Stadtgespräch: Stadtweites Aufatmen, ein lahmgelegter Turm und ein ungewöhnlicher Markttag

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Man konnte am Dienstag das Aufatmen der Gießener Bevölkerung förmlich spüren: Bei den Kampfmittel-Sondierungen am Bahnhof - genauer gesagt, auf dem Gelände hinter der Neuen Post - wurde keine Weltkriegsbombe gefunden. Allenfalls harmlose Metallteile wie Reste von alten Pfählen kamen bei den zweitägigen Untersuchungen der insgesamt 16 Verdachtspunkte aus der Tiefe des Erdbodens zutage.

Das alles hätte auch ganz anders ausgehen können. Wäre nämlich eine Bombe gefunden worden - und das ist in Gießen angesichts der Flächenbombardierungen im Zweiten Weltkrieg, gerade rund um den Bahnhof ja gar nicht so unwahrscheinlich, hätte man je nach Größe des Sprengkörpers die Menschen aus einem Umkreis von bis zu einem Kilometer evakuieren müssen. Betroffen hätte das an die 15 000 Anwohner inklusive des Großteils von Patienten und Personal an Universitätsklinikum und St. Josefs Krankenhaus-Balserische Stiftung sowie Besucher und Aussteller auf dem Messe-Gelände. Selbst bei einer kleineren Bombe wären noch 500 Meter Sicherheitsabstand notwendig gewesen. Man mag sich gar nicht ausmalen, was das in beiden Fällen für einen logistischen Aufwand bedeutet hätte. Schließlich muss man viele dieser Menschen ja zwischenzeitlich irgendwo unterbringen. Noch dazu wäre der Bahnverkehr für Stunden lahmgelegt. So aber gibt es, abgesehen von den arg strapazierten Nerven der Sondierungsexperten und der zuständigen Stadtmitarbeiter, keine Folgeschäden zu beklagen. Man muss allerdings kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der nächste Bombenfund in Gießen nur eine Frage der Zeit sein dürfte. Schließlich wird ständig irgendwo gebaut oder aus irgendwelchen anderen Gründen im Boden gebuddelt.*Bauliche Reparaturen schon lange überfällig sind bei der Alten Universitätsbibliothek - oder "Alte UB", wer das lieber mag - in der Bismarckstraße. Das denkmalgeschützte Gebäude mit dem markanten rundlich geschwungenen Lesesaal und dem daneben in die Höhe ragenden Bücherturm befindet sich in einem bedenklichen Zustand. Dieser hat sich nun so weit verschlimmert, dass derzeit "aus bautechnischen Gründen" keine Buchbestellungen aus dem im Turm untergebrachten UB-Magazin möglich sind. Die Justus-Liebig-Universität (JLU) verfügt zwar auch an ihren anderen Bibliotheksstandorten über ausreichend Lesestoff, doch diese Einschränkung im Uni-Betrieb ist schon ein ziemlicher Schlag. Diese Woche nun wandte sich die Bürgerinitiative "Historische Mitte Gießen" an die Öffentlichkeit, da sie das Kulturdenkmal, das eigentlich dem Land Hessen gehört, dem Verfall preisgegeben und von Vandalismusschäden geprägt sieht. Und damit sind wohl nicht nur die eher hässlichen Graffiti und Schmierereien an der Fassade des Lesesaals gemeint. Die Hochschulleitung weist darauf hin, dass "rund 60 Prozent unseres Gebäudebestandes sanierungsbedürftig sind" und die dafür zur Verfügung stehenden Finanzmittel "bei Weitem nicht ausreichen, alle Mängel zu beheben". Während die Stadt sich "sehr freuen" würde, "wenn die Eigentümer hier Verantwortung für das Stadtbild übernehmen würden". Bei den bereits seit Längerem laufenden Gesprächen zwischen Land und JLU ist aber noch kein abschließendes Ergebnis in Sicht. Womöglich könnte jetzt der lahmgelegte Bücherturm mehr Bewegung in diese Geschichte bringen, ehe es noch eine unendliche wird.*"Nanu, was macht der denn hier?" wird sich am Mittwoch so mancher auf dem Wochenmarkt gedacht haben. Tauchte doch dort auf einmal Ministerpräsident Volker Bouffier mit großem Mediengefolge, TV-Kameras und Bodyguards auf. Da der CDU-Mann bekanntlich selbst Gießener ist, dürfte sein Erscheinen an diesem Ort und zur Marktzeit nicht unbedingt überraschend kommen. Was er dann aber tat, war schon etwas ungewöhnlich für einen Politiker in dieser Funktion: Bouffier unterstützte nämlich die Mitarbeiter der von ihm besuchten Sonderimpfaktion von DRK und Johannitern dabei, Marktbesucher und -beschicker zum Impfen und Testen gegen das Coronavirus zu animieren, sofern das nicht bereits geschehen ist. In einigen Fällen gelang es dem Christdemokraten, Vorbeikommende von einer Spontanimpfung zu überzeugen, in anderen Fällen gelang ihm das auch mit "Engelszungen" redend nicht. Gleichzeitig suchte der Landesvater, der auch selbst eine Mund-Nasen-Maske trug, Antworten auf Fragen, etwa nach "einer Idee, wie man Nichtgeimpfte zum Impfen kriegt". Ob ihm die hierzu erhaltenen Antworten im politischen Geschäft weiterhelfen, die Impfquote in der Bevölkerung nach oben zu treiben, werden die kommenden Wochen zeigen. DRK und Johanniter jedenfalls dürften sich am Mittwoch über die prominente Unterstützung gefreut haben. Wobei es auch ohne geht: Wetterabhängig nehmen an jedem Markttag 15 bis 50 Personen das Impfangebot wahr, berichteten sie. Am heutigen Samstag ist dazu die nächste Gelegenheit, nur so nebenbei.

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