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Stattlicher Andrang bei »Exbodiment«

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Sinead O’Donnell baut einen Berg aus Stühlen, was nicht nur optisch, sondern auch akustisch Wirkung erzeugt. Foto: Schultz © Schultz

Der Norweger Kurt Johannessen und die Irin Sínead O’Donnell erfüllten zwei unterirdische Gelasse mit sehr ordentlicher Spannung. »Exbodiment« hieß das und fand zum dritten Mal statt.

Gießen . Die Sache mit den ungewöhnlichen Performances in den Kellern des Hardthofs geht weiter. Jetzt schritten der Norweger Kurt Johannessen und die Irin Sínead O’Donnell zur Tat und erfüllten zwei unterirdische Gelasse mit sehr ordentlicher Spannung. »Exbodiment« hieß das und fand zum dritten Mal statt. Der Andrang war stattlich.

Dr. Nadia Ismail, Kuratorin der Kunsthalle, eröffnete: »Ein besonderes Anliegen O’Donnells stellen die Bedeutung und Folgen von körperlicher und mentaler Abweichung in einer neurotypischen Welt dar. Ein selten behandeltes Thema in der Bildenden Kunst«, sagte sie. »Die Reihe ›Exbodiment‹ soll zur Auseinandersetzung mit Kunst von heute anregen. Dass dies hier eingelöst werden kann und wir dem Publikum auch während des Umbaus in der Kunsthalle ein derartiges Programm bieten können, freut uns sehr.« An der Realisierung der Reihe wirkt auch das Kölner Archiv für Performancekunst, »Die schwarze Lade«, mit. Ismail begrüßte nach den Danksagungen auch eine Delegation der Stadtverwaltung von Swakopmund, Namibia.

Dieter Hoffmeister, zweiter Vorsitzender des Vereins Unterer Hardthof, wies auf das Aufkommen der Performancekunst in den USA hin und betonte deren Einmaligkeit ohne Überbleibsel. Und erinnerte: »Der Hardthof konnte noch jeden Künstler begeistern.«

Tarika Yohar, die Kuratorin der Reihe, sah in den gastierenden Künstlern »zwei gegensätzliche Energien zusammengekommen. Das Zusammenbringen und auch Aushalten des Widerstreitenden scheint immer wichtiger in unserer Gegenwart, in der häufig absolute Spaltung oder absolute Einigkeit vorherrschen.« Das war in mehrerer Hinsicht treffend gesagt, denn die beiden Performer konnten, obgleich diesmal voll bekleidet, kaum unterschiedlicher agieren.

Der Norweger Johannessen, im dunklen Anzug, setzte eine bedachtsame und behutsame Installation um, bei der er von diversen Garnrollen Fäden abwickelte und über aufgehängte Ösen umlenkte und schließlich an kleinen Steinbrocken befestigte. Toneffekt: Ein deutliches »Klonk!« in der Stille beim Umkippen. Am Boden lagerten einige runde Flächen, denen er sich bedachtsam näherte, während er neue Fäden anbrachte und sie in den Raum hinein gleichsam ausspann. Man konnte sie allerdings wegen der Lichtverhältnisse kaum sehen. Und dann wurde aus den gebrauchten Garnrollen ein kleiner Turm errichtet. Dabei hatte man sich noch einmal ein anderes Verhältnis zur vergehenden Zeit zugelegt; kraftvoller, langer Applaus. Ein beruhigendes, konzentrationsförderndes minimalistisches Erlebnis von etwa einer halben Stunde, das beim Betrachter keine dauernden Gefühle hinterließ, nur im Keller erstreckten sich hinterher ein paar Fäden.

Ganz anders, selbstbewusst und bestimmend, trat die Irin Sínead O’Donnell auf (»Die weltweite Performance-Community bei Instagram und Facebook ist auf den Auftrittsort sehr neidisch«). Sie trug ein robustes rotes Kleid und hatte in ihrem Raum an einer Wand eine Reihe von etwa 25 Stühlen aufgebaut. Mit einem starken Stab in der Hand durchschritt sie barfuß energisch den feuchten Saal und schuf mit wenigen Worten die Anmutung einer schulischen Situation. Anschließend steckte sie sich zehn Kartoffeln auf die Finger und plauderte ein bisschen mit den Besuchern, um sich dann, die gemauerte Wand gleichsam angreifend, quer über die Stühle zu bewegen. Dann eine Schalldemonstration: O’Donnell setzte mit einem Ausruf jeden Stuhl noch einmal mit einem durchdringenden Krachen auf den Boden. Sodann baute sie an einem Ende des Kellers eine Art Stuhlberg von beachtlicher Größe, bis erst ein Stuhl abstürzte und sich schließlich das ganze Gebilde zerlegte. Im abschließenden Akt schob sie das Ganze mit Getöse ans andere Ende des Raums, was nicht leicht aussah, und ließ die »Trümmer« dort liegen. Noch ein paar Worte jeweils direkt zu den Besuchern, dann ging sie ins Nebengelass ab: allgemeine Heiterkeit und sehr starker Beifall.

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