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Streit um Deutungshoheit von Fakten

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Die Proteste wegen der Reaktorkatastrophe in Fukushima halten auch nach über zehn Jahren noch an. Symbolfoto: dpa © Red

»Die Macht der Zahlen«: Prof. Joachim Breckow, Strahlenforscher an der THM in Gießen, bewertet die Entwicklungen vergangener Jahre mit Begriffen wie »postfaktische« und »alternative Fakten«.

Gießen . Zahlen gelten als Inbegriff des Objektiven und des Überprüfbaren. Darüber hinaus können sie auch Bestandteil von vermeintlich unbestreitbaren Fakten sein. Oft schon wurde allerdings in den letzten Jahren das »postfaktische Zeitalter« proklamiert. Inwieweit bestimmen also noch die Fakten ein Narrativ, oder bewertet und selektiert ein Narrativ bereits seine eigenen Fakten? Dieser und weiteren Fragen ging Prof. Joachim Breckow in seinem Onlinevortrag auf den Grund. Der langjährige Leiter des Instituts für Medizinische Physik und Strahlenschutz (IMPS) der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), der auch Mitglied der Strahlenschutzkommission des Bundes ist, betrachtete das Verhältnis zwischen der Macht der Zahlen, dem »postfaktischen Zeitalter« und dem Strahlenschutz. Drei Faktoren, die auf den ersten Blick wenig miteinander zutun haben, wurden durch Breckow aufgeschlüsselt und ins Verhältnis gesetzt. »Die Auswahl und Bewertung von Fakten zu dem, was Strahlung ist und wie sie wirkt, scheint in der öffentlichen Wahrnehmung gehörig aus der Balance geraten«, stellte der Wissenschaftler fest.

Anhand von Beispielen wie der Zahl der Corona-Toten, der Hospitalisierungsrate von Ungeimpften und der Einkommensverteilung in Deutschland schlüsselte Breckow das Phänomen der Macht der Zahlen in Bezug auf Statistiken auf. In diesem Zusammenhang ging der Strahlenforscher auch auf die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 ein. »In der medialen Berichterstattung wurden zahlreiche Zahlen und Fakten genannt. Dies verhinderte jedoch nicht eine Fehl- und Desinformation großen Ausmaßes. Die Ursachen dafür, Hintergründe und Dynamiken blieben unbekannt. Im Gegensatz zu anderen, auch aktuellen Themenfeldern führte dies nicht zu einem Vertrauensverlust der Medien«, analysierte Breckow. Und ergänzte, dass über eine wichtige Zahl nie berichtet worden sei: »Durch den Fukushima-Unfall, genauer durch die Strahlenfreisetzung, gab es null Todesopfer. Dennoch ist Fukushima, zusammen mit Tschernobyl, fälschlicherweise zu einem Synonym für todbringende Nukleartechnologie geworden.«

Die Begriffe der »Objektivität« und der »Wahrheit« sowie die Möglichkeit der Erkenntnis zu beiden Faktoren seien seit jeher zentraler Gegenstand nahezu aller Philosophen. Angefangen bei Platon über Kant und Hegel bis hin zu Marx. Subjektivität und Objektivität stünden in permanenter Wechselwirkung zueinander. »Fakten bestimmen das Weltbild, auch als historischer Prozess, und das Weltbild bewertet und selektiert die Fakten«, sagte Breckow. Neuerdings sei zudem immer häufiger von »Narrativen« die Rede. »Man kann also auch sagen: Fakten bestimmen das Narrativ und das Narrativ bewertet und selektiert die Fakten. Im Zusammenhang mit Corona wird zunehmend betont, dass ›die Wissenschaft‹ gehört wird beziehungsweise gehört werden solle«, unterstrich er.

»Alternativ« oder »gefühlt«

Beides, sowohl die »postfaktischen Zeiten« wie auch die Narrative, seien jedoch weder neu noch ein Indiz für einen Paradigmenwechsel, so Breckow weiter. Im Bezug auf Fakten und alternative Fakten und der Frage, wie objektiv und wie »wahr« Zahlen und Fakten seien, zitierte er den Dichter Eugen Roth: »Ein Mensch sieht ein und das ist wichtig: Nichts ist ganz falsch und nichts ganz richtig.« Es gehe vor allem um die Deutungshoheit von Fakten, bekräftigte der Wissenschaftler.

»Jeder hat seine eigenen Fakten und Zahlen, und die jeweils anderen werden als ›Alternative Fakten‹ diskreditiert.« Als Beispiel nahm er die Amtseinführungen der ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und Donald Trump und stellte diese einander gegenüber. »Die Presse versteht Trump wörtlich, nimmt ihn aber nicht ernst. Seine Anhänger nehmen ihn ernst, verstehen ihn aber nicht wörtlich«, zitierte Breckow einen Auszug aus den amerikanischen Medien vom September 2016.

»Alternative Fakten« existierten allerdings nicht erst seit Trump. Im Alltag höre Breckow nun immer häufiger von »gefühlten« Fakten, die als relevanter empfunden würden als gemessene Fakten. »Subjektivität wird eine größere Bedeutung beigemessen als Objektivität.« Eine Zahl, so argumentierte der Forscher, möge »wahr« oder »falsch« sein; das besage bereits die Tatsachenwahrheit. Hat aber eine Zahl auch immer eine Bedeutung, und wenn ja, für wen?

Ein gern zitierter Satz über Statistiken offenbare die Dimension des Problems, meinte Breckow, nämlich: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. »Man kann Statistiken fälschen. Man kann Statistiken deuten beziehungsweise interpretieren. Man kann aber auch richtige Statistiken falsch deuten, und man kann richtige Statistiken anders und trotzdem richtig deuten«, verdeutlichte er. Screenshot: Leyendecker

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Breckow © Felix Leyendecker

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