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Studienprogramm gegen Landarztmangel

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Von: Julian Spannagel

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Auch die neuen JLU-Medizinstudierenden haben unterschrieben, zehn Jahre lang als Landärzte oder in Gesundheitsämtern zu arbeiten. Foto: Spannagel © Spannagel

58 Medizin-Erstsemester haben in Gießen, Marburg und Frankfurt unterzeichnet, zehn Jahre lang als Landärzte oder in Gesundheitsämtern zu arbeiten. Grundlage ist eine Landarztquote.

Gießen . 58 neue Medizinstudierende sind nun an der Justus-Liebig-Universität (JLU), der Frankfurter Goethe-Universität und der Philipps-Universität Marburg eingeschrieben. Das Besondere: Sie haben unterschrieben, dass sie zehn Jahre lang als Landärzte oder in Gesundheitsämtern arbeiten werden. Grundlage dessen ist eine Landarztquote. Zudem erwartet sie ein neues Studienprogramm nach »hessischem Weg«. Mit einem Festakt wurden sie im Medizinischen Lehrzentrum der JLU begrüßt.

Die Erstsemester sind teils gerade aus der Schule gekommen, manche haben bereits Berufserfahrung hinter sich. Anders als ihre anderen Kommilitonen an den drei Standorten sind sie jedoch keine Einser-Abiturienten, sondern haben über die Quote ihren Fuß in die Universitätstüren bekommen. Diese gilt seit Anfang 2022. Die Auswahl für das Studienprogramm »HeLaMed - Hessen.Land.Medizin« erfolgte nach persönlicher und fachlicher Eignung im Rahmen eines Verfahrens. Es wird gefördert von den hessischen Ministerien für Soziales und Integration sowie Wissenschaft und Kunst. Das Programm unterscheidet den »hessischen Weg« von der Quote, die es bereits in den meisten Flächenbundesländern gibt.

Zu den üblichen Inhalten eines Medizinstudiums kommen einige ergänzende Bestandteile hinzu, die laut Prof. Ferdinand Gerlach, der das Programm vorstellte, einen geringen Mehraufwand bedeuten. Von Anfang an soll ein Schwerpunkt auf praktischen Erfahrungen liegen. Möglichst früh sollen die angehenden Allgemeinmediziner und Hausärzte auf Patienten treffen, sodass Theorie und Praxis Gleichschritt halten. Vorgesehen sind dafür etwa Praktika in Landarztpraxen. Eine Neuheit ist zudem ein Mentoringprogramm. So sollen die Studierenden von Gleichaltrigen, jungen Ärzten und erfahrenen Landärzten beraten werden und die Möglichkeit erhalten, persönliche Fragen zu klären. Des Weiteren ist vorgesehen, dass universitätsübergreifende Seminare der drei Standorte angeboten werden. Mithilfe der ersten 58 Studierenden des Programms soll zudem Selbiges für nachfolgende Studienanfänger verbessert werden. Ein weiteres Kernstück des »hessischen Wegs« ist darüber hinaus die begleitende Umsetzung der Digitalisierung. Zum einen soll das Studieren selbst digitale Bestandteile haben, etwa die Teilnahme an Veranstaltungen von Landarztpraxen aus. Zum anderen sollen die Studierenden auf die neuen Anforderungen einer digitalisierten Versorgung vorbereitet werden. Eine erneute Bewerbung für »HeLaMed« für das Wintersemester 2023/24 ist im Februar 2023 möglich. Das Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG) bereitet derzeit eine entsprechende Kampagne vor.

Hintergrund des Programms ist der Ärztemangel in ländlichen Regionen. Zwar verpflichten sich die Studierenden durch den Vertrag, doch Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität, betonte die Vorteile. So sei der Beruf des Hausarztes abwechslungsreich und frei von Schicht- und Nachtdienst. Teampraxen böten zudem die Möglichkeit zur Gestaltung durch Abstimmung untereinander. Der Professor betonte zudem die Vorzüge des Landlebens, wie etwa bessere Luft und eine kinderfreundliche Umgebung. Städter zöge es zudem aufs Land: »Ich behaupte, es gibt diese Sehnsucht und sie können ihr nachgehen.« Anhand einer repräsentativen Studie illustrierte Gerlach, dass Hausärzte besonders glücklich mit ihrer Berufswahl sind. Und schließlich sei auch den Verantwortlichen am Erfolg der Studierenden gelegen. »Wir wollen, dass sie erfolgreich sind. Wir wollen, dass sie gute Ärztinnen und Ärzte werden«, so Gerlach. Neben jenen, die es über die Quote in das Programm geschafft haben, wurde auch eine begrenzte Anzahl weiterer Interessierter aufgenommen. Zudem besteht Aussicht auf ein weiteres Studienprogramm, welches auf das öffentliche Gesundheitswesen ausgerichtet ist.

Prof. Annette Becker, Studiendekanin und Leiterin der Abteilung Allgemeinmedizin in Marburg, pochte auf eine Wichtigkeit, die den Studienanfängern angesichts der Umstände zukommt. »Wir brauchen eine starke Primärversorgung«, so Becker mit Verweis auf die Veränderungen durch Globalisierung, Urbanisierung und demographischen Wandel. Ihr Plädoyer bekräftigte sie zudem mit Verweis auf die Pandemie sowie Überschwemmungen durch den Klimawandel. Kai Klose, Minister für Soziales und Integration, richtete seine Grußworte in Form einer Videobotschaft an die Studierenden. Dabei sprach er auch für die Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn. Es sprach zudem Prof. Joachim Kreuder, Leiter des Instituts für hausärztliche Medizin an der JLU. Musikalisch begrüßt wurden die Mediziner vom »Tulip Quartet«.

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