Stadtgespräch: Von Gesichtsmuskeln, verstörenden Erinnerungen und einem besseren Gefühl

  • schließen

Es gibt gewiss schönere Jubiläen, und zum Feiern besteht in diesem Fall erst recht kein Grund: Ein Jahr ist nun bereits vergangen, seitdem die Landesregierung erstmals eine Maskenpflicht für bestimmte öffentliche Orte angeordnet hatte. Aus diesem Anlass hörten wir uns bei Gießenern um, ob und wie sich durch die Mund-Nase-Bedeckung ihr Leben und ihr Berufsalltag verändert haben.

Dabei wurde vor allem ein Problem deutlich, das wohl so ziemlich alle umtreibt, egal, ob nun im Freundeskreis, in Geschäften und Schulen oder bei einer zufälligen Begegnung: Nicht mehr die komplette Mimik im Gesicht des Gegenübers erkennen zu können, ist eine schwere Einschränkung und wird von den meisten richtig vermisst. Macht man etwa einen Scherz, um die Stimmung in diesen doch ziemlich trostlosen Zeiten etwas aufzuheitern, geht das oftmals ins Leere. Denn die dann nach oben gezogenen Mundwinkel sind nicht zu sehen. Und obwohl an einem Lächeln angeblich bis zu 17 Gesichtsmuskeln beteiligt sein können, ist diese Absicht an den Augen höchstens zu erahnen. Mir jedenfalls ist das schon einige Male passiert, weshalb ich meinen zugegebenermaßen manchmal etwas merkwürdigen Humor nur noch sehr dosiert unter meine Mitmenschen bringe. Genauso schwierig ist es, zu erkennen, ob jemand das, was man ihm gesagt hat, auch wirklich verstanden hat. Zwei Beispiele, die zeigen, dass es allein schon wegen unser aller Gefühlsleben höchste Zeit ist, der Corona-Krise schleunigst ein Ende zu bereiten.*Die Fußgängerunterführung am Berliner Platz ist zwar schon länger gesperrt und auch aufgrund baulicher Veränderungen nicht mehr nutzbar. Trotzdem ist sie bei vielen Gießenern noch nicht aus dem Bewusstsein verschwunden. Was neben ihrer jahrzehntelangen Existenz auch daran liegen mag, dass sich der früher dort häufig herrschende beißende Gestank nach Urin und anderen Hinterlassenschaften quasi ins Gehirn eingebrannt hat. Womöglich hat die Stadt jetzt das geeignete Mittel gefunden, um diese verstörenden Erinnerungen loszuwerden. Ab Ende Mai nämlich will man mit dem Rückbau der ungeliebten Unterführung beginnen. Dazu gehört in erster Linie, die Treppe auf der Kongresshallen-Seite abzureißen und die Fläche oben zu verlängern sowie den Weg unter der Brücke entlang der Wieseck mit Wasserbausteinen zu verfüllen. Die Stahltreppe am Rathaus hingegen bleibt erhalten, schließlich muss man ja auch irgendwie runter zur steinernen Plattform am Wieseckufer gelangen. Wie viele diese Möglichkeit tatsächlich nutzen, um dem Wasser, der umliegenden Pflanzenwelt und tierischen Besuchern nahezukommen, ist eine andere Frage. Zumindest beim Warten auf den nächsten Bus dürfte das eine nette Abwechslung sein.*Noch vor drei Wochen musste ich an dieser Stelle monieren, dass das Sicherheitsgefühl von Radfahrern (zu denen ich auch selbst gehöre) auf Gießens Straßen nicht das Beste ist und es einiges zu verbessern gibt. Ein Eindruck, den der jüngste Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) bestätigte. Glücklicherweise mussten wir nicht lange warten, bis sich etwas tut. So hat die Stadt angekündigt, noch in dieser Woche in der Ludwigstraße im Abschnitt zwischen Riegelpfad und Leihgesterner Weg entscheidende Verbesserungen für den Radverkehr umsetzen zu wollen: bergauf einen Fahrradschutzstreifen mit Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos und bergab die Streichung aller Parkplätze. Wer die Verkehrsverhältnisse an diesem steilen und engen Straßenabschnitt kennt, wird mir zustimmen, dass das längst überfällig war. Obgleich ich persönlich nicht unbedingt den Wegfall aller Parkplätze auf einer Seite erwartet hätte. Wenn aber hier jemand seine Fahrzeugtür aufmacht, ohne im Rückspiegel auf jederzeit mögliche Radler von oben zu achten, kann das weitaus schlimmere Folgen als auf der Gegenseite haben. Nicht zuletzt aus eigenen Studienzeiten, als ich die Ludwigstraße allmorgendlich hochkeuchen durfte, weiß ich wie so viele andere aber auch, dass Radfahrer hier häufig bergab mit einem Affenzahn unterwegs sind, und das zumeist ohne Helm. Bei einem solchen Gefälle ein wenig kräftiger auf die Bremshebel zu drücken, finde ich daher für das Sicherheitsgefühl genauso wichtig.*Schließlich haben wir diese Woche noch gelernt, dass das Regierungspräsidium (RP) Gießen seit einem Jahr mit einem Lärmmessanhänger in Stadt und Land unterwegs ist. Dank modernster Technik kann man unter anderem Beschwerden aus der Bevölkerung nachgehen und die Lautstärke von Lärmquellen messen und somit objektiv beurteilen. Wer jetzt am Wochenende also eine (natürlich Corona-konforme) Grill-Party im Freien plant, sollte das unbedingt berücksichtigen. Denn der nächste Nachbar, der sich dadurch gestört fühlt, ist bekanntlich nie weit entfernt...

Das könnte Sie auch interessieren