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Statt Urlaub ein nasses Grab

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»Zur guten Erinnerung an Deinen Sohn«, widmete Albert Mehl diese undatierte Aufnahme in seiner Marine-Uniform seiner Mutter. © Archiv Mehl

Gießen. Als der 8. März 2022 so langsam näherrückte, da war es lange nur ein persönlicher Gedenktag. Mit universellem Ansatz zwar, und trotz der individuellen Betroffenheit eher allgemeingültig und zeitlos angelegt. Nach der jüngsten Entwicklung im Osten Europas und spätestens nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar haben die nachfolgenden Zeilen ungeahnte Aktualität gewonnen.

Denn der Albert Mehl, an den hier erinnert werden soll, steht auf einmal stellvertretend da.

Nicht nur für den von Buffy Sainte-Marie und Donovan einst besungenen »Universal Soldier«, sondern erst recht für die vielen Toten, die seit dem verabscheuungswürdigen Angriff der russischen Streitkräfte auf das Nachbarland auf beiden Seiten ums Leben gekommen sind. Und stellvertretend für die vielen Männer, Frauen und Kinder, die noch sterben werden. Sinnlos! In diesem Falle für die kaum nachvollziehbaren Großmachtansprüche Wladimir Putins und seiner Clique.

Die gestorben sind und weiter sterben werden wie Albert Mehl. Er wäre heute, am 8. März 2022, 100 Jahre alt geworden. Nur noch ganz wenige Menschen können sich an ihn erinnern. Auch der Autor dieser Zeilen, nicht nur durch den Namen, auch als Neffe untrennbar mit ihm verbunden, hatte keine Chance, ihn kennenzulernen.

Dieser Albert Mehl hatte, so heißt es so bitter-schön, sein Leben noch vor sich, als es am 12. Dezember 1944 abrupt beendet wurde. Wenige Wochen und Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Gerade einmal 22 Jahre alt wurde der am 8. März 1922 in Holzheim geborene erste Sohn der Eheleute Heinrich Mehl und Antonie Mehl, geborene Kutscher. Seine Überreste liegen irgendwo im Ostsee-Wasser der Danziger Bucht. »Es besteht keine Hoffnung, dass noch jemand geborgen wird«, schrieb am 14. Dezember 1944 der Chef der Dienststelle der Marine an seine Mutter, meine Großmutter.

Anhand der wenigen überlieferten Fotos und schriftlichen Zeugnisse können wir davon ausgehen, dass der eher schmächtig wirkende, blonde junge Mann bei durchweg guten bis durchschnittlichen Zeugnisnoten über besondere Talente in der Musik und im Sport verfügte, vornehmlich im Turnen und der Leichtathletik. An die sieben Jahre in der Volksschule in Holzheim schlossen sich bis zum Frühjahr 1939 eine Lehre in den Butzbacher Werken für Eisenverarbeitung (landläufig bekannt als »Bamag«) samt drei Jahre gewerbliche Berufsschule Butzbach an.

Und dann kam der Krieg. Als Maschinengefreiter auf dem schweren Kreuzer »Admiral Hipper« wurde Albert Mehl 1943 zunächst das Eiserne Kreuz 2. Klasse und dann das Flotten-Kriegsabzeichen verliehen. Doch er war kein Held, sondern ein Opfer. Der nasse Tod ereilte ihn als Maschinenmaat ganz profan bei einer Übungsfahrt in einem U-Boot in der Danziger Bucht. »Das Boot wurde am 12. 12. morgens bei völliger Dunkelheit und schwerem Seegang von einem Überwasserfahrzeug gerammt. … Das Boot ist kurz nach der Kollision schnell gesunken. Es liegt auf großer Wassertiefe, sodaß an eine Bergung nicht zu denken ist«, hieß es in der offiziellen Mitteilung an seine Mutter.

In zwei Briefen kurz vor seinem Tod an Antonie Mehl steht Sohn Albert noch voll im Leben. »Ich hatte ja eigentlich vor, einmal an Land zu gehen, aber bei diesem Wetter ziehe ich aber die warme Stube vor. Am Nachmittag habe ich Strümpfe gestopft und jetzt spielen wir Skat«, heißt es beispielsweise in den Zeilen vom 3. Dezember 1944. Und der Brief vom 9. Dezember (drei Tage vor der verhängnisvollen Übungsfahrt) ist noch von der leisen Hoffnung auf Urlaub getragen; sowie von besonderen Grüßen an seinen jüngeren Bruder Ewald. Und, zur Beruhigung der Nachgeborenen und des Neffen, keine Zeile mit Durchhalteparolen, keine von der nationalsozialistischen Ideologie geprägten Worte auf dem noch gut erhaltenen Briefpapier mit der klaren Handschrift.

Stattdessen Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte eines jungen Mannes, der sich seine Jugendjahre bestimmt anders vorgestellt hatte als sie im Krieg zu verbringen (und darin umzukommen). Gedanken und Wünsche und Sehnsüchte, die auch die jungen Soldaten nicht weit im Osten Europas begleiten, die jetzt wieder diesen verwerflichsten aller Tätigkeiten des Menschen nachgehen müssen. Dem Krieg führen. In der Regel nicht auf eigenen Wunsch, sondern auf Befehl der politisch Verantwortlichen. Und mit Waffen, die auch in unseren Waffenschmieden hergestellt werden.

Sich dessen immer wieder klar zu werden und dies klarzumachen, dazu helfen vielleicht solch kleine Gedenktage wie der 8. März 2022 mit der Erinnerung an Albert Mehl. Wenn an keineswegs namenlose und anonyme Soldaten und Zivilisten erinnert wird, sondern an junge Menschen mit Name, Gesicht und Geschichte. Wie an den am 8. März 1922 in Holzheim geborenen Albert Mehl. Meinen Onkel.

Und trotz allen Zorns auf Wladimir Putin und seine Schergen lohnt es sich an diesen Gedenktagen. Offensichtlich werden sie nie ein Ende haben, sich die Liedzeilen von Hannes Wader aus »Es ist an der Zeit« zu vergegenwärtigen:

Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?

Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt

Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeien

Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen

So wie sie es mit uns heute immer noch tun

Und du hast ihnen alles gegeben:

deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

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