Stadtgespräch: Von Bauen und Verkehr, einem Vertrag zum Regieren und einer Bewährungsprobe

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Gebaut wird in Gießen ja schon seit Jahren ziemlich viel. Momentan aber gewinnt man den Eindruck, es passiert in puncto neue Wohnungen und Gewerbeflächen mehr als je zuvor. So befasste sich der Magistrat in den vergangenen zwei Wochen mit gleich acht Bauplänen, Einleitungs- und Änderungsbeschlüssen und wie das noch so alles im Behördendeutsch heißt.

Diese Baugebiete befinden sich jedoch nicht nur dort, wo sie wohl die meisten vermuten würden, nämlich auf früheren Flächen der US-Armee (Beispiele: "Kellertheaterquartier" in Rödgener Straße und weiterer Logistikstandort am "Alten Flughafen"). Auch andernorts im Stadtgebiet bieten sich noch Möglichkeiten, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen (Beispiele: "Rinn'sche Grube" in Marburger Straße und Innenfläche zwischen Nordanlage, Schiller- und Steinstraße). Gerade auf letzteres Projekt trifft das nicht von allen geliebte Wort der "Nachverdichtung" zu. Mit geübtem Blick lässt sich da noch so einiges finden. Wenngleich zum Wohle des Zusammenlebens und des Stadtklimas der Grünflächen-Anteil immer stimmen muss.*Wer übers Bauen spricht, darf den Verkehr nicht vergessen. Seit einem Jahr nehmen Dortmunder Spezialisten die Situation in Gießen genau unter die Lupe und arbeiten an einem Verkehrsentwicklungsplan. Diese Woche wurde im Rahmen eines Online-Dialogs, an dem auch Bürger teilnahmen, ein erster Zwischenbericht vorgestellt. Dabei erfuhr man unter anderem, dass in unserer Stadt schon im Jahr 2018 auf 1000 Einwohner 424 Pkw kamen und es in jedem Haushalt 1,9 Fahrräder gab; Tendenz für beides steigend. Die Profis betrachten bei ihren jetzigen Beobachtungen vor Ort die Straßenverhältnisse aus den Augen unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer. Umso mehr darf man auf den Abschlussbericht und die Empfehlungen gespannt sein.*Seit dieser Woche steht er also, der Koalitionsvertrag der künftigen Stadtregierung aus Grünen, SPD und "Gießener Linke". Nach fast drei Monate langen Gesprächen einigten sich die Verhandlungsführer auf eine gemeinsame Marschroute für die kommenden fünf Jahre. Noch haben zwar nicht alle erforderlichen Parteigremien dem Vertragswerk zugestimmt, doch scheint das nur Formsache zu sein. Das aber hindert die künftigen und jetzigen Oppositionsparteien natürlich nicht daran, schon einmal ihre Meinungen kundzutun. Während sich Klaus Peter Möller (CDU) wundert, dass die Verhandlungen "von drei ähnlichen Partnern" überhaupt so lange gedauert haben, holen Andrea Junge und Darwin Walter (beide Die Partei) die "Kettensägen-Gerda" aus der Schublade raus. Von der FDP wiederum kritisiert Dominik Erb, dass es "nicht gut" sei, wenn "extremistische" Gruppen wie die "vom Verfassungsschutz beobachtete" DKP "in Regierungsverantwortung kommen". Das neue Bündnis war derweil auch in einer anderen wichtigen Sache nicht untätig: Der Antrag auf Abwahl von Bürgermeister Peter Neidel (CDU) wurde bereits in den parlamentarischen Geschäftsgang gebracht. Unter Berücksichtigung der Fristen und Sitzungstermine kann diese Abwahl allerdings erst am 30. September erfolgen. Dann wird der Unionspolitiker bereits wissen, ob er neuer Landrat wird oder nicht, denn letztere Wahl findet nur vier Tage vorher statt.*Unser Blick richtet sich am heutigen Samstagabend nicht nur nach München, wo die deutsche Nationalmannschaft im EM-Spiel gegen Portugal bestehen muss, sondern ebenso auf den Vorplatz des Universitäts-Hauptgebäudes in der Gießener Ludwigstraße. Dort steht - auch abhängig vom Ergebnis beim Fußballspiel - wohl die erste richtige Bewährungsprobe für die neuen Kontrollmaßnahmen durch Polizei und Ordnungsamt bevor. Nach der Randale-Nacht vom vergangenen Wochenende mit Schlägereien und unzähligen Scherben zerbrochener Flaschen dürfte es heute wieder allerlei Feierlustige dorthin ziehen. Wie aber bereits der Dienstagabend (EM-Spiel gegen Frankreich) bewies, zeigen die seit jenem Tag laufenden Maßnahmen Wirkung. Der in der Platzmitte geparkte Laster mit der mobilen Wache und das danebenstehende Einsatzfahrzeug wirken ja auch schon von Weitem ziemlich imposant, und wie die patrouillierenden Beamten wohl auch abschreckend. So machte am Dienstag wenige Stunden vor Anpfiff unter Studierenden und anderen das Gerücht die Runde, auf dem Vorplatz solle ein spontanes "Public Viewing" mit großer Leinwand stattfinden. Davon war dann aber nichts zu sehen. Womöglich hat sich da jemand einen Scherz geleistet. Wie auch immer, die verstärkte Präsenz von Ordnungskräften scheint, auch zur Freude der meisten Anwohner, zu funktionieren, jedenfalls bislang. Natürlich gibt es ebenfalls nicht wenige Stimmen, die eine solche Form der Überwachung strikt ablehnen (siehe dazu auch unsere heutige Hochschul-Seite 40). Zum Schluss dieser Kolumne bleibt mir nur noch übrig, uns allen heute einen schönen Abend zu wünschen, vor allem ergebnismäßig.

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