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Strahlende Schönheiten

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Ihr Ziel ist ein »Zustand, der dem Original am nächsten kommt«: Restauratorin Sabine Kuypers zwischen historischem Porträt und aktuellem Röntgenbild im Alten Schloss. © Schultz

Die Biebertaler Restauratorin Sabine Kuypers berichtete über das Röntgen und Restaurieren zweier Kunstwerke aus dem Oberhessischen Museum in Gießen.

Gießen. In einer aktuellen Kabinettausstellung zeigt das Oberhessische Museum eine Reihe wertvoller Gemälde, die dem Haus im vergangenen Jahr als Schenkung aus Privatbesitz überlassen wurden. Da die Werke jedoch renovierungsbedürftig waren, wurden sie vor einigen Monaten mithilfe von Röntgenstrahlen professionell untersucht. Die Biebertaler Restauratorin Sabine Kuypers gab nun bei einem Vortrag spannende Einblicke in ihre Arbeit und ihre Methoden.

Bei der Schenkung handelt es sich um fünf Porträts der Gießener Ratsherren- und Postmeisterfamilie Kempff. Museumsleiterin Katharina Weick-Joch berichtete zunächst, wie ihr Team mit zwei der Bilder ins Frankfurter Städel gefahren ist, um sie im dortigen Röntgenapparat untersuchen zu lassen. Sabine Kuypers hat die Arbeiten in ihrer Werkstatt »Art Erhaltung« in Biebertal-Fellingshausen anschließend überarbeitet, wie sie in ihrem Vortrag erläuterte.

Bei ihrer Arbeit geht sie nahezu kriminalistisch vor, vor allem jedoch systematisch. Es beginnt mit einer Voruntersuchung des gesamten Werks, zum Teil unter dem Mikroskop, einschließlich des Rahmens. Der ist manchmal, so auch hier, schwer beschädigt, etwa aufgrund von fehlerhaften Restaurierungen in der Vergangenheit. Kuypers nimmt dann einen Silikonabdruck und gießt ihn mit hartem Material aus - man denkt an den Gips in Fußspuren beim »Tatort« - und formt den fehlenden Teil originalgetreu nach. Dann wird er neu lackiert.

Zunächst stellt die Restauratorin allerdings fest, woher und von wem die Werke stammen, wie sie aufgebaut sind und ob es sich um ein Original oder eine Fälschung handelt. Denn zwar sind fast alle Bilder auf der Rückseite beschriftet, »aber das muss nicht stimmen«. Zu den häufigsten Schäden der Bilder zählen Schmutz sowie Kratzer und Altersrisse (»Craquelé«). Hinzu kommen eine gewölbte Leinwand oder abbröckelnde Farbe. Auch das Verschwinden der Goldschicht auf dem Rahmen gehört dazu. »Meistens unten. Da wird feucht gewischt und die goldhaltige Farbe allmählich abgetragen. Die ist nämlich wasserlöslich.«

Die im Alten Schloss präsentierten Bilder sehen inzwischen aus, als hätten sie gerade erst das Atelier verlassen: strahlend schön. Zum einen handelt es sich um ein Porträt Maria Katharina Kempffs, der Ehefrau des ersten Postmeisters von Gießen, Philipp Heinrich Kempff (1729-1801). Gemalt wurde es von Carl Friedrich Trautschold, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Zeichenlehrer an der Gießener Universität tätig war. Das zweite Werk zeigt ihre Schwester Marie Sophie Louise Kempff, und stammt, wie Kuypers vermutet, vom Gießener Kunstmaler Johann Nikolaus Reuling.

Handschrift des Künstlers

Interessant war die Gegenüberstellung der Werke mitsamt ihren aufschlussreichen Röntgenaufnahmen. Auch der Laie erkennt, wo viele Änderungen und Retuschen an den Werken vorgenommen wurden. Jeder einzelne Nagel ist zu erkennen, ebenso Änderungen am Rahmen. Besonders wichtig sind die Erkenntnisse über fehlerhafte Ausbesserungen. Am Röntgenbild von Maria Katharina Kempff fällt eine weiße Fläche an ihrer Unterlippe auf. »Da wurde fehlerhaft restauriert«, erläuterte Kuypers, »das musste ich abtragen.« Und dabei Schutzkleidung anlegen, denn das im 19. Jahrhundert einzige in Europa verwandte Pigment namens Bleiweiß war hochgiftig, verursachte beim häufig unsachgemäßem Gebrauch gesundheitliche Schäden und ist längst verboten. Ab 1850 trat Zinkweiß an seine Stelle, 1938 kam dann Titanweiß.

Generell ist die kunsttechnologische Untersuchung der Bilder eine wissenschaftliche Arbeit. Benutzt wird UV- und Infrarot- sowie natürlich die vor 125 Jahren von Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte Röntgenstrahlung. »Röntgenbilder machen die Handschrift eines Künstlers sichtbar,« berichtete die Restauratorin, »eventuell auch seine Echtheit.« Das Verfahren liefert »weitere Indizien«, etwa über »Alter, Technik und Malweise des Künstlers.«

Das Ziel der erfahrenen Expertin »ist ein Zustand, »der dem Original am nächsten kommt«. Ein weites Feld. Schmunzelnd bemerkte sie, dass Leonardo Da Vincis Abendmahl »zu 90 Prozent aus Retuschen besteht«. Ihr Hauptziel sei, »den Verfall zu verlangsamen«, wobei Klima und Beleuchtung Hauptfeinde sind. »Die Schwankungen in einer Kirche tun Bild und Rahmen nicht gut«).

Die Kunst selbst nimmt die Biebertalerin nach zahlreichen Restaurierungen nicht mehr so intensiv zur Kenntnis, aber »über ein tolles Gemälde kann ich mich immer noch freuen«.

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