wären es 120 bis 140 Millionen Euro. Kein Wunder, dass die Stadt offenbar den Alternativvorschlag Regio-S-Bahn bevorzugt. Lägen doch die geschätzten Kosten zur Schaffung eines zusätzlichen innenstadtnahen Bahnhaltepunkts bei vergleichsweise günstigen 1,4 Millionen Euro. Die RegioTram hätte aber einen weiteren großen Vorteil: Sie könnte von Straßenbahn- auf Bahnschienen wechseln, und umgekehrt. Ohne Umsteigen mitten rein ins Herz von Gießen - das hat doch was. Und wenn schon Straßen saniert werden müssen, warum dann nicht gleich mit Fördermitteln die Straßenbahnschienen und andere Dinge mit verlegen? Auf einmal klingt es gar nicht mehr so utopisch.

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