Stadtgespräch: Vom Lernen in den Ferien, einem Radweg der Geschichte und vielen Entscheidungen

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Nach einem Schuljahr, wie es das "dank" Corona in dieser Form noch niemals zuvor gegeben hat, beginnen nun Sommerferien, von denen man schon jetzt dasselbe behaupten könnte. Denn einfach mal so sechs Wochen lang faulenzen wird wohl vielen Schülern aus Gießen und Umgebung nicht vergönnt sein. Dafür sorgen vor allem die von mehreren heimischen Schulen angebotenen Ferien-Lerncamps und das neue hessische Förderprogramm "Löwenstark - der BildungsKick".

Letztere Online-Plattform, die zum Aufholen von Lernstoff und Überprüfung des eigenen Wissens gedacht ist, kann sogar von jedem der rund 760 000 Schüler unseres Bundeslands kostenlos genutzt werden und bietet in 13 Fächern für alle Klassenstufen Videos, interaktive Übungen und Arbeitsblätter. All das ist natürlich freiwillig. Doch gerade Eltern, die mit den Leistungen ihrer Sprösslinge beim "Homeschooling" nicht zufrieden waren - und erst recht nicht mit den Noten in den nun erhaltenen Zeugnissen -, dürften hier in Versuchung kommen, mehr oder weniger Druck auszuüben, damit ihr Nachwuchs mitmacht. Da ist in vielen Fällen sicherlich Überzeugungsarbeit notwendig und sind Streitereien vorprogrammiert. Erst recht, wenn das Lernen und Nachholen am Urlaubsort verlangt wird. Auch die Aussicht, mit Schulbeginn Ende August zwei Präventionswochen im Klassenraum überstehen zu müssen - mit Maskenpflicht auch beim Sitzen und drei statt zwei Testnachweisen pro Woche -, ist dem Erholungseffekt der Sommerferien ein wenig abträglich.*Wer sich dagegen notenmäßig keine Sorgen zu machen braucht und seinem schulischen Wissensstand vertraut, könnte ja mal in den Ferien den neuen "Radweg Deutsche Einheit" testen, sei es mit Eltern oder Freunden. Dieser verbindet passend zu seinem Namen Berlin und die frühere Bundeshauptstadt Bonn. Die Länge der Route von circa 1100 Kilometern macht allerdings etwas stutzig, sind beide Städte doch Luftlinienmäßig nur rund 480 Kilometer voneinander entfernt; selbst bei der kürzesten Straßenverbindung sind es weniger als 600 Kilometer. Doch darum, auf kürzestem Weg möglichst schnell an sein Ziel zu kommen, geht es hier auch gar nicht. Wer eine Radtour macht, möchte schließlich mehr als nur Straßen sehen und vielmehr seine ganz eigenen Entdeckungen am Wegesrand machen. Auf dem "Radweg Deutsche Einheit" sind die natürlich vor allem geschichtlicher Natur. Und da darf angesichts dieses Themas ein Schlenker nach Gießen nicht fehlen. Machten doch hier im früheren Durchgangs- und Bundesnotaufnahmelager im Meisenbornweg jahrzehntelang Tausende DDR-Bürger ihre ersten Erfahrungen mit dem Westen. Womit ein wichtiges Kapitel deutsch-deutscher Geschichte geschrieben wurde. Über dieses und weitere informiert die "Radstätte", die am Mittwoch in der Lahnstraße, einer der Stationen auf der 1100-Kilometer-Strecke, eröffnet wurde. Neben einem überdachten Infoterminal mit Touchpad gibt es übrigens auch ein Ladeschließfach für E-Bike-Akkus. Da hat offensichtlich einer mitgedacht.*Angesichts des auch in Gießen nachlassenden Impftempos durfte man gespannt sein, wie das diese Woche gestartete Pilotprojekt von Stadt und Landkreis zu quartiersbezogenen Impfungen von der Bevölkerung angenommen wird. Neben Skeptikern und Gegnern sollen damit insbesondere all jene angesprochen werden, die sich noch nicht ausreichend informiert fühlen oder dadurch verunsichert sind, was täglich an Nachrichten und häufig auch Falschmeldungen die Runde macht. Los ging es mit Infoveranstaltungen in West- und Nordstadt, wo Fragen an die Experten gestellt werden konnten. Die Antworten haben offenbar in vielen Fällen die Bedenken beseitigt. So waren etwa in der Weststadt kurz nach Veranstaltungsende bereits alle 30 für den gestrigen Freitag verfügbaren Vor-Ort-Impftermine ausgebucht. Und es war klar, dass weitere Aktionen dieser Art folgen sollen. Es ist eben eine gute Idee, mit den Infos und Impfdosen auch direkt zu den Bürgern zu gehen. Manch einer braucht diesen Schubs. Andere haben ganz einfach noch nicht die Informationsquelle gefunden, der sie komplett vertrauen. Schließlich ist solch eine Impfung gegen ein potenziell sogar tödliches Virus nichts, was man einfach mal so nebenbei entscheidet.*Apropos Entscheidungen: Was das angeht, ist die neue Stadtregierung aus Grünen, SPD und "Gießener Linke" ziemlich entscheidungsfreudig. So haben die Koalitionäre seit der Vertragsunterzeichnung vor zehn Tagen bereits die Abberufung von Bürgermeister Peter Neidel (CDU) auf den Weg gebracht, neue Regelungen für Bebauungspläne wie etwa eine Quote für Schwellenhaushalte festgelegt, verstärkte Maßnahmen zur Barrierefreiheit von Behinderten und Senioren angekündigt sowie den von Handels- und Innenstadtakteuren unterstützten Bürgerantrag "Für eine vernünftige Verkehrsplanung" einfach mal nach ihren (klimaneutralen) Vorstellungen verändert. Letzteres kam jedoch bei vielen nicht so gut an. Man muss eben auch im Politikgeschäft beides drauf haben: Zuckerbrot und Peitsche.

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