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Strafbar am eigenen Gewissen

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Von: Thomas Wißner

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Die Kundgebung vor dem Rathaus befasste sich mit den Themen WM-Boykott und Menschenrechten im Iran. Fotos: Wißner © Wißner

Stergios Svolos hatte zur Kundgebung zum Thema WM-Boykott und Menschenrechte im Iran eingeladen, die von Grünen, SPD und Linke politische Unterstützung erfuhr, und fand deutliche Worte

Gießen . Stell Dir vor, es ist WM - und keiner schaut zu. Diese Version der bekannten Parole der Friedensbewegung passt bestens zur Thematik jener Kundgebung vor dem Gießener Rathaus, die am gestrigen Abend 70 Menschen zusammenführte. Stergios Svolos hatte zu der Doppel-Kundgebung zum Thema WM-Boykott und Menschenrechte im Iran eingeladen, die von Bündnis90/Die Grünen, SPD und Die Linke auch politische Unterstützung erfuhr.

Vor dem Podium auf dem Rathausvorplatz war mit Lichtern »Kurdistan« aufgestellt und auch hierzu wurde bei der rund einstündigen Kundgebung Stellung bezogen. »Heute spielte der Iran, der auf seine eigene Bevölkerung schießt, Fußball bei der Fußball-WM in Katar, die auf den Rücken von unseren Menschenrechten erbaut worden ist. Jeder, der die WM dieses Jahr nicht boykottiert, der macht sich strafbar an seinem eigenen Gewissen. Ich verurteile jeden Unternehmer hier bei uns in Gießen, der die WM ausstrahlt. Besonders verurteile ich die Hessenhallen GmbH, die nicht nur wegen der Waffenmesse massiv in der Kritik steht, sondern auch es zulässt, in einem Großformat Public Viewing anzubieten in ihren Räumlichkeiten. Wenn eine ganze Stadt keine öffentlichen Plätze zur Verfügung stellt und das darauf kommerzielle Betreiber es trotzdem machen, dann hat das Wort Moral keine Bedeutung mehr«, so Svolos.

Werte passen nicht zusammen

Henrik Holes versicherte, als Fußballfan bisher stets Europa- und Weltmeisterschaften verfolgt zu haben, »aber in diesem Jahr bin ich wütend und enttäuscht. Ich frage mich, wie Katar und die Werte und Gefühle, die der Fußball vermitteln soll, zusammenpassen?« Bereits bei der Vergabe 2010 sei die Kritik groß gewesen, doch nichts habe sich geändert, verwies er auf die bis zu 15 000 Toten im Zusammenhang mit Bauten zur Fußball-WM, ging auf die umstrittene Aussage des WM-Botschafters Khalid Salman zur Homosexualität ein und prangerte an, das alle Werte, wofür der Fußball eigentlich steht in Katar mit Füßen getreten werden. »Das ist nicht mein Fußball, das ist nicht meine WM! Lasst uns gemeinsam ein Zeichen setzen für Menschenrechte, im Iran, in Katar und überall auf der Welt.«

Natalie Madjidian stellte sich als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters, in Deutschland geboren und aufgewachsen und vielfach im Iran zu Besuch, vor. In ihrer Rede machte sie deutlich, dass nicht der Tod der 22 Jahre alten iranischen Kurdin Mahsa Amini in Polizeigewahrsam Mitte September der Auslöser sei, sondern vielmehr das Fass zum Überlaufen gebracht habe. »Menschen gehen auf die Straße, weil die Polizei im Iran nur ein weiterer Apparat des Unterdrückerregimes ist. Die Menschen gehen auf die Straße, weil man als Musiker, der ein kritisches Lied veröffentlicht, sofort im Foltergefängnis landet, weil politische Gefangene unter Todesqualen gezwungene Geständnisse abgeben müssen. Vor allem Mädchen gehen auf die Straße, weil sie den Wind in ihren Haaren spüren möchten.«

Bereits 1979, zu Beginn der islamischen Republik, seien Frauen auf die Straße gegangen, um gegen das bevorstehende Kopftuchgebot zu protestieren. »44 Jahre von Terror und Gräueltaten des Regimes sind vergangen und die mutigen Frauen, die man im Iran ›Shirzan‹ (Löwenfrauen) nennt, gehen wieder auf die Straße.« Diesmal nutzen sie den Slogan »kein Kopftuch, keine Kopfschläge nur Freiheit und Gleichheit«.

Auf die 2:6-Niederlage des Iran im Auftaktspiel ging als einziger ihr Vater ein, bekundete seine Freude darüber, dass der Iran verloren habe, denn was in Katar passiere, sei unmöglich. Die lange Dauer dieses System müsse er jedoch auch den Grünen ankreiden, die er seit 2015 nicht mehr wähle, nachdem Claudia Roth mit Kopftuch in Teheran erscheinen ist.

Auf den Konflikt mit den Kurden ging ein weiterer Redner ein, der versicherte, dass es keinesfalls die Absicht der Kurden sei, das Land zu spalten, vielmehr gehe es gegen das Regime und dazu solle auch Deutschland einen Beitrag leisten und das iranische Konsulat hier nicht schließen lassen.

»Mein Name ist Stefan Häbich, ich bin Industriemechaniker, Vertrauensperson der IG-Metall an meinem Arbeitsplatz, Vorsitzender der Linken in Gießen und gewählter Mandatsträger hier in der Stadtverordnetenversammlung. Weshalb ich diese Selbstverständlichkeit der Dinge hier erwähne, dafür gibt es einen bestimmten Grund, denn im Iran oder Katar kann ich das niemals machen, ohne um mein Leben zu fürchten. Ich bin schwul«, bekundete Häbich und rief die Bundesregierung dazu auf, dass Menschen, die aus dem Iran vor Gewalt und Verfolgung flüchten, einen sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland bekommen.

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Viele Teilnehmer verleihen ihrer Haltung mit Plakaten Ausdruck. © Thomas Wißner

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