Stadtgespräch: Von Verhältnismäßigkeit, drohenden Schließungen und den "Helau"-Regeln

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Wir alle regen uns über Corona, Impfungen, Einschränkungen und alles, was damit zu tun hat, mächtig auf. Und das oftmals zu Recht. Doch gilt es meiner Meinung nach, die Verhältnismäßigkeit zu sehen, gerade im Vergleich mit anderen Notlagen in der deutschen Geschichte. Auch, um einzuordnen, wie schlimm unsere derzeitigen Lebensumstände tatsächlich sind.

Was uns alles abverlangt wird und auf was wir verzichten müssen. Eine gute Gelegenheit, Vergleiche zu ziehen, bot diese Woche unser zweiseitiger Artikel über die mehr als 20 Briefe aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, die der Gießener Urenkel von seinem Vorfahren besitzt, der diesen Krieg als Soldat mitgemacht hat. Was der damals 23-Jährige, im Zivilberuf Schriftsetzer beim Anzeiger, schreibt, bietet einen ungefilterten und erschütternden Einblick in die Leiden und Entbehrungen der Menschen an der Front und in der Heimat. Doch auch die jüngere Geschichte gibt einiges her. Zugegeben, ein Vergleich zwischen Kriegen und einer Virus-Pandemie ist gewagt. Wenn man sich aber all das, was es in den vergangenen Jahrhunderten als Krisen gab, vor Augen führt und in Relation zu dem setzt, was wir jetzt seit fast einem Jahr erleben, sollte einen das doch ein wenig beruhigen und Mut machen, finde ich. Zumal mit dem heutigen Wissen gar nicht mal so viel nötig ist, um sich gegen das Coronavirus zu wehren und zu einem "normalen" Leben zurückzukehren. Jedenfalls solange sich möglichst so ziemlich alle an die Regeln halten. Und da gibt es noch einigen Verbesserungsbedarf.*Je länger Einschränkungen und Lockdown andauern, umso mehr Unternehmen und Geschäfte im Einzelhandel werden dem zum Opfer fallen. Auch über dem Süßwarenladen "Hussel" im Seltersweg schwebt seit dieser Woche das Damoklesschwert der Schließung. Die Deutsche Confiserie Holding GmbH (DHC-Gruppe), zu der die Filiale gehört, hat die vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Was das im Detail bedeutet, wissen wohl nur Juristen und Ökonomen. Daher halten wir Nicht-Geschäftsleute uns an die ergänzende Aussage der Unternehmenssprecherin, demnach sich für den "Hussel"-Standort Gießen "aktuell nichts ändert". Als Lebensmittelhandel - dass auch Süßigkeiten zu dieser Kategorie gehören, dürfte wohl so manchen Eltern nicht gefallen - hat man auch jetzt weiter geöffnet und bietet zusätzlich einen Lieferservice an. Leider lässt die Kundenzahl angesichts der nahezu leeren Fußgängerzonen sehr zu wünschen übrig, was sich wiederum beim Umsatz niederschlägt. Wie die Zukunft der Filiale aussieht, hänge zum großen Teil vom weiteren Verlauf der Pandemie ab, heißt es. Ähnlich dürfte es bei der "Parfümerie Douglas"-Kette aussehen, deren Geschäft sich ebenfalls im Seltersweg befindet. Dass laut Medienberichten dieser Woche bundesweit 50 Filialen geschlossen werden sollen, wird von "Douglas" auf Nachfrage des Anzeigers nicht bestätigt. Zwar räumt die Konzernsprecherin ein, "dass wir im Rahmen unserer Unternehmensstrategie und vor dem Hintergrund eines durch die Corona-Pandemie veränderten Marktumfelds unser Filialnetz einer Analyse unterziehen", doch seien "finale Beschlüsse", welche Standorte wegfallen könnten, noch nicht getroffen worden. Die in anderen Medien erschienenen Berichte bezeichnet man als "Spekulationen" und möchte sie "nicht kommentieren". Diese Zurückhaltung könnte zum Teil auch daran liegen, was zu Beginn des zweiten Lockdowns Mitte Dezember geschehen war: Damals hatte die Parfümeriekette etwa ein Viertel ihrer 450 Filialen zu "Drogerien" umdeklariert, um sie weiter offenhalten zu können. Nach reichlich Kritik nahm man diese Entscheidung aber schnell wieder zurück. Es ist zu vermuten, dass auch so mancher Kunde nicht allzu begeistert von diesem Versuch war, den Lockdown zu umgehen.*Wäre das Virus SARS-CoV-2 nicht über uns hereingebrochen, würden in diesen Tagen und Wochen zahlreiche Faschings-Veranstaltungen über die Bühne gehen. Ich selbst kann zwar mit der "Fünften Jahreszeit" nicht (mehr) ganz so viel anfangen, kenne aber einige Leute, die das närrische Treiben und die Ausgelassenheit während der Kampagne schwer vermissen. Bei der Gießener Fassenachts-Vereinigung (GFV) hat man sich durch die Absagen nicht davon abhalten lassen, auch diesmal die "Narrentrommel" herauszubringen. Das alljährlich erscheinende Magazin bietet auf 32 Seiten einen für die Aktiven wohl eher wehmütigen Rückblick auf die Kampagne 2019/20, die noch vor Ausbruch der Pandemie zu Ende gebracht werden konnte, wie GFV-Präsident Arndt Niedermayer im Vorwort in Erinnerung ruft. In Verbindung mit einem zünftigen "Helau", das er im beiliegenden Anschreiben in schönstem Gießener Platt Corona-mäßig angepasst hat. So stehen die fünf Buchstaben des Faschingsgrußes laut Niedermayer für: "Händ' wasche", "Epp runnerlade", "Lappe vor die Schnud", "Abstand halde" und "Unnödische Treffe vermeide".

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