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Sternchen des Anstoßes an JLU

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Weil er in einer Seminararbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der JLU Gießen nicht gegendert hat, bekommt ein Student einen Punktabzug.

Gießen . Leon Berger fühlt sich ungerecht behandelt: Neun Punkte für seine Seminararbeit erscheinen ihm zu wenig. Um der Sache auf den Grund zu gehen, bat Berger, der am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Uni (JLU) studiert, den Dozenten um Erläuterung der Notenvergabe. Die inhaltlichen Defizite, die der Kursleiter anführte, konnte der junge Mann zwar nachvollziehen. Doch außerdem bemängelte der Dozent im Gespräch auch fehlerhaftes Gendern, was er mit einem weiteren Punktabzug ahndete. Und das findet Berger, der in Wirklichkeit anders heißt, nicht in Ordnung.

Konkret hatte er an fünf Stellen in seinem sechsseitigen Essay das generische Maskulinum verwendet - beispielsweise »die Schüler« geschrieben statt »die Schüler*innen«. Ansonsten habe er sich um geschlechtergerechte Sprache bemüht und von »den Lehrenden« gesprochen und nicht von »den Lehrern«. Da ihm bewusst war, dass er während seines Studiums noch die eine oder andere Veranstaltung des Dozenten werde besuchen müssen, vermied der Student die Konfrontation, obwohl er das Gendern in der vom Seminarleiter offenbar erwarteten Form ablehnt.

Auf Anfrage erklärte sich der Dozent zunächst bereit, in einem Gespräch zu erläutern, weshalb er anscheinend die Verwendung geschlechtergerechter Sprache in die Bewertung einbezogen hat. Dann sagte er den Termin aber kurzfristig ab, da das Thema »universitätsintern derzeit auf verschiedenen Ebenen diskutiert« werde.

Das Präsidium der Universität hat von Vorgaben für eine geschlechtergerechte Sprache nach eigenen Angaben bisher abgesehen. Man sei der Überzeugung, dass die Verwendung von Sprache sehr individuell und allzu häufig auch emotional besetzt sei, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme zur Begründung. Das Präsidium achte selbst - etwa in Rundmails oder zentralen Publikationen - auf die sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter. Dabei lasse man sich vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim beraten.

Sprache verändere sich, dem müsse auch die Hochschule Rechnung tragen. Explizite Regelungen für Prüfungsverfahren bestünden nicht. Bei der Nennung von Personengruppen werde Wert daraufgelegt, sowohl die männliche als auch die weibliche Bezeichnung zu verwenden, falls keine geschlechtsneutrale Lösung wie »Studierende« zur Verfügung steht: Es heißt dann also in den Texten »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler« oder »Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter«. Bei institutionalisierten Bezeichnungen (wie »Lehrerbildung« oder »Mitarbeiterparkplatz«) seien zugunsten des Leseflusses Ausnahmen möglich.

Keine Empfehlung für das Sternchen

Das Präsidium achtet laut eigener Aussage darüber hinaus auf die sprachliche Berücksichtigung von Personen, die sich nicht binär einem Geschlecht zuordnen, und bemüht sich um pragmatische Lösungen. So wurde etwa die Anrede »Sehr geehrte Damen und Herren« bei den Rundschreiben des Präsidiums vor einiger Zeit in »Sehr geehrte Mitglieder und Angehörige der JLU« geändert. »Wir orientieren uns in diesem Kontext auch am Deutschen Rechtschreibrat, der bislang keine Empfehlung zur Verwendung des Gendersternchens ausgesprochen hat«, teilt das Präsidium mit.

Ein ähnlicher Fall wie der von Leon Berger hatte sich an der Universität Kassel ereignet. Auch dort hatte ein Dozent einen Studenten mit Punktabzug bestraft, weil er in einer Studienarbeit das generische Maskulinum angewandt hatte - er Frauen »mitgemeint«, aber nicht ausdrücklich angesprochen hatte. Darüber beklagte sich der Lehramtsstudent öffentlich.

In dem Rechtsgutachten, das die Hochschule daraufhin in Auftrag gab, kommt der Staats- und Verfassungsrechtler Michael Sachs von der Universität Köln zu dem Schluss, dass Dozenten unter bestimmten Bedingungen den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache durchaus benoten können. Voraussetzung sei allerdings ein hinreichend fachlicher oder berufsqualifizierender Bezug zur konkreten Prüfung. Dagegen lehnt Sachs es ab, geschlechtergerechte Sprache als allgemeines formales Kriterium für Prüfungsnoten heranzuziehen. Zur Begründung führt er an, dass das Gendern nicht in gleicher Weise anerkannt sei wie die Regeln für Grammatik und Rechtschreibung.

Mit dieser Einschätzung dürfte Sachs das aussprechen, was die Mehrheit der Bevölkerung denkt. Laut einer Umfrage von Infratest-Dimap für die »Welt am Sonntag« aus dem vergangenen Jahr halten 65 Prozent der wahlberechtigten Deutschen nichts von einer geschlechterneutralen Sprache. Ihr zunehmender Gebrauch in Medien hat die Akzeptanz offensichtlich nicht erhöht. Im Gegenteil: Gegenüber 2020 stieg die Ablehnung um neun Prozentpunkte. Bemerkenswerterweise erstreckt sie sich - in unterschiedlich starker Ausprägung - über alle Generationen und Geschlechter.

Ablehnung in Bevölkerung

Andere Erhebungen sehen sogar noch eine deutlich schärfere Gegnerschaft. So befürworteten 53 Prozent der Teilnehmer einer repräsentativen Umfrage für den »Spiegel« ein Verbot der sprachlichen Gleichbehandlung aller Geschlechter für staatliche Stellen. Außerdem halten die meisten Deutschen die Diskussion über geschlechtergerechte Sprache für weniger oder gar nicht wichtig: Laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa sehen 82 Prozent dies so.

Leon Berger will keine Grundsatzdiskussion führen. Er sei pragmatisch veranlagt. »Freiwillig« würde der angehende Berufsschullehrer mit technisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung allerdings nie gendergerechte Sprache verwenden, nur »notgedrungen«. Schon allein nicht, weil sie seiner Ansicht nach den Rede- und Lesefluss stört. »Wenn jemand so spricht, dann versuche ich, darüber hinwegzuhören«, sagt er.

»Angesichts der Herausforderungen, vor der unsere Gesellschaft steht - zum Beispiel die demografische Entwicklung und der Klimawandel - halte ich das für ein Luxusproblem. Außerdem: Mit welcher Berechtigung will eine lautstarke Minderheit der Mehrheit vorschreiben, wie sie zu reden hat?« In seinem persönlichen studentischen Umfeld mache man sich darüber lustig, wenn ein Dozent in seiner Vorlesung oder seinem Seminar konsequent gendergerecht spricht.

Am meisten stört Berger, dass jeder Kursleiter im Fachbereich »sein eigenes Süppchen kocht«. Es gebe auch welche, die bei der Frage nach geschlechtergerechter Sprache nur abwinken. Für die Studierenden sei das »überaus lästig« und führe zu Verunsicherungen. Bevor sie die erste Zeile einer Arbeit schreiben, müssten sie erstmal herausfinden, welche Art von Sprache seitens der Kursleitung präferiert werde. Im Unterricht an der Berufsschule müsse er glücklicherweise nicht gendern.

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