Stadtgespräch: Von Politkrimis, dringend gesuchten Ideen und einer historischen Premiere

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In diesen Tagen und Wochen könnte man den Eindruck gewinnen, dass es in Gießen nur zwei Themen gibt, die beide mit den Finanzen der Stadt zu tun haben: Den Ärger rund um die Revisionsberichte 2017 und 2018 sowie das Greensill-Anlage-Debakel, das zehn Millionen Euro teuer werden könnte. Selbst Corona mit all seinen Auswirkungen steht da derzeit etwas im Schatten.

Die beiden Politkrimis im und rund um das Rathaus weisen die üblichen Zutaten auf, die es braucht, um die Stimmung immer weiter aufzuheizen: Zum einen Oppositionskräfte, die alle Geschütze auffahren und ihre Chance wittern, die Regierenden schlecht dastehen zu lassen, um selbst davon profitieren zu können. Und zum anderen Entscheidungsträger, die ihr Handeln rechtfertigen und das Eingestehen von etwaigen Fehlern tunlichst vermeiden, in der Hoffnung, ungeschoren davonzukommen. Diese Automatismen gehören wohl seit jeher zum Politikgeschäft einfach dazu. Sind allerdings auch ein Grund dafür, dass viele Außenstehende von solchen Auseinandersetzungen, gegenseitigen Vorwürfen und Machtspielereien auf öffentlicher Bühne irgendwann genervt sind oder sich gar längst von der Politik abgewandt haben. Daher kann man sich auch in den jetzigen Streitfällen nur ein schnelles Ende herbeiwünschen. Und eine lückenlose Aufklärung, mit der wirklich alle Beteiligten zufrieden sind. Allerdings lassen die Erfahrungen aus der Politik der vergangenen Jahrzehnte, sei es nun auf regionaler, Landes- oder Bundesebene, eher weiteres Ungemach und einen anderen Ausgang erwarten. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen...*Revisionsberichte und Greensill sind trotz der damit verbundenen Millionensummen eher Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, was Gießen in Sachen Verkehrswende und der bis 2035 angestrebten Klimaneutralität bevorsteht. Neben der Finanzierbarkeit wird es vor allem darum gehen, Lösungen zu finden, mit denen Befürworter wie auch Gegner auf Dauer leben können. Betrachtet man sich jedoch die Standpunkte, sind die Vorstellungen beider Seiten häufig (noch) viel zu weit voneinander entfernt, um überhaupt in die Nähe einer Einigung zu kommen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Philosophenstraße. Die trotz ihrer kurvigen, engen Streckenführung überaus beliebte Verbindungsstraße zwischen Ursulum und Wieseck sollte nach Ansicht vieler Verkehrswende-Aktivisten komplett autofrei sein. Das wiederum sei "utopisch", konterte diese Woche der Wiesecker Ortsvorsteher Michael Oswald die entsprechende Forderung auf der Radler-Demo am vergangenen Wochenende. Der CDU-Politiker warnt vor einer Verschiebung des Verkehrs in die Haupt- und Seitenstraßen Wiesecks, die auch jetzt schon teils stark ausgelastet sind. Dass die von der Stadt bereits beschlossene Schaffung eines Fuß- und Radweges entlang der Philosophenstraße beide Seiten zusammenbringen könnte, scheint indes genauso utopisch. Daher gilt auch hier: Verkehrsexperten vor, Ihr wart mit Euren Ideen noch nie so wichtig wie heute!*Man stelle sich das vor: Zum allerersten Mal in der bereits 414-jährigen Geschichte der Justus-Liebig-Universität (JLU) werden Frauen künftig im Präsidium in der Überzahl sein. Vorausgesetzt, die beiden vom Unipräsidenten vorgeschlagenen neuen Vizepräsidentinnen werden Ende Juni auch gewählt. Aber wer zweifelt schon daran. Drei Frauen und zwei Männer lautet dann das Geschlechterverhältnis im Fünfer-Gremium, zumindest bis zur nächsten Wahl. Dass diese historische Premiere lange überfällig war, muss man angesichts der über vier Jahrhunderte alten Hochschulgeschichte eigentlich gar nicht extra erwähnen. Ein richtiger Durchbruch wäre es aber erst dann, wenn auch endlich mal eine Frau das Amt der Unipräsidentin innehätte. Das wiederum dürfte wohl nur noch eine Frage der Zeit sein.*Die vielleicht schönste Nachricht dieser Woche war, dass sich die Bewohner von Senioreneinrichtungen über deutliche Lockerungen bei der Besuchsregelung freuen dürfen. Denn laut unserer Umfrage lag die Impfquote in den Gießener Altenwohnheimen zu Wochenbeginn bei etwas über 90 Prozent, bei den Mitarbeitern knapp darunter. Und so kann man sich lebhaft ausmalen, wie sich in diesen Tagen über Generationen hinweg Menschen in die Arme fallen, wie sich etwa manche Großeltern und Enkel nach weit über einem Jahr wiedersehen - und das nicht auf irgendeinem Bildschirm, sondern im realen Leben. Mit dieser schönen Vorstellung entlasse ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerne in dieses lange Pfingst-Wochenende. Doch halt, eine weitere positive Neuigkeit hätte ich jetzt fast vergessen: Restaurants, Kneipen und Bars, die über Außengastronomie verfügen, dürfen dort ab dem heutigen Samstag wieder Gäste empfangen. Natürlich nur unter strengen Hygieneauflagen, doch nach der monatelangen Zwangspause ist das schon fast ein Quantensprung.

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