Stadtgespräch: Unruhe auf dem Schiffenberg, Wälder als Müllhalden und Schwimmdefizite

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Zumindest zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Kolumne verspricht die Wetterprognose für Gießen ein absolut regenfreies Wochenende mit Höchsttemperaturen, die knapp an der 30-Grad-Marke kratzen. Das lädt natürlich dazu ein, möglichst viel Zeit im Freien und in der Natur zu verbringen. Sei es nun bei einem ausgedehnten Spaziergang, beim Schwimmen oder Grillen.

Wer in diesen Momenten gerne seine Ruhe hat, sollte am heutigen Samstag besser das Kloster Schiffenberg und die direkte Umgebung meiden. Denn dort dürfte für einige Stunden an Ruhe nicht zu denken sein. Haben sich doch der Kanzlerkandidat der CDU, Armin Laschet, und seine Parteikollegen Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzleramtsminister Helge Braun angesagt. Für Wahlkampfauftritte, aber auch um dem Landesparteitag der Jungen Union Hessen die Ehre zu erweisen. Wo solch geballte Politprominenz zusammenkommt, sind natürlich die Kritiker nicht weit. Erst recht nicht in Zeiten der Klimakrise, einem Thema, dem sich nun selbst Politiker widmen, von denen man das früher nie erwartet hätte. Klimaschutzgruppen wie "Fridays for Future" oder "Students for Future" wollen wie auch "Extinction Rebellion", die "Linksjugend Solid" und die Partei "Die Basis" bei Gegenkundgebungen ihren Protest deutlich machen. Wer die örtlichen Gegebenheiten auf Gießens Hausberg kennt, weiß, dass die einzige Straße nach oben und unten bei der erwartbaren großen Resonanz zu einem echten Nadelöhr werden könnte. Ob wohl für die Bundesminister schon ein Hubschrauber bereitsteht, um sie, falls es stimmungsmäßig zu heiß wird, zur Not auszufliegen? Es wäre jedenfalls durchaus empfehlenswert, einen solchen Plan wenigstens in der Hinterhand zu haben.*Doch zurück zur Natur, und zwar in den Wald: Der scheint leider für immer mehr Zeitgenossen der "ideale" Ort zu sein, um ihren Müll loszuwerden und einfach in die Landschaft zu kippen. Hierbei ist nicht die Rede von ein paar aus Bequemlichkeit weggeschmissenen Plastikverpackungen, sondern von Bergen von Bauschutt, Sperrmüll, Säcken und anderem Unrat. Illegale Entsorgungen haben zugenommen, berichten Stadt und Polizei. Selbst ein solch saftiges Bußgeld wie die 10 500 Euro, die im April ein Ehepaar für am Hangelstein entsorgte 15 Kubikmeter Abfall zahlen musste, schreckt nicht jeden ab. Einen wesentlich größeren Abschreckungseffekt könnte die nun bekannt gewordene Statistik der Polizei haben: Demnach konnten die Ordnungshüter zuletzt bis zu zwei Drittel der Verursacher ermitteln und zu Strafzahlungen verdonnern. Wer die Sachen wegwirft und sich dann schnell aus dem Staub macht, darf sich noch lange nicht sicher fühlen, selbst wenn sie oder er viele Kilometer vom Abladeort entfernt wohnt. Denn häufig sind irgendwo in dem ganzen Unrat unbemerkt noch Spuren der Eigentümer zurückgeblieben, die den Ermittlern ermöglichen, den oder die Täter ausfindig zu machen. Warum also dieses Risiko eingehen und wochenlang zittern, ob einem Polizei oder Ordnungsamt nicht doch noch auf die Schliche kommen? Die ordnungsgemäße Müllentsorgung kostet zwar, schont aber eindeutig die Nerven.*Wenn wir in hoffentlich nicht mehr allzu großer zeitlicher Ferne die Spätfolgen der Corona-Krise analysieren werden, wird ein Problem sicherlich ganz weit oben stehen: die mangelnden Schwimmkenntnisse einer ganzen Schüler- und Kita-Generation. Wie enorm hier der Nachholbedarf infolge monatelang geschlossener Bäder und Distanzunterricht ist, zeigen die Kinderschwimmkurse der DLRG-Kreisgruppe Gießen. Obwohl in Kooperation mit den Stadtwerken (SWG) zusätzliche Zeiten angeboten werden können, waren jetzt die Kurse teilweise schon nach drei Minuten ausgebucht. Die Wartezeit bis zu den nächsten Kursen können Eltern nutzen, um mit Tipps der DLRG-Leute ihren Nachwuchs auf das Kommende vorzubereiten und, falls nötig, die Scheu vor dem vielen und teils auch tiefen Wasser abzulegen. Das hilft auf jeden Fall weiter.*Welches wichtige Thema dieser Woche haben wir jetzt noch nicht behandelt? Ach ja, den zweitägigen Lokführer-Streik. Die GDL sprach am Freitag von einem Erfolg: Rund 5500 ihrer Mitglieder, die Züge der DB kreuz und quer durch Deutschland steuern, haben Personen- und Güterwagennetz vielerorts mehr oder weniger lahmgelegt. Als Sohn eines Eisenbahners, der auch ausgebildeter Lokführer war, kenne ich persönlich die Belastungen in diesem Beruf sehr gut und habe daher für die geforderten Lohnerhöhungen Verständnis. Den Streik aber im Personenverkehr nur etwa 15 Stunden nach seiner Ankündigung zu beginnen, finde ich den Bahnkunden gegenüber nicht fair. Da hätte deutlich mehr Zeit dazwischenliegen müssen. Wobei die von der DB kurzfristig ausgearbeiteten Ersatzfahrpläne gar nicht mal so schlecht funktioniert haben sollen. Dennoch war die Verärgerung gerade bei jenen Menschen, die fast täglich auf Züge angewiesen sind, oftmals riesengroß. Auch sie derart gegen sich aufzubringen, halte ich für einen strategischen Fehler der GDL. Dort sollte man eigentlich wissen, dass vermutlich die Mehrheit der Bahnfahrer ihren Forderungen wohlwollend gegenübersteht. Diese Unterstützung dürfte nun erheblich gelitten haben.

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