Stadtgespräch: Von "Drive-in's" und "Walk-in's", "Querdenkern" und einem riesigen Baum

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Gießen entwickelt sich allmählich zu einem Mekka der Corona-Testzentren. Nachdem es seit April monatelang nur das eine Testcenter in der Rivers-Sporthalle mit dazugehörigem "Drive-through" der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gab, sind diese Woche gleich zwei auf einmal dazugekommen: Zunächst am Montag in Kleinlinden mit der Adresse "Hinter dem Steinrücken 27" ein privat betriebener "Drive-in", und zwar den ersten seiner Art in Hessen, der noch dazu von einer Tierärztin ins Leben gerufen wurde.

Am Mittwoch dann folgte der "Walk-in", ein auf dem Parkplatz gegenüber der Hessenhalle 5 aufgestellter Container, der vom Gießener Labor Eluthia betrieben wird. Beide Initiatoren begründen ihr Engagement auch mit dem stark zugenommenen Andrang an der Rivers-Halle, wo zuletzt bis zu 500 Mund-Rachen-Abstriche täglich vorgenommen wurden. Die dort zuständige KV bewertet es auf Nachfrage des Schreibers dieser Zeilen zum einen "positiv, wenn sich viele daran beteiligen, die Krise zu bewältigen". Andererseits äußert man aber auch Bedenken, dass, "wenn jeder einen Test bekommt, der will, die Ressourcen anderswo fehlen". Der KV-Sprecher meint damit "knappe Ressourcen" wie Labore und Test-Kits, die etwa in Form von Schnelltests gerade in Einrichtungen wie Altersheimen oder Krankenhäusern dringend gebraucht würden. Dieser Einwand ist meiner Ansicht nach nicht unberechtigt. Denn während das Testcenter erst nach Abklärung der Symptome mit Hausarzt, Gesundheitsamt oder Ärztlichem Bereitschaftsdienst aufgesucht werden soll, ist das bei den beiden neuen Testzentren einfach so möglich. Und wir alle wissen ja, wie schnell so mancher Mitbürger bei einer laufenden Nase, Husten und leicht erhöhter Temperatur gleich an Grippe (Influenza) denkt, und in diesen Zeiten eben vor allem an Corona. Denn natürlich kann sich hinter den Symptomen auch mehr verbergen. Nicht zu vergessen all jene, die ohnehin dazu neigen, etwas ängstlicher zu reagieren. Es ist eben eine zwiespältige Geschichte. Hoffen wir, dass weiterhin ausreichend Testverfahren zur Verfügung stehen und die Hersteller bei der Produktion der Nachfrage hinterherkommen. Denn bis zum Corona-Impfstoff für jeden dauert es schon noch einige Zeit.*Die "Querdenker" sind nun auch in Gießen angekommen. Womöglich war der eine oder andere der Corona-Leugner und Maßnahmen-Kritiker schon vorher hier oder hat in der Universitätsstadt gar seinen Wohnsitz. Aber so prominent wie jetzt bei der Ringvorlesung des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität (JLU) sind die Mitglieder dieser Bewegung noch nicht in Gießen aufgetreten. Wobei der eigentliche Auftritt, der am Montagabend auf dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes in der Ludwigstraße geplant war, gar nicht erst zustande kam. Das nämlich verhinderten eine vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) organisierte Gegendemonstration und Sicherheitsleute der JLU, die die Protestler vom Betreten des Platzes abhielten. Im Zuge dessen soll es vonseiten der "Querdenker", die wie auch sonst meist ohne Mundschutz und ohne Abstand unterwegs waren, zu Beleidigungen und Handgreiflichkeiten gekommen sein. Versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, blieben erfolglos, wie auch der Anzeiger-Reporter erlebte, der vor Ort war. Der Hauptredner der Ringvorlesung war im Übrigen der eigentliche Grund, warum es die Protestler nach Gießen verschlagen hatte: Es sprach nämlich Prof. Lothar Wieler, TV-bekannter Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), also der Forschungseinrichtung, die den "Querdenkern" ganz besonders ein Dorn im Auge ist. Ihr Aufwand erwies sich aber als umsonst, denn Wieler hielt seine online von etwa 2400 Personen verfolgte Rede per Live-Schaltung von Berlin aus und war gar nicht erst nach Gießen angereist. Dumm gelaufen...*Dagegen geradezu vorbildlich gelaufen ist der Transport des diesjährigen Weihnachtsbaums für das "Elefantenklo". Stolze 2,3 Tonnen wiegt die riesige Nordmanntanne, die ein Allendorfer Paar aus seinem Garten gespendet hat. Per Autokran und mit Polizeibegleitung erreichte der Baum das Selterstor und wurde von einem eingespielten, weihnachtsbaumerfahrenen Team auf das Bauwerk gehievt. Dort soll er bunt geschmückt und mit seiner Beleuchtung weithin sichtbar ein wenig Festtagsstimmung in der Corona-getrübten dunklen Jahreszeit verbreiten. Es steht allerdings zu befürchten, dass er nicht so viele Bewunderer wie sonst finden wird, denn die Fußgängerzonen der Innenstadt sind häufig gespenstisch leer. Unsere dieswöchige Umfrage bei Einzelhandelsgeschäften zeigt, dass sich schon jetzt viele Inhaber Sorgen um das Weihnachtsgeschäft machen, in das sie große Hoffnungen setzen, mehr als je zuvor.

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