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Süßer Satiren nie klingen

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Die Schmachtigallen feiern zusammen mit Lars Ruppel (links) und Daniel Mandolini (rechts) Weihnachten im Stadttheater. © Czernek

Weihnachtsfeier einmal anders: Das A-Cappella-Quartett Die Schmachtigallen trifft im Gießener Stadttheater auf Lars Ruppel. Und eine lebendige Beatbox gesellt sich auch noch dazu.

Gießen. Das A-Cappella-Quartett Die Schmachtigallen und der Gambacher Poetry-Slam-Meister Lars Ruppel gemeinsam auf einer Bühne - kann das funktionieren? Die Antwort darauf gaben die fünf Männer am Sonntagabend auf der großen Bühne des Stadttheaters. Und eine Überraschung in Form eines sechsten Künstlers gab es auch noch: Daniel Mandolini, einer der besten Beatboxer des Landes, ergänzte das Programm mit seinen speziellen Qualitäten.

Der Berliner lieferte die passende Geräuschkulisse zu den Textpassagen. Und das mit extrem viel Spielfreude, bei der auch der ein oder andere kleine Patzer wie gewollt wirkte. Zudem wurde er als Dialogpartner einer etwas anderen Weihnachtsgeschichte von Lars Ruppel beansprucht. Zusammen bildeten sie ein unschlagbares Team.

Gelsenkirchener Barock

Das Bühnenbild war zuckersüß mit Kamin und Möbeln nach Art des Gelsenkirchener Barocks ausgestattet und passte zu einer rührseligen Weihnachtsgeschichte. Und auch die vier stimmstarken Schmachtigallen boten im Frack das Bild einer festlichen Runde. Doch auf der anderen Seite der Bühne sorgten Ruppel und Mandolini mit ihren Texten und Geräuschen dafür, dass die Stimmung nicht zu süßlich-kitschig wurde. Ruppel, der Meister des scharfsinnigen Wortwitzes, hatte auch diesmal tagesaktuelle Texte vorbereitet, die unter dem Leitmotiv »Weihnachten in Zeiten von Corona« standen. Das Weihnachtslied »Morgen, Kinder, wird was geben« dichtete er etwa auf die aktuelle Situation um.

Zudem rechnete er in seiner Weihnachtsgeschichte in Coronazeiten so gnadenlos wie bissig mit Querdenkern und Impfverweigerern ab. Bei ihm begeben sich die Impfgegner Maria und Josef auf die Suche nach einer ominösen Klinik, die von Coronaleugnern irgendwo in Sachsen betrieben wird. Denn Marie ist nicht schwanger, sondern am Virus erkrankt. Nur: Wie kann man an etwas erkranken, das es überhaupt nicht gibt?

Am Ziel ankommen treffen sie auf sämtliche prominente Figuren der Szene, lassen sich von Worthülsen der Coronagegner berieseln und werden schließlich von den drei Notfallmedizinern Caspar, David und Melchior gerettet, die als Gaben Sauerstoff, Medikamente und die gute alte Schulmedizin mitbrachten. Ende gut, alles gut? Eine Läuterung der Beiden und damit ein versöhnliches Ende blieb Ruppel dem Publikum schuldig.

Sonst kommt der Lauterbach

Dafür teilte der Dichter gerne und gut aus - auch gegenüber den vier Schmachtigallen. Die Sänger wies er nach ihrem ersten Auftritt erst einmal zurecht, dass sie weder Weihnachtliches zum Programm beitragen, noch Blumensträuße in Zeiten des Virus zu werfen hätten. »Passt bloß auf, sonst kommt der Lauterbach um die Ecke und streut Euch Salz in die Augen!«

Also alles auf Anfang: »Macht hoch die Tür« sangen Roland Furch, Severin Geissler, Jan Hofmann und Martin Ludwig - wieder in ihrem gut gelaunten, typisch swingenden A-Cappella-Sound. Die Textpassagen wurden von den vier Musikern mit passenden Einlagen unterbrochen, die der oft beißenden Spitzfindigkeit ein I-Tüpfelchen aufsetzten. So hielten die Schmachtigallen alles in einer passend ironischen Balance.

Doch auch Mandolini wechselte kurzfristig die Seiten und unterstützte die Sänger mit seinem Beat bei dem bitterbösen Maybebop-Song »Das Programm zu Heiligabend«. Und auch das klang richtig gut zusammen. Nach einer guten Stunde geballter Sprach- und A-Cappella-Power war es dann leider vorbei. So erfrischend gewitzt und aktuell wie hier wird man nur selten auf das Weihnachtsfest vorbereitet.

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